WM-Qualifikation
Okafor fasziniert, Yakin macht die Nati noch variabler und Widmer zeigt, wie wichtig die Form ist – das sind unsere Erkenntnisse nach dem 1:1 gegen Italien

Beim Remis der Nationalmannschaft in Rom sind vier Punkte besonders aufgefallen. Unter anderem zum Trainer, zu einer Neu-Entdeckung und zur Widerstandsfähigkeit des Teams.

François Schmid-Bechtel und Christian Brägger aus Rom
Drucken
Die Schweizer Spieler bedanken sich in Rom bei ihren Fans für deren Support.

Die Schweizer Spieler bedanken sich in Rom bei ihren Fans für deren Support.

Keystone

Die Schweizer Fussballnati ringt Italien ein 1:1 ab und hat weiterhin intakte Chancen, sich auf direktem Weg für die WM 2022 in Katar zu qualifizieren. Doch was sind die wichtigsten Erkenntnisse nach dem neuerlichen Unentschieden gegen den amtierenden Europameister?

Noah Okafor ist mehr als eine Zukunftshoffnung

Der routinierte und schlaue Haris Seferovic? Verletzt. Der unwiderstehliche und formstarke Breel Embolo? Verletzt. Es ist ja nicht so, dass die Schweiz traditionell ein Überangebot an guten Stürmern hat. Was bedeutet: Wenn normalerweise die beiden besten Stürmer des Landes ausfallen, herrscht im ganzen Land Alarmstufe Rot. Erst recht, wenn der Gegner Italien heisst, der Spielort Rom ist und man auf Sieg spielt. Aber einer bleibt gelassen: der neue Nationaltrainer Murat Yakin.

Er holt einen Stürmer aus der U21, den er noch nie zuvor aufgeboten hat und auch nicht aus seiner Zeit als Klubtrainer kennt. Ein Wagnis? Schon. Aber Yakin hatte Noah Okafor spätestens auf dem Radar, als er im August zum Nationaltrainer ernannt worden ist. Nicht unbedingt für den Match im November in Italien. Aber wenn es die Umstände erfordern…

Daumen hoch für Noah Okafor: Der Offensivspieler von RB Salzburg hat gegen Italien überzeugt.

Daumen hoch für Noah Okafor: Der Offensivspieler von RB Salzburg hat gegen Italien überzeugt.

Keystone

Sieben Minuten hatte Okafor zuvor erst in der Nati absolviert. Und das vor etwas mehr als zwei Jahren. Gegen England. In der Nations League im Spiel um Platz 3. Die Absicht des damaligen Nationaltrainers Vladimir Petkovic hinter der Aktion? Den Sohn eines Nigerianers und einer Schweizerin an die Schweiz zu binden. Ein Wechsel zur nigerianischen Nationalmannschaft war fortan nicht mehr möglich.

Ein halbes Jahr nach dem Nati-Debüt wechselte Okafor von Basel nach Salzburg. Für eine Ablöse von etwa 13 Millionen Franken. Nie zuvor gab der Red-Bull-Klub mehr Geld für einen Spieler aus. Sein Start in der Mozartstadt ist mehr als okay. Aber nicht atemberaubend. Was aber normal ist. Denn wer neu in den erlauchten Kreis der Hochbegabten aufgenommen wird, steht häufig erst mal etwas im Schatten. Der Vorteil in Salzburg ist aber: Wer richtig gut ist, findet sich bald im Rampenlicht, weil der Klub DIE Talentfabrik Europas ist und jährlich seine Hauptdarsteller für viel Geld verkaufen kann.

Der Durchbruch zum Leistungsträger gelingt Okafor in dieser Saison. Und in der Nati? Da knüpft er an die Leistungen aus dem Klub an. Auch gegen den Europameister. Kaum auf dem Platz, bereitet er nach einem sehenswerten Dribbling gegen keinen geringeren als den Weltklasse-Verteidiger Bonucci das 1:0 von Silvan Widmer vor. Und Okafor bleibt ein Problem für die Italiener. In der 16. Minute verfehlt er knapp. Zwei Minuten später offeriert er Shaqiri die Möglichkeit zum 2:0.

Es ist ein faszinierender Auftritt des Baslers im Stadio Olimpico. Einerseits, weil er mit seinem Tempo und seiner Abgebrühtheit begeistert. Andererseits, weil er wie die grössten des Fachs die Gabe hat, den Ball in einer fliessenden Bewegung anzunehmen und weiterzuverarbeiten, was ihm einen Vorteil an Zeit und Raum verschafft. Es würde nicht erstaunen, wenn ab dem nächsten Jahr und für viele weitere Jahre das Sturmduo Embolo/Okafor die Schweiz entzücken wird.

Mit Yakin ist mehr Tempo und Variabilität im Spiel

Egal wo, egal gegen wen: Vladimir Petkovic forderte Spielkontrolle, Ballbesitz, Dominanz. Es war sein Mantra. Und es war sein Weg, eine Elf zu formieren, an der er nur im Notfall rüttelte. Meist gab es unter Petkovic im Vorfeld einer Partie kaum Diskussionen über die Aufstellung. Es war stets klar, wer spielen würde. Auch wenn einer der Stammspieler im Klub eine schwierige Phase durmachte. Der Vorteil: Die Mannschaft war eingespielt. Der Nachteil: Die Schweiz war ein Stück weit berechenbar.

Murat Yakin hingegen proklamiert das Leistungsprinzip. Sicher, er wird seit Amtsbeginn gezwungen, neue Lösungen zu suchen, weil sich immer wieder wichtige Spieler verletzt abmelden. Aber bei dieser Suche nach Lösungen geht er so unvoreingenommen wie konsequent vor. Entscheidend bei der Selektion ist für ihn nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Also Form und Fitnessstand des Spielers. Und so kommt halt mal Michel Aebischer zum Einsatz, wenn er bei YB eine gute Phase hat. Oder wie in Rom der bis dato natiunerprobte Okafor statt Mario Gavranovic.

Murat Yakin verhilft der Nationalmannschaft zu mehr Tempo.

Murat Yakin verhilft der Nationalmannschaft zu mehr Tempo.

Freshfocus

Es ist nicht so, dass Petkovic falsch und Yakin richtig handelt. Für den Fussball, den Petkovic einforderte, sind funktionierende Automatismen elementar. Tempo war indes weniger wichtig, weil Petkovic das Offensivspiel nicht vertikal ausrichtete. Für den Fussball, den Yakin sehen will, sind Leidenschaft, Unberechenbarkeit, Fitness und Form die wichtigsten Parameter. Denn Yakin fordert Tempo, Tempo, Tempo. Da darf ruhig auch mal ein langer Ball in den Raum, wenn nötig auch ein bisschen auf gut Glück, gespielt werden. Es wird spannend sein, welche Rolle er für Haris Seferovic vorsehen wird, wenn dieser wieder fit ist. Denn ein Konterstürmer ist Seferovic definitiv nicht.

Unser Kommentar zum Italien-Spiel:

Silvan Widmer reist in bester Verfassung zur Nati – und zeigt, wie wichtig der Formstand ist

Was für ein grosses Spiel von Silvan Widmer gegen Italien. Lange hat die Nationalmannschaft nicht so viel mit dem Verteidiger anfangen können, zweimal fiel er dem letzten Cut vor einem Grossanlass zum Opfer. Er fing sich auf, wechselte nach passablen Jahren bei Udinese in der Serie A zum FC Basel und wurde dort eine grosse Stütze. An der EM in diesem Sommer spielte er teilweise von Beginn weg, die Leistungen der vergangenen Saison machten Mainz auf den Aargauer aufmerksam, der Wechsel kam zustande.

Silvan Widmer bejubelt seinen Führungstreffer gegen Italien.

Silvan Widmer bejubelt seinen Führungstreffer gegen Italien.

Keystone

Seither ist Widmer ein etablierte Bundesligaprofi, Stammspieler, zuletzt bezwang der 28-Jährige in der Meisterschaft Yann Sommer, den Natiokollegen im Tor, mit dem schwächeren linken Fuss und einem prächtigen Schlenzer ins Lattenkreuz; es war der späte Ausgleichstreffer gegen Gladbach. Und wenn‘s läuft, dann läuft‘s. Dann kann Widmer auch ein Lorenzo Insigne nichts anhaben, dann taucht Widmer früh ganz vorne auf und hält voll drauf. Dann sprintet Widmer selbst zu fortgeschrittener Zeit nach einem Schweizer Angriff zurück und verhindert in letzter Sekunde italienische Torgefahr. Dann hat er auch das Wettkampfglück, dass ein Fehlpass vom Gegner nicht ausgenützt wird.

Widmer ist der beste Beweis, dass es eben schon auch darauf ankommt, in welcher Verfassung man zur Nationalmannschaft reist. Ob man Ersatzspieler ist im Klub, oder ob dieser einen guten Lauf hat, in der Liga überrascht und die Arrivierten ärgert. Ja, die Entwicklung von Widmer macht Spass, und irgendwie scheint sie noch nicht abgeschlossen.

Das sind die Noten der Nati-Spieler gegen Italien:

Resilienz als Markenzeichen

Ja, die Schweizer Nationalmannschaft - irgendwie traut man ihr einfach nicht über den Weg. Und denkt sich dann, dass es nicht reichen wird gegen einen Grossen. Das hat nur zu einem kleinen Teil mit ihren Spielern, vielmehr mit dem Wesen des Schweizers zu tun, der eher zurückhaltend ist und dem das Selbstbewusstsein nicht unbedingt in die Wiege gelegt wird.

Und dann? Zeigt uns die Nationalmannschaft in der Nations League zweimal gegen Deutschland und einmal gegen Spanien, dass sie gegen Favoriten bestehen kann (drei Unentschieden). Vor allem aber belehrt sie uns im EM-Sommer gegen Frankreich und Spanien als klarer Aussenseiter eines Besseren.

Danach wechselt der Trainer, und unter Murat Yakin zeichnet sie trotz zahlreicher Absenzen wichtiger Akteure ihre Linie unbeirrt und egal in welcher Besetzung weiter; zweimal remisiert sie gegen den Europameister Italien, wiederum als Underdog. Das ist nicht einfach einer gewissen Aufmüpfigkeit oder König Zufall geschuldet, vielmehr der Qualität, Solidarität wie Solidität, und eben auch: der Resilienz.

Egal ob mit neuen oder alten Gesichtern. Die Schweiz kann leiden, ist widerstandsfähig, spielt mit Verve und verschafft sich damit Respekt in ganz Europa. Es kommt nicht von ungefähr, muss Trainer Roberto Mancini Durchhalteparolen bemühen und nach dem Spiel gefühlt etwa hundert Mal betonen: «Wir haben noch immer zwei Plustore Vorsprung.» Nach sieben Spielen, nach zwei Direktbegegnungen notabene. Allein hinter dieser Tabelle steckt viel Lob für und noch mehr Wahrheit über die Schweizer Fussballer.

Aktuelle Nachrichten