WM-Qualifikation
Coumba Sow ist die unscheinbare Aufsteigerin des Nationalteams und die Frau der wichtigen Tore

Nach der Kür gegen Italien muss das Schweizer Nationalteam in Litauen einen Pflichtsieg einfahren. Dabei können sie mit Coumba Sow auf eine Spielerin zählen, die in jedem Spiel besser wird.

Raphael Gutzwiller
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Coumba Sow in Jubelpose.

Coumba Sow in Jubelpose.

Keystone

Über Coumba Sow gibt es eine Anekdote. Als sich das Schweizer Frauennationalteam an der WM 2015 in Vancouver für das Achtelfinal qualifiziert, jubelt Sow mit einem Bier in der Hand auf der Tribüne. Die College-Spielerin ist da noch weit weg vom Nationalteam. Es ist die Zeit, in der sie auch gerne mal dem Nachtleben frönt. «Ich habe damals nicht nein gesagt zu College-Partys», sagt sie.

Sechs Jahre später strahlt Sow in Palermo in die Fernsehkamera. Sie trägt das Trikot mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust, hat beim wichtigen Qualifikationsspiel gegen Italien durchgespielt und den 2:1-Sieg mit ihrem Führungstreffer nach acht Minuten eingeleitet. Euphorisiert sagt sie im Interview: «Jetzt gibt es fette Pizza. Und vielleicht ein Bier.»

Feiern, wenn es angebracht ist

Die Pizza hat es dann erst am Folgetag gegeben und statt einem kühlen Bier gab es zum Anstossen nur ein bisschen Prosecco. Coumba Sow hat gelernt, erst dann zu feiern, wenn es angebracht ist. «Es muss etwas zu feiern geben und auch vom Moment her gut passen. Sonst bleibe ich lieber seriös», sagt sie.

Seit der WM 2015, als Sow noch als Fan dabei war, hat sich viel geändert. Inzwischen ist sie im Schweizer Team unbestritten. Vielleicht ist sie die meistunterschätzte Nationalspielerin, andere stehen mehr im Rampenlicht. Sow ist in den sozialen Medien weniger präsent als Alisha Lehmann, im Spiel weniger dominant als Lia Wälti und weniger trickreich als Ramona Bachmann. Doch sie ist immer dann zur Stelle, wenn es zählt. In der erfolgreichen EM-Barrage gegen Tschechien traf sie genau so wie nun im so eminent wichtigen WM-Qualifikationsspiel in Italien.

Ein Kreuzbandriss, der vieles veränderte

Dabei ist der Weg von Sow in die Startelf der Schweiz ein anderer als der vieler ihrer Mitspielerinnen. Bei Sow geht es nicht nur steil nach oben, der Weg beinhaltet Hürden und Kurven. Die ältere Cousine des heutigen Nationalspielers Djibril Sow gilt als talentiert, als sie 2014 in die USA wechselt. Vom Profidasein ist sie dennoch ein Stück entfernt. Sie studiert, spielt Fussball und geniesst das Leben daneben. Zunächst ist sie zwei Jahre am Monroe Community College, danach an der Oklahoma State University. Dort erleidet sie nach nur zwei Spielen einen Kreuzbandriss und fällt das ganze Jahr 2016 aus. Die Verletzung verändert etwas in Sows Einstellung. «Danach lag mein Fokus auf dem Fussball und nicht mehr auf dem Leben daneben», sagt sie.

Dank ihrer Zahnlücke hiess sie in Oerlikon «Ronaldinha»

Coumba Sow (rechts) jubelt am 20. April 2019 im Cupfinal für den FC Zürich.

Coumba Sow (rechts) jubelt am 20. April 2019 im Cupfinal für den FC Zürich.

Keystone

2018 kehrt sie in die Schweiz zurück, spielt beim FC Zürich und arbeitet 75 Prozent in einem Kinderhort. Noch im selben Jahr debütiert sie im Nationalteam. Schon ein weiteres Jahr später klappt der Wechsel zum französischen Spitzenteam FC Paris. Dort entwickelt sich die Frau, die früher in Oerlikon wegen ihrer Zahnlücke «Ronaldinha» genannt wurde, zu einer Leistungsträgerin. Und sie wird immer besser. Sow ist zwar schon 27 Jahre alt, doch die Entwicklung scheint nicht abgeschlossen. Nationaltrainer Nils Nielsen schwärmt: «Coumba ist nicht nur eine super Spielerin, sondern auch ein fantastischer Mensch. Und fussballerisch hat sie mir schon immer gefallen, doch sie wird immer besser. Sie steigert sich von Spiel zu Spiel.»

Kalte Temperaturen für die einstige Schönwetterfussballerin

Grosser Jubel bei Coumba Sow (links) und Ana-Maria Crnogorcevic.

Grosser Jubel bei Coumba Sow (links) und Ana-Maria Crnogorcevic.

Keystone

Nach dem starken Auftritt gegen Italien geht es für die Schweiz in der WM-Qualifikation in Litauen weiter. Von der Wärme auf Sizilien reiste das Nationalteam in die eisig kalte litauische Hauptstadt Vilnius. Da fühlt sich Sow, die sich früher als Schönwetterfussballerin bezeichnet hat, weniger wohl. «Ich bin ein Gfröhrli. Ich werde mehrere Unterleibchen anziehen. Aber wir können uns das Wetter nicht aussuchen und müssen die Bedingungen annehmen.» Ein Sieg ist Pflicht für die Schweiz, sonst zählt der Erfolg gegen Italien nur wenig. Und so muss das Bier für Coumba Sow noch ein klein wenig warten.

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