Endlich aufs Podest. Man hört den Wunsch oft. Das Schweizer Slalom-Team ist seit einiger Zeit auf gutem Weg. Doch wann kommt der nächste Schritt? Und warum sind die Österreicher schneller auf dem Weg an die Spitze? Schliesslich wurde das Loch, das Benjamin Raich, Mario Matt und Co. hinterliessen, so schnell geschlossen. Macht Swiss Ski etwas falsch?

«Das glaubt nur ihr in der Schweiz», sagt Thomas Sykora. Er muss es wissen. Bis zu seinem Rücktritt 2002 hat der Österreicher neun Slaloms im Weltcup und Bronze an den Olympischen Spielen 1998 gewonnen.

«Nach der Generation mit Matt und Raich hatten wir noch Marcel Hirscher. Doch wir machten uns schon lange zuvor Gedanken, was danach kommt. Wir arbeiten seit vier Jahren daran, eine nächste Generation von Slalom-Cracks aufzubauen. Diese Entwicklung begann also schon vor den Rücktritten», sagt Sykora.

Thomas Sykora, neunmaliger Gewinner eines Weltcup-Slaloms.

Thomas Sykora, neunmaliger Gewinner eines Weltcup-Slaloms.

Nun sind Michael Matt, Marco Schwarz und Manuel Feller da. Sie alle sind in ähnlich alt wie Daniel Yule und Luca Aerni (beide 23). Die Schweizer fahren auf einem ähnlichen Niveau, standen aber anders als Matt und Schwarz noch nie auf dem Podest. Woran liegt das, wenn Sykora sagt, die Österreicher seien nicht schneller im Fortschritt? «Unsere Jungs hatten vor vier Jahren bessere Voraussetzung als die Schweizer. Weil sie sich in jedem Training mit der Slalom-Elite messen konnten.»

Es fehlte die Basis

Macht Swiss Ski also doch etwas falsch? Die Antwort lautet Nein. Zumindest nicht mehr. Denn ähnlich wie die Österreicher hat man im Schweizer Verband vor ein paar Jahren die Slalom-Förderung intensiviert.

Nur war dazumal gar keine Basis vorhanden. Athleten, die mit den Besten mithalten konnten, gab es im Schweizer Slalomteam zuvor viele Jahre nicht. Yule und Aerni hatten beim Einstieg also gar keine Vergleichswerte. «Und wenn das Niveau im Training nicht ähnlich hoch ist wie im Weltcup, hat man im Rennen keine Chance», sagt Sykora.

Genau hier hatten die Österreicher den von ihm erwähnten Vorteil. Dort gab es die Slalomcracks mit Raich und Co.

Slalomcrack Benjamin Raich war viele Jahre an der Weltcup-Spitze anzutreffen.

Slalomcrack Benjamin Raich war viele Jahre an der Weltcup-Spitze anzutreffen.

Mittlerweile ist das Niveau im Schweizer Training hoch. Weil Yule und Aerni quasi in die Rolle der Athleten geschlüpft sind, die im Weltcup nahe bei den Besten sind. Dieser Prozess hat gedauert, ist aber nun matchentscheidend dafür, dass ein Schweizer Podestplatz bald möglich scheint. Es wäre der erste seit 2010 im Slalom.

«Wir haben nun ein starkes Team», sagt der Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer. «Sobald einige Athleten vorne im Weltcup dabei sind, steigt die Trainingsqualität deutlich, weil die anderen Athleten mitziehen wollen. Wir profitieren nun langsam so richtig von der Arbeit, die vor Jahren begann.» Weil sich Aerni, Yule und überhaupt das ganze Slalom-Team gegenseitig pusht.

Grossen Anteil an dieser Entwicklung hat Slalom-Chef Matteo Joris. Der Italiener übernahm diese Position 2015 von Steve Locher, unter dem er zuvor als Assistent gearbeitet hat. Joris erinnert sich an die Anfänge: «Ich habe Athleten erlebt, die talentiert waren. Denen aber komplett das Selbstvertrauen fehlte.»

Es war sein Ziel, dies möglichst schnell zu ändern. «Zu Beginn war die Körpersprache passiv. Alle waren verunsichert», sagt Joris. Auch, weil sie im Training eben keine Vorbilder hatten, die dieses Selbstbewusstsein ausstrahlten. Joris suchte das Gespräch mit allen. «Ich versuchte, ihnen die Mentalität des Italieners zu vermitteln.» Also fast etwas machohaft, oder zumindest: Hallo, hier bin ich und ich kann zum Besten werden. «Am Start muss man mit breiter Brust stehen», sagt Joris.

Es ist ihm gelungen, dieses Denken auf die Athleten zu übetragen. Daniel Yule sagt vor dem Slalom in Adelboden: «Wenn ich gut fahre, kann ich vorne mithalten. Es fehlt nicht mehr viel zum Podest.» Zuletzt war er in Zagreb Vierter.

Luca Aerni sagt: «Es passt im Moment alles zusammen. Das Feeling, die Lockerheit. Ich kann gut fahren, ohne, dass ich über das Limit gehen muss.» Das Selbstvertrauen stimmt. «Mit Vertrauen macht man weniger Fehler, ist aktiver», sagt Joris.

Der nächste Schritt

Doch damit zurück zum Anfang. Endlich aufs Podest. Wann ist es soweit? Schon am Sonntag in Adelboden? «Es gibt immer mal wieder einen Ausnahmekönner, bei dem alles schnell geht», sagt Stauffer. «Doch für alle anderen ist es ein langer Weg. Das gilt bei uns, in Österreich und überall auf der Welt.» Ähnlich tönt es bei Sykora. «Bei Daniel und Luca fehlt nur noch ganz wenig. Wenn an einem Tag alles passt, kann es schon jetzt für die Top 3 reichen.»

Luca Aerni wurde 2015 in Adelboden im Slalom 19. und holte so als einziger Schweizer Weltcuppunkte.

Luca Aerni wurde 2015 in Adelboden im Slalom 19. und holte so als einziger Schweizer Weltcuppunkte.

Im Slalom hat Swiss Ski zuletzt vieles richtig gemacht. Auch wenn sich die Schweizer Skifans natürlich lieber heute als morgen einen Podestplatz wünschen. Luca Aerni sagt: «Ich versuche, einfach weiter zu arbeiten. Immer Schritt für Schritt und irgendwann geht es auf.»

Und Tom Stauffer ergänzt: «Der nächste Schritt ist immer nach vorne. Der nächste Schritt ist das Podest.» Dann ist es endgültig egal, dass die Österreicher – zumindest auf den ersten Blick – schneller waren. Die Basis stimmt jetzt.