Sie war schon im All-Star-Team bei der WM und bei Olympischen Spielen, 2014 in Sotschi gar MVP. Die wertvollste Spielerin des gesamten Turniers. Die Männer wären längst Weltmeister und Olympiasieger, wenn sie einen Goalie dieser Klasse hätten.

Mit Florence Schelling hat sich unser Frauen-Nationalteam stetig entwickelt. 2006 gelingt erstmals die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Seither sind die Schweizerinnen immer dabei. 2014 in Sotschi holten sie als vorläufige Krönung Bronze. Nun haben sie hier soeben gegen Schweden den dritten Sieg hintereinander gefeiert (2:1) und stehen im Viertelfinale.

Es ist für Florence Schelling der 9. Sieg bei einem olympischen Turnier. Keine andere Torhüterin hat so oft auf der olympischen Bühne gewonnen. Auch keine Kanadierin oder Amerikanerin. Ihre Fangquote hier beim aktuellen Turnier liegt nach drei Partien bei sagenhaften 97,50 Prozent.

Sie ist ein Beispiel dafür, wie sehr eine grosse Torhüterin ein Team besser macht. Eine kleine Geste zeigt, wie sehr alle wissen, was sie ihrer «letzten Frau» zu verdanken haben. Wenn die Schweizerinnen ein Tor erzielen, dann fahren die Spielerinnen, die sich auf dem Eis befinden, zum Abklatschen nicht nur an der Spielerbank vorbei, wie dies die Männer tun. Sie kurven auch alle zu ihrer Torhüterin. «Ich schätze das sehr», sagt Florence Schelling. «Ich bin ja auch ein Teil des Teams.»

Kein wilder Spektakelgoalie

Der Zusammenhalt ist vielleicht die grösste Stärke dieses Teams. Was sich an einem weiteren, bemerkenswerten Ritual zeigt: Wenn die Schweizerinnen einen Treffer kassieren, dann fahren alle Spielerinnen zur Spielerbank und gruppieren sich dort zu einem Rudel. Als wollten sie die Hockeygötter beschwören, Energie auftanken und sich gegenseitig aufmuntern.

Florence Schelling wurde zur wertvollsten Spielerin des Eishockeyturniers an den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gewählt.

Florence Schelling wurde zur wertvollsten Spielerin des Eishockeyturniers an den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gewählt.

«Für uns ist dieses Ritual selbstverständlich», sagt Nationaltrainerin Daniela Diaz, die Schwester von EVZ-Verteidiger Raphael Diaz. «Wir haben gegen Kanada ein Testspiel 0:10 verloren und haben es nach jedem Tor so gemacht.»

Was macht die Stärke der Schwester von Lausannes Verteidiger Philippe Schelling aus? Sie ist eine perfekte Stilistin. Kein wilder Spektakelgoalie. Vielmehr eine unheimlich ruhige «Blockerin», die praktisch keine Abpraller zulässt. Und wenn doch, dann weiss sie immer, wo der Puck ist.

 «Sie müssen ja nie überlegen, welchen Goalie Sie nominieren sollen»

Wenn sie nach dem Spiel vom Eis kommt, wirkt sie bei Interviews frisch und fröhlich, als komme sie gerade von einer Party. Es ist ein Zeichen für die grosse Leidenschaft, die alle grossen Spieler und Spielerinnen auszeichnet. Ein vorwitziger Chronist sagte nach der Partie gegen Schweden zu Nationaltrainerin Daniela Diaz, sie habe hier gegenüber Nationaltrainer Patrick Fischer einen riesigen Vorteil. «Sie müssen ja nie überlegen, welchen Goalie Sie nominieren sollen.»

Sie mag zwar nicht widersprechen und rühmt Florence Schelling. Aber sie betont, dass auch die Ersatztorhüterinnen bereit seien. Die Trainerin hat die beste Torhüterin der Welt zur Verfügung und vergisst trotzdem nicht, die Nummer zwei (Janine Alder) und drei (Andrea Brändli) lobend zu erwähnen. Das ist wahrlich vorgelebter Teamgedanke.

Florence Schelling kommt bereits auf elf WM- und vier Olympia-Teilnahmen.

Florence Schelling kommt bereits auf elf WM- und vier Olympia-Teilnahmen.

Florence Schelling ist erst 28. Sie kommt bereits auf elf WM- und vier Olympia-Teilnahmen. Sie hat noch mindestens zehn gute Jahre vor sich. Ein Goalie mit ihrer Klasse kann noch mit 40 sein bestes Hockey spielen. Sie hat alle Chancen, auf der Goalieposition zu werden, was Wayne Gretzky bei den Männern war: eine absolute Ausnahmeerscheinung, die bald nur noch ihre eigenen Rekorde übertrifft.