Weniger Fans
Die Zuschauerzahlen im Eishockey und im Fussball brechen ein – es bleiben mehr Fans zu Hause als vor der Pandemie

Obwohl Fans ihre Teams wieder im Stadion anfeuern dürfen, fallen in der National League und Super League die Zuschauerzahlen. Teilweise sogar dramatisch.

Pascal Kuba
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An einem kühlen, teils verregneten Dienstagabend toben im Berner Wankdorf 31'000 Fans, als Jordan Siebatcheu in der fünften Minute der Nachspielzeit das Siegestor schiesst. Jeder, der zu diesem Zeitpunkt noch sitzt, springt auf. Bierbecher fliegen durch die Luft. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, küssen sich und stimmen nach dem Spiel den Fan-Gesang an. Ein Gefühl, das man nur im Stadion hat. Der Schweizer Meister schlägt Manchester United und feiert so seinen grössten Erfolg auf internationaler Bühne. Eine legendäre Nacht. Es sind Momente, in denen eine Pandemie für die Menschen in Vergessenheit gerät.

Ein Spiel, das keiner der 31'000 Fans im Stadion so schnell vergessen wird.

Ein Spiel, das keiner der 31'000 Fans im Stadion so schnell vergessen wird.

Claudio De Capitani / freshfocus

Das Spiel zwischen YB und Manchester United ist restlos ausverkauft. Dem namhaftesten Gegner in der Champions-League-Gruppe der Berner wird ein würdiger Empfang beschert. Eine Ausnahme, denn abgesehen von diesem Spiel sind die Zahlen der Zuschauer in der höchsten Liga des Schweizer Eishockeys und Fussballs zurückgegangen, teilweise massiv. Das überrascht, denn der Ruf von den Fans nach Normalität und somit auch einem Stadionbesuch war laut.

Paradoxerweise bleiben jedoch mehr Fans zu Hause als vor der Pandemie. In der National League sind es im Schnitt 14 Prozent weniger, in der Super League 17 Prozent. Nun ist es sicherlich verfrüht zu sagen, dass über die gesamte laufende Saison hinweg deutlich weniger Leute in den Arenen ihren Emotionen freien Lauf lassen werden. Wenn aber ab 1. Oktober die Corona-Tests für ein obligatorisches Zertifikat kostenpflichtig werden, könnte sich dieser Trend laut Rolf Bachmann, COO des SC Bern, sogar verstärken.

Verkaufte Anzahl Tickets nicht repräsentativ

Für die Klubs des Schweizer Eishockeys und Fussballs kommt der Zuschauerschwund allerdings nicht überraschend. «Alle Klubs der National League haben deutlich weniger verkaufte Saisonkarten budgetiert», sagt Peter Zahner, Geschäftsführer der ZSC Lions.

Der Zürcher Eishockeyklub konnte Stand heute im Vergleich zur vorherigen Saison, als man noch mit Zuschauern startete, 350 Abonnemente weniger verkaufen. Die abgesetzten Tickets sind, im Vergleich zur letzten Saison, die ohne Covid-Massnahmen stattfand (2018/19), um einen Viertel eingebrochen. Dazu kommt, dass nicht alle Fans mit Ticket am Match anwesend sind. «Die No-Show-Rate ist hoch», ergänzt Zahner.

Die SCL Tigers jubeln nicht nur zu Hause, sondern auch auswärts vor weniger Fans, wie hier in Davos.

Die SCL Tigers jubeln nicht nur zu Hause, sondern auch auswärts vor weniger Fans, wie hier in Davos.

Martin Meienberger / freshfocus

Das gleiche Bild lässt sich auf die Konkurrenz projizieren. Die ganze Liga habe einen Einbruch bei den Abonnements im Bereich von zehn Prozent, schliessen sich die Geschäftsführer Markus Bütler (Rapperswil-Jona Lakers) und Simon Laager (SCL Tigers) an. Vor allem die Langnauer trifft dieser Zustand schwer: «Ticketing und Gastronomie machen den Grossteil unserer Einnahmen aus.» Unter einem enormen Einbruch bei den ersten beiden Heimspielen leidet derweil der EHC Olten in der Swiss League. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Tickets werden im Vergleich zur Saison 18/19 verkauft. «Wir hoffen, für den Klub und die Gesellschaft, dass dieser Zustand bald vorbei ist», sagt Stefan Felder, Mediensprecher der Oltner.

Corona-Nachwehen und abtörnende 3-G-Regel

Die Gründe für das Ausbleiben der Fans sind im Eishockey und Fussball schnell gefunden. «Die Einstellung der Menschen gegenüber dem Zertifikat ist sicherlich ein Stein im Weg», sagt Laager. «Für Manchester United lässt man sich lieber testen als für ein Meisterschaftsspiel», sagt SCB-COO Rolf Bachmann. Während eines schönen Septembers sei der Ansturm in Hallen sowieso geringer. Daneben sind es die «neuen» gesellschaftlichen Konventionen, die einem Stadionerlebnis im Weg stehen. «Die Leute leiden sicher unter den Nachwehen von Corona», sagt Markus Bütler, «man hat in grossen Menschenmengen Angst oder hat Respekt vor ihnen.»

Das Covid-Zertifikat ist bei einem Stadionbesuch ein Muss.

Das Covid-Zertifikat ist bei einem Stadionbesuch ein Muss.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Dem Fussball ergeht es mit dieser Problematik nicht anders. In der Super League leiden vor allem der FC Sion und der Grasshoppers Clubs Zürich unter Zuschauermangel. Die beiden Vereine haben dabei noch ganz andere Sorgen. «Speziell die Fankurven wollen anonym bleiben», sagt Gianluca De Cristofaro, Mediensprecher bei GC. Beim FC Sion werden ausserdem die Saisonkarten neuerdings personalisiert, was einen satten Rückgang von 56 Prozent zur Folge hat.

Bei GC Zürich werden neben der Kontrolle des Zertifikats beim Stadioneingang andere Lösungen getestet. So bekamen Fans mit gültigem Zertifikat ab dem Derby gegen den FC Zürich schon beim Testzentrum und weiteren Standorten ein Bändeli, um Zeitaufwand bei der Ticketkontrolle zu verringern. Laut Gianluca De Cristofaro ein Erfolg: «Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten.»

Normalzustand erst nächste Saison

Wann der lang ersehnte Normalzustand wieder eintritt, ist schwierig vorauszusagen. Die eineinhalb Jahre, die seit Beginn der Pandemie vergangen sind, haben auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Deswegen rechne man bei keiner Verschlechterung der Lage um Corona frühstens nächste Saison mit dem Normalzustand, falls sich die Pandemie-Lage nicht wieder verschlechtert.

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