Olympische Winterspiele 2018
Vier Schweizer Figuren auf ihrem Weg nach Pyeongchang

In vier Monaten finden in Südkorea die Olympischen Winterspiele statt. Die «Nordwestschweiz» begleitet vier Schweizer Figuren auf dem Weg nach Pyeongchang, deren Denken und Handeln in den kommenden Wochen von den olympischen Ringen geprägt ist – je eine Sportlerin und einen Sportler sowie zwei Führungspersonen aus der Schweizer Delegation.

Simon Häring und Rainer Sommerhalder
Drucken
Sabina Hafner pilotiert ihren Zweierbob durch den Eiskanal.

Sabina Hafner pilotiert ihren Zweierbob durch den Eiskanal.

Keystone

Wie die meisten Wintersportler hat Sabina Hafner ein gespaltenes Verhältnis zum Sommer. Es sind die Monate der vielen Sonnenstunden, der warmen Temperaturen und der Lebensfreude.

Aber auch jene der Plackerei und des Leidens im Kraftraum, fernab von dem, was ihr Herz höher schlagen lässt: Der Nervenkitzel, den eine Fahrt mit Tempi von gegen 150 Kilometern in der Stunde durch einen Eiskanal auslöst.

Umso befriedigender muss es für Hafner sein, wenn sie die Auswertung der kürzlich in Magglingen absolvierten Tests vor sich sieht. Sie zeigen: Hafner ist mit 33 Jahren so leistungsfähig wie noch nie.

Zielgerichtet und fokussiert

Es ist die Bestätigung des Gefühls, das sie in den vergangenen Wochen begleitet hat – das Gefühl, gut trainiert zu haben. Gut, das heisst in ihrem Fall vor allem auch: zielgerichtet und fokussiert. Sie achte heute mehr auf die Qualität als auf die Anzahl der Trainingsstunden.

Es ist Ausdruck einer Gelassenheit, die ihr in ihrer ersten Karriere oft gefehlt habe, vermutet Hafner. «‹Damals dachte ich: ‹Wenn ich nicht völlig kaputt vom Training nach Hause komme, war es kein gutes Training.›» Nun spüre sie ein grösseres Vertrauen in ihren Körper und in ihre Fähigkeiten.

Vor allem in den zuweilen einsamen Monaten ohne Fahrten im Eiskanal, in denen die Vergleiche mit der internationalen Konkurrenz fehlen, ist das elementar. Es ist das, was ihr im vergangenen Jahr, als sie in den Bobzirkus zurückgekehrt ist, gefehlt.

Bobfahren», sagt sie, «ist für mich wie Velofahren.

Bobfahren», sagt sie, «ist für mich wie Velofahren.

Nun begleitet die Baselbieterin eine Gewissheit, die Sicherheit schafft. «Bobfahren», sagt sie, «ist für mich wie Velofahren. Am Anfang hatte ich Angst, dass ich beispielsweise den Kreisel in Winterberg nicht mehr fahren kann. Nun weiss ich, dass man das Gefühl dafür nicht so schnell verliert. Dass nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper Bob fährt.» Das sei ein schönes Gefühl.

Cocktail aus Vorfreude und Unbehagen

Und doch begleitet die Baselbieterin dieser Tage ein seltsamer Cocktail aus Vorfreude, Unbehagen und Ungeduld. «Die Vorfreude ist riesig, aber ich habe auch ein komisches Gefühl im Bauch», sagt sie. «Denn das Gemeine ist ja, dass du nicht weisst, wie die anderen Teams trainiert haben.»

Dazu kommt die Unsicherheit, wie gut das Material ist, denn die meisten Konkurrentinnen seien auf einen österreichischen Schlitten umgestiegen, «wir nicht. Ich vertraue auf das Material, das ich kenne», sagt Hafner. Eines aber, das die Unsicherheit nährt.

So gesehen sind die letzten Tage, die Hafner als «Chaostage» bezeichnet, ein Segen. Zwischen Training, Abschied von den Arbeitskollegen der Hochschule in Winterthur, die sie in den kommenden Monaten nicht mehr sehen wird, Materialtests in Cesana, Italien, Leistungstests in der Schweiz und den Vorbereitungen für die ersten Fahrten auf der Rodelbahn in Oberhof bleibt kaum Zeit, um ins Grübeln zu kommen.

In den kommenden drei Wochen geht es für Hafner und ihre beiden Anschieberinnen, die Schwestern Eveline und Rahel Rebsamen darum, Material zu testen und das Gefühl für Bob und Eis zu bekommen – erst in Oberhof, dann in Winterberg, später auch noch in Österreich, in Altenberg.

50 Trainingsfahrten

Bis zum Abflug nach Übersee, wo am ersten November-Wochenende in Lake Placid (USA) die ersten Weltcup-Rennen stattfinden, will Hafner auf 50 Trainingsfahrten kommen.

Um sich für die Olympischen Spiele in Pyeongchang zu qualifizieren, muss Hafner im Weltcup zwei Mal unter die ersten Acht fahren. Diesem Ziel ordnet die Ingenieurin alles unter – und ist, um Geld zu sparen, auch in ihr Elternhaus nach Liestal im Kanton Baselland zurückgekehrt. Eine eigene Wohnung würde das knappe Budget zusätzlich belasten.

Hafner rechnet mit Kosten von 50 000 Franken für die Saison. Alleine die Miete des Bobs schlägt mit 10 000 Franken zu Buche. Doch Gedanken daran möchte sie gar nicht verschwenden. Muss sie nicht. Dank zahlreichen Gönnern und Sponsoren und dem Olympia-Team des Kantons Baselland. «Endlich geht es los. So lange haben wir trainiert und uns vorbereitet. Jetzt», sagt Sabina Hafner bestimmt, «kommt die schöne Zeit.» Jene im Eiskanal.

Das grosse Puzzle des Schweizer Fernsehens

Die Bedürfnisse der SRG in Südkorea sind keine Bestellung ab Stange.

von Rainer Sommerhalder

Es erinnert an das Zusammensetzen eines Puzzles. Bereits Monate vor den Olympischen Winterspielen muss die SRG anmelden, was sie an den verschiedenen Wettkampforten für ihre Übertragungen benötigt. Wo braucht es Moderatoren-Plätze in der Interviewzone, wo Aussenpositionen für die Zuschaltungen aus dem Renngelände, wo berichten Kommentatoren und Experten live aus einer Reporterkabine vor Ort?

Für Sven Sarbach, den Leiter der Sport-Grossprojekte bei der SRG, ist es wie eine Bestellung aus dem Katalog. Hier ein Bildschirm, da zwei Mikrofone, dort drei Kabel. Auch Details dürfen nicht vergessen gehen. Wer braucht wo Internet? Welche zusätzliche Kamera macht Sinn? Etwa in der Reporterkabine, um den Experten live ins Bild zu bringen.

Sven Sarbach.

Sven Sarbach.

Oscar Alessio

Und letztlich ist die Schweizer Kundschaft weltweit ein «Sonderfall». Denn es ist für die SRG keine Bestellung ab Stange. Vier Sprachregionen wollen bedient werden mit unterschiedlichen programmlichen Bedürfnissen. «Auch die Veranstalter kennen und bewundern unsere sprachlichen Eigenheiten inzwischen», sagt Sarbach.

Diese Vielfalt bedarf einer minuziösen internen Planung. Etwa bei Synergien, wenn sich Westschweizer und Tessiner Fernsehen eine Moderatoren-Position teilen oder gar alle drei TV-Stationen Interviews nach dem Rennen gemeinsam machen. Wer ist wann live auf Sendung, auf welchem Sender hört man den Sportler zuerst? Auch das eine Massanfertigung.

«Die ersten Doppel-Salti lösen ein Kribbeln aus»

Skiakrobat Dimitri Isler (22) springt erstmals wieder im Schnee.

von Simon Häring

Gewichte stemmen, den Körper an seine Grenzen führen, ihn fordern, manchmal vielleicht sogar überfordern. Anfang Oktober holte sich Dimitri Isler in Magglingen im Konditionstraining den letzten Schliff für den Olympia-Winter. «Ich wurde schon geschlaucht», gibt er zu. Doch er habe enorm profitieren können und fühle sich sehr gut.

Nach zahlreichen Sprüngen auf der Wasserschanze kehrt er in dieser Woche endlich in den Schnee zurück – trainiert wird auf dem Gletscher in Saas-Fee. Gut fühle sich das an, «aber von den Sprüngen, die ich dann im Wettkampf zeigen will, bin ich noch weit entfernt.»

Doch das, sagt der Aargauer, sei normal. «Wir beginnen in jedem Winter wieder bei Null und achten auf einen sauberen Aufbau», erklärt Isler. Heisst: Die ersten Sprünge bestehen aus einem gestreckten Rückwärtssalto. Am nächsten Tag wird der Schwierigkeitsgrad auf zwei Salti erhöht.

Sein Ziel sei es, Ende der zwei Trainingswochen erste Sprünge mit Doppelsalto und bis zu vier Schrauben zu stehen. «Die ersten Doppelsalti lösen immer ein Kribbeln aus», sagt Isler. Ob der Plan aufgeht, hängt aber auch von den Wetterbedingungen ab. «Der Wind ist unberechenbar und die Schneeverhältnisse sind knapp.»

Kaum besser könnte die Konkurrenz sein. Denn in Saas-Fee trainieren auch die Amerikaner, die derzeit bei den Männern und den Frauen den Weltmeister stellen. Im November trainiert Isler für mindestens drei Wochen in Finnland. Der erste Wettkampf findet erst im Dezember in Peking statt.

Was das Skiwachs auf dem Frachtschiff sucht

Am 3. November reist das erste Olympiamaterial in Richtung Korea.

von Rainer Sommerhalder

Für Susanne Böhlen beginnt jetzt die Zeit, in der sie in vielen Belangen Nägel mit Köpfen machen kann. Die Logistikchefin der Schweizer Olympia-Delegation weiss, dass sich mit dem Saisonstart in den Wintersportarten der Fokus intensiver auf Pyeongchang zu richten beginnt. «Das Bewusstsein für die Olympischen Spiele schärft sich. Vieles wird konkreter. Man fängt an, sich um Details zu kümmern», sagt die Bernerin.

Ganz konkret beschäftigen müssen sich die in Südkorea involvierten Sportverbände derzeit mit dem Materialtransport. Bereits am 3. November wird ein Frachtcontainer im Auftrag von Swiss Olympic verschifft und auf die lange Reise nach Südkorea geschickt.

Susanne Böhlen.

Susanne Böhlen.

Mit interessantem Inhalt: Einerseits Material, das man sehr früh an den Olympiaort transportieren und bis dahin entbehren kann. Zum Beispiel Slalomstangen fürs Training, Geräte für den Kraftraum, Ergänzungsnahrung für Sportler oder Bestandteile für den IT-Bereich. Andererseits gilt es, Zollvorschriften einzuhalten und den Bedingungen für den Flugtransport gerecht zu werden.

Etwa beim medizinischen Material oder dem flüssigen Skiwachs, das aufgrund der geltenden Vorschriften nicht mehr einfach so ins Flugzeug kommt.

Ebenfalls auf dem Programm steht am 31. Oktober das letzte Treffen von Swiss Olympic und den Teamchefs der Sportverbände. Auch hier geht es jetzt um viele Details. Übrigens: Die erste dieser vier Teamchef-Sitzungen fand am 25. November 2015 statt!