Rugby

Rugby-WM auf der Suche nach Kandidaten

Frankreich und Argentinien, die sich am Samstag gegenüberstanden, sind zwei von ganz wenigen nicht-anglophonen Nationen, die im Rugby eine tragende Rolle spielen

Frankreich und Argentinien, die sich am Samstag gegenüberstanden, sind zwei von ganz wenigen nicht-anglophonen Nationen, die im Rugby eine tragende Rolle spielen

Die seit Freitag laufende Rugby-WM ist ein Grossereignis auf der Suche nach einem breiteren Teilnehmerfeld. In der Warteschlaufe befindet sich unter anderem die Schweiz.

Auf den ersten Blick ist die ganz grosse Rugby-Welt gar nicht so weit von der Schweiz entfernt. Nicht in Kilometern: In Frankreich schauen sich über zwölf Millionen TV-Zuschauer die wichtigsten Spiele ihrer Nationalmannschaft an. Und auch nicht in Weltranglisten-Positionen: Die Schweiz belegt den 30. Rang und ist damit nur zehn Plätze schlechter klassiert als der WM-Teilnehmer Russland.

Und doch ist alles ein wenig komplizierter. Rugby tut sich mehr als andere Sportarten schwer, sich über sein Stammland hinweg zu verbreiten. Während der Fussball von England aus die ganze Welt erobert hat, konnte Rugby nur in wenigen nicht-anglophonen Ländern richtig Fuss fassen, in erster Linie in Frankreich, Argentinien und Italien. Dementsprechend trügerisch ist auch die Weltrangliste. Schon in den Top 30 koexistieren ganz verschiedene Rugby-Welten. Von den Neuseeländern, den hoch angesehenen Botschaftern ihres Landes, bis eben zu den Schweizern, die als Amateure fast unbemerkt ihre Länderspiele austragen.

Die besten Rugby-Spieler der Welt sind Profis, seit der internationale Verband 1995 seine Statuten diesbezüglich geändert hat. Ein halbes Dutzend Stars verdient mehr als eine Million Franken jährlich. In der höchsten französischen Liga kommt ein Spieler durchschnittlich auf rund 250'000 Franken pro Saison. Das sind keine Löhne, die mit dem Fussball vergleichbar sind, die aber natürlich für eine grosse Kluft im Vergleich zu Amateuren sorgen.

Leistungszentren in Nyon und Zürich

Es gehört zu den grössten Herausforderungen des internationalen Verbands, die Kleinen näher an die Grossen heranzuführen. "Es ist ein Langzeit-Ziel von World Rugby, die WM aufzustocken", sagt Veronika Mühlhofer, die Geschäftsführerin von Suisse Rugby. "Vorher müssen die Mannschaften aber kompetitiver werden. Niemand hat Interesse an Resultaten wie ein 110:0."

In den letzten Jahren hat sich das Schweizer Rugby in die richtige Richtung entwickelt. Der Verband hat sich so weit professionalisiert, wie es das Jahresbudget von 800'000 Franken ermöglicht. Veronika Mühlhofer arbeitet im 75-Prozent-Pensum, der Chef Leistungs- und Breitensport, der Franzose Sébastien Dupoux, hat eine Vollzeit-Stelle. "Es geht darum, Strukturen aufzubauen", erklärt Mühlhofer und berichtet von den zwei Leistungszentren, die in den letzten Monaten eröffnet wurden, eines in Nyon und eines in Zürich. Dort werden die 20 bis 25 talentiertesten Nachwuchsspieler einmal wöchentlich von einem Nationaltrainer betreut und beraten.

Es wäre vermessen, von einem Boom zu sprechen, aber dank der medial auch in der Schweiz gut abgedeckten letzten WM in England und der Wiederaufnahme ins olympische Programm hat sich die Anzahl Lizenzierte in den letzten fünf Jahren auf rund 5000 verdoppelt. Damit ist Rugby in der Schweiz noch längst nicht über den Status einer Randsportart hinausgekommen, doch die Entwicklung stimmt positiv. "Das Potenzial ist da", freut sich Mühlhofer.

WM-Aufstockung für 2027?

Mühlhofer entdeckte das Rugby während ihres Studiums in den USA. In den letzten 20 Jahren war sie als Spielerin, Trainerin und Funktionärin tätig. Aber auch in anderen Sportbereichen und Sportarten hat sie viel Erfahrung im Management angesammelt. Seit knapp anderthalb Jahren ist Mühlhofer Mitglied des Council von World Rugby und damit am Puls des Internationalen Verbandes. Die meisten Entscheide werden im 48-köpfigen Rat gefällt, dem seit 2018 auch Frauen angehören.

Im Oktober reist Mühlhofer an die WM nach Japan. Ein Thema wird die Erweiterung des Teilnehmerfeldes sein. Momentan ist die Weltmeisterschaft eine nicht ganz, aber fast geschlossene Gesellschaft. Gerademal ein Team aus Europa hat sich die Teilnahme über die Qualifikation gesichert (Russland), alle anderen standen schon nach dem letzten Turnier als Teilnehmer fest. Für die WM in vier Jahren in Frankreich bleibt alles beim Alten. Für 2027 könnte das Turnier aber aufgestockt werden und die grosse Rugby-Welt auch für die Schweiz ein gutes Stück näher rücken.

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