Dolfi Müller ist ein Sozialist. Adrett steckt das feuerrote Einstecktuch in der Brusttasche. Weil er Stadtpräsident von Zug ist, darf auch er bei der Eröffnungsfeier ein paar Worte sagen. Mit ziemlicher Sicherheit ist ihm gar nicht bewusst, dass mit dieser Stassenhockey-WM mehr als hundert Jahre nach der Gründung seiner SP (1888) die ersten Welttitelkämpfe nach den wahren sozialistischen Grundsätzen Realität geworden sind.

Die Kommunisten haben nie geschafft, was die Zuger in diesen Tagen vollbringen: eine WM fürs Volk. Gratiseintritt. Selbst die Sowjets konnten es einst nicht lassen, dem werktätigen Volk bei Weltmeisterschaften ein paar Kopeken Eintrittsgeld abzuknöpfen.

Nicht der «Rote Dolfi» hat dieses Wunder möglich gemacht. Sondern ein Zuger Erzkapitalist. Der Gartenbauer Maurus Schönenberger. Er ist Präsident der Oberwil Rebels, die acht der neun letzten Streethockey-Titel geholt haben. Er amtiert als OK-Chef der WM und sein Trainer Tibor Kapanek (er beschäftigt ihn in seiner Firma als Gärtner) ist auch Nationaltrainer. Wer den Reichen und Mächtigen in Zug die Rosen pflegt, findet auch einen Weg in ihre Herzen.

Globale Unternehmen mit Sitz in Zug wie der Chemiegigant Sika und der Rohstofftitan Glencore alimentieren diese WM und finanzieren ein Budget von sage und schreibe zwei Millionen. Deshalb ist es möglich, freien Eintritt zu gewähren und ein Party-Rahmenprogramm (u.a. mit Pegasus und Beatrice Egli) zu bieten.

Taktisch hochstehend

Die Rechnung geht auf. Zum Startspiel gegen die Bermudas (die Schweiz gewinnt 1:0) sind bereits weit über 4000 Fans gekommen. Sonntag könnte die Arena gegen Kanada (14 Uhr) voll werden. Streethockey bietet beste Unterhaltung. Wer vom Eishockey kommt, denk politisch unkorrekt: Wie Frauenhockey, aber taktisch besser und weniger Fehlpässe. Wer politisch korrekt ist, sagt: Eishockey mit angezogener Handbremse. Und bald zieht dieses Spiel den Betrachter in den Bann.

Auf einem Eishockeyfeld wird in Turnschuhen mehr oder weniger nach Eishockeyregeln mit Hockeystöcken und einem roten Ball gespielt. Weil das Gleiten und die explosive Beschleunigung auf Schlittschuhen nicht möglich sind, wirkt das Spiel langsamer. Aber es ist intensiv und taktisch enorm anspruchsvoll.

Und was dem «Roten Dolfi» sicherlich gefällt: Der Zusammenschluss aller Proletarier aller Länder wird Wirklichkeit. Es sind alles Amateure. Also Sport-Proletarier. Die Zulassungsregeln sind locker: Ein Pass ist nicht nötig. Eine Aufenthaltsgenehmigung oder der Nachweis, dass Vater oder Mutter aus dem betreffenden Land stammen, reicht.

Alle hören auf Laraque

Strassenhockey interessiert Hockeystars. Raphael Diaz und Damien Brunner sind auch im Stadion. Aber auch einen Bären mit Rastalocken. Ist das nicht…nein, das kann nicht sein. Aber er ist es: Georges Laraque (38, 192 cm, 140 kg). Gegen ihn sind selbst Brunner und Diaz nur «Brätzelibuben». Der «Schorsch» hat seine Karriere vor fünf Jahren beendet und gilt als einer der härtesten NHL-Spieler aller Zeiten – aber auch als Gentleman.

Er spricht sanft wie ein Engel und strafte auf dem Eis wie ein zorniger Gott. Was macht er bloss in Zug? Er grinst und erzählt, dass er Haiti coacht. Offiziell ist er zwar nur als Assistenz-Coach gemeldet. Aber klar ist, dass alle nur auf ihn hören. «Meine Eltern stammen von dort. Unsere Spieler haben haitianische Wurzeln, leben aber alle in und um Montréal. Die meisten sind meine Kumpels und wir bezahlen die Reise aus eigener Tasche.»

Spielen könne er wegen Kniebeschwerden leider nicht mehr. Das Bedauern des Kanadiers hält sich indes in Grenzen. «Im Streethockey gibt es ja keine Goons...» Das erste Spiel hat er gegen Italien 1:4 verloren. Seiner glänzenden Partylaune tut es keinen Abbruch. Ob er wohl Beatrice Egli trifft?