Sportgerichtshof

Die Zeit der Scharmützel: Ist die lebenslange Sperre der russischen Doping-Sportler gerechtfertigt?

Die russische und die olympische Flagge wehen derzeit nicht unbedingt in Harmonie.Keystone

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Ab Montag beschäftigt sich der Sportgerichtshof mit den russischen Dopern, die Berufung gegen die Sperre eingelegt haben. Ist ihre lebenslange Sperre gerechtfertigt oder nicht? Das Urteil wird mit grossem Interesse erwartet, denn die Sportler wurden ohne Vorliegen von positiven Dopingproben sanktioniert.

Spätestens am 2. Februar weiss man mehr. Ist der lebenslange Ausschluss 43 russischer Sportler von den Olympischen Spielen durch das IOC gerechtfertigt oder nicht. Mit Ausnahme von Bobfahrer Maxim Belugin, gegen den offensichtlich hieb- und stichfeste Dopingbeweise vorliegen, haben alle von der Disziplinarkommission des Olympischen Komitees abgeurteilten russischen Olympioniken der Winterspiele 2014 in Sotschi beim internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne Berufung eingelegt.

Das Urteil wird mit grossem Interesse erwartet, denn die Sportler wurden ohne Vorliegen von positiven Dopingproben sanktioniert. Das IOC sieht die Beweiskette mit den manipulierten Dopingproben und den Aussagen von Kronzeuge Grigori Rodtschenkow, dem langjährigen Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau und Verantwortlichen des temporären Labors von Sotschi, als genügend stringent für eine Verurteilung an.

Sollten die Lausanner Richter die Urteile allerdings gänzlich umstossen, stünde das IOC nur Tage vor Beginn der Winterspiele in Pyeongchang vor einem Chaos. Welche Sanktionen gegen Russland, die weit über die Sperre einzelner Athleten hinausgehen, wären in diesem Fall noch haltbar?

Im Vorfeld der Verhandlungen vor dem CAS findet ein Psychokrieg statt. Die russische Seite lässt nichts unversucht, um die Glaubwürdigkeit von Rodtschenkow zu untergraben und das politisch ausgerichtete Handeln der internationalen Organisationen IOC und Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur) zu thematisieren.

Die Akteure der Anti-Russland-Front veröffentlichen derweil punktgenau weitere Beispiele für dubiose russische Dopinggeschichten. Etwa das Nicht-Einhalten der Sperre für russische Leichtathleten durch Teilnahmen an der Senioren-Weltmeisterschaft oder die Massenflucht von 36 Athleten beim Aufkreuzen von Doping-Kontrolleuren an einem Hallen-Meeting in Irkutsk.

Reedies Forderung ans Gericht

Selbst Wada-Präsident Craig Reedie meldete sich mit ungewohnt deutlichen Forderungen zuhanden des Sportgerichthofs zu Wort: «Ich denke, es ist in der aktuellen Situation wichtig, dass die IOC-Entscheidungen bestehen bleiben. Wir müssen hoffen, dass die Richter die richtigen Entscheidungen treffen», sagte er in einem Interview. Normalerweise goutieren Gerichte dererlei politische Einflussnahme im Vorfeld ihrer Entscheidungen nicht.

Auch die russische Propaganda war nicht tatenlos. Die Hackergruppe «Fancy Bears» veröffentlichte diversen Mailverkehr zwischen dem IOC und der Wada und wollte damit demonstrieren, dass sich die Organisationen gegen den russischen Sport verschworen hätten.

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Der Hauptvorwurf lautete, der kanadische Chefermittler Richard McLaren habe von der Wada den klaren Auftrag erhalten, auf den Ausschluss der Russen von den Olympischen Spielen in Rio hinzuarbeiten.

Die Veröffentlichung erwies sich eher als kontraproduktiv, denn sie unterstrich mehr die russisch gesteuerte Motivation der «Fancy Bears», als dass sie wirklich einen Komplott aufdeckte.

Umgekehrt nicht förderlich für die Unanfechtbarkeit der Anklage war ein Radio-Interview des amerikanischen Filmemachers Bryan Fogel. Dieser dokumentierte mit dem Film «Icarus» ungeplant die Flucht von Grigori Rodtschenkow in die USA 2016 und entwickelte ein freundschaftliches Verhältnis zum vermeintlichen Mastermind der russischen Dopingbetrügereien.

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Im jüngsten Radio-Interview behauptete Fogel nun, Rodtschenkow habe ihm offenbart, er sei 1983 im Rahmen eines sowjetisch-amerikanischen Austauschs über Dopinganalytik ins Labor nach Los Angeles zu US-Antidoping-Pionier Don Catlin gereist, habe dort aber primär für das damalige Dopingsystem im russischen Sport spioniert.

Weil er durch Catlin von der stark verbesserten Nachweisbarkeit von anabolen Steroiden erfuhr, welche die eigenen Leichtathleten an den Olympischen Spielen 1984 reihenweise hätte auffliegen lassen, schlug Rodtschenkow in Moskau Alarm.

Gewagte Behauptungen

Fogel schloss seine Ausführungen mit der sensationellen These, die Sowjetunion habe die Spiele 1984 in Los Angeles nicht aus politischen Gründen, sondern wegen eines Dopingproblems boykottiert.

Catlin sagte, auf diese Story angesprochen, vor wenigen Tagen per Mail aus, dass das gemeinsame Austauschprogramm mit den Russen erst 1989 startete und er Rodtschenkow dann erstmals begegnet sei.

Ob dieses Radio-Interview, wie von der russischen Seite betont, wirklich Rodtschenkows Glaubwürdigkeit infrage stellt oder doch eher eine unbedachte Wichtigtuerei eines kalifornischen Filmemachers war, bleibt unklar.

Das CAS wird sich ab Montag ein eigenes Bild über die Vertrauenswürdigkeit des russischen Wissenschafters machen können. Rodtschenkow wird per Video-Konferenz ebenso zur Anhörung zugeschaltet wie Richard McLaren, der mit seinen zwei «Reports» die Details des russischen Systemdopings aufdeckte.

Grigori Michailowitsch Rodtschenkow ist ein ehemaliger Direktor eines Moskauer Laboratoriums, dem Anti-Doping-Zentrum, welches von der Welt-Anti-Doping-Agentur im November 2015 suspendiert wurde.

Grigori Michailowitsch Rodtschenkow ist ein ehemaliger Direktor eines Moskauer Laboratoriums, dem Anti-Doping-Zentrum, welches von der Welt-Anti-Doping-Agentur im November 2015 suspendiert wurde.

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