Tennis

Das Achselzucken der Sportweltstadt Münchenstein

Zwei Münchensteiner im Münchensteiner Tennis-Halbfinal, zwei Münchensteiner im Fussball-Nationalteam. Diese weltweit einzigartige Dichte nimmt man in der Vorortsgemeinde ganz gelassen. Euphorie ist jedenfalls Fehlanzeige.

Jürg Gohl

«Zwei Basler im Halbfinal des Basler Tennisturniers!» Da kommen die Fernsehreporter nicht umhin, sich unbewusst einen von Roger Federers Lieblingssätzen auszuleihen: «Das ist ja unglaublich.» Unglaublich ist es in der Tat: Denn korrekterweise müsste das Wort «Basler» durch «Münchensteiner» ersetzt werden.

In der Baselbieter Vorortsgemeinde, die in verschiedene Quartiere zerfällt und laut «Baselland in Zahlen» mit 11 700 Einwohnern die Nummer sieben des Kantons ist, könnten alle den Kopf ein paar Zentimeter höher tragen. Erst recht nach diesem Turnier-Endspurt, an dem zwei Tennis-Spitzenspieler, die beide in Münchenstein als Buben in kurzen Hosen herumgesprungen sind, sich im Halbfinal der Swiss Indoors, ebenfalls auf Münchensteiner Boden und erneut in kurzen Hosen, gegenüber gestanden sind und sich ein packendes Duell geliefert haben.

Doch nicht nur in Roger Brennwalds Turnier, sondern auch in Ottmar Hitzfelds Nationalmannschaft sind die Münchensteiner Elemente nicht wegzudenken: Benjamin Huggel und Hakan Yakin (sowie früher natürlich Murat Yakin) verbrachten ihre Jugend in dieser Gemeinde. Auch wenn sich alle diese Tennis- und Fussball-Sportstars in der Zwischenzeit anderswo niedergelassen haben, so dürfen die Münchensteiner doch für sich in Anspruch nehmen, in universell ausgeübten Spitzensportarten Weltklasse in einzigartiger Dichte hervorgebracht zu haben. Unglaublich.

«Wir sind uns unserer ausserordentlichen Situation natürlich schon bewusst und haben uns speziell über den ‹Münchensteiner› Halbfinal sehr gefreut», sagt Gemeindepräsident Walter Banga und fügt mit unüberhörbarem Stolz hinzu: «Doch man gewöhnt sich halt bei uns allmählich an solche Erfolgsmeldungen. Jetzt ist noch Chiudinelli hinzugekommen.»

«Zwei aus dem gleichen Dorf, das ist sicher sehr aussergewöhnlich. An einem speziellen Zusatz im Trinkwasser liegt das bestimmt nicht. Vielleicht haben wir einfach die besten Turnlehrer», scherzt Hansjörg Haas, der einst den Sekundarschüler Roger Federer im Sport unterrichtet hat. Der Tennisstar hatte bis in die 7. Klasse den normalen Unterricht besucht, ehe er in ein Tennis-Internat wechselte.

Wie alle anderen führt Haas, der selber als Leichtathletik-Förderer bekannt ist, die vielen erfolgreichen Spitzensportler mit Münchensteiner Vergangenheit zur Hauptsache auf «Zufall» zurück. Klar, die Yakins wuchsen gleich neben den Sportanlagen im St. Jakob in der Nähe von FCB und Concordia auf und bei den Tennisspielern stimmte neben dem Talent auch das familiäre Umfeld, mehr kann sich «Münchenstein» aber nicht abschneiden am Erfolg. Im Unterricht habe er gestern jedenfalls keine spezielle Münchenstein-Euphorie ausgemacht.

«Vielleicht hätte Münchenstein kurzfristig etwas tun müssen», sagt Haas vage. Doch was er unter «etwas» versteht, kann er nicht sagen. Er weiss zudem, dass auch der Gemeinderat selbst auf eigenem Boden kaum zu seinen Stars vorgelassen wird.

Auch Albulena Amitosci aus der Konditorei «Buchmann» suchte am Montag bei ihren Gästen vergebens nach einem Zeichen des Stolzes. «Dieses Spiel war sicher ganz speziell. Doch die Welt verändert das nicht», kommentiert sie die Stimmung im Café an der Strasse, die nach einem berühmten Münchensteiner benannt ist. Nach Emil Frey. Kein Sportler, sondern letzter Baselbieter Bundesrat.

Béatrice Grieder, die Gemeindeverwalterin und einst Tennispartnerin von Marco Chiudinellis Mutter, bekennt sogar, dass sie bisweilen Mühe hatte, am Fernseher immer wieder das Attribut «Münchensteiner» zu hören. Marco Chiudinelli lebte «meines Wissens» ohnehin nur kurz in Münchenstein, Federers haben sich aus nachvollziehbaren Gründen für einen neuen Wohnsitz entschieden. Und auf den Anlass selber ist sie nur noch begrenzt stolz, seit Münchenstein auf Geheiss des Kantons die Billettsteuer streichen musste. «Wir verloren einen erheblichen Einnahmefaktor», sagt sie.

Ein anderes Mal mischte sich wegen der Sportler sogar der Bundesrat in die Münchensteiner Politik ein: Arnold Koller setzte sich dafür ein, dass die Bürgergemeindeversammlung vorverlegt wird, damit die Einbürgerung von Murat Yakin noch vor einem wichtigen Länderspiel erfolgen konnte. Münchenstein spielte nicht mit.

Heute pilgern bereits Gruppen zum Jugendhaus von Roger Federer bei den Wasserhäusern. Gleichwohl misst der Münchensteiner Dorfhistoriker, der auch noch exakt gleich heisst wie Fussballer Benjamin Huggel, der zufälligen Häufung der Münchensteiner Sportstars keine Bedeutung bei. «Sie sind ja inzwischen alle fort von Münchenstein», sagt er. Für ihn ist das aber nicht der Hauptgrund für seine ziemlich moderate Reaktion auf den Münchensteiner Höhenflug im Sport. «Ich weiss, viele sind wahnsinnig stolz darauf. Ich nicht.»

Da er laufend und zu allen erdenklichen Tageszeiten Anrufe und Anfragen von Fans erhält, die ihn mit dem gleichnamigen Fussballer verwechseln, erschreckt ihn das Gebaren der Anhänger oft. «Und wir dürfen nicht vergessen: Am Wochenende haben neben Federer und Chiudinelli noch andere Sportler aus Münchenstein für Schlagzeilen gesorgt.» Er denkt an den FC Münchenstein, der in der 3. Liga, fernab von Spitzensport, für einen Spielabbruch nach einer Massenschlägerei verantwortlich war. Das müsste in der Sport-Welthauptstadt nicht weniger unglaublich sein.

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