SC Bern gegen EHC Biel. Der Sieger wird in den Final gegen Zug einziehen. Für einmal ein Spiel mit einer Bedeutung über den Tag hinaus. Ein Rendezvous mit der Geschichte. Vielleicht das Ende einer Dynastie und der Anfang einer neuen Epoche.

Der SCB ist die Hockey-Staatsmacht. Erfolgreich und selbstbewusst bis zur Arroganz. Fest verwurzelt in seiner ruhmreichen Geschichte und im Hockeyvon gestern. Aber auch ein wenig verunsichert. Gerade deshalb noch konservativer und arroganter auf und neben dem Eis – und einem schon fast paranoiden Kontrollwahn verfallen.

Das alte Bern lebt nur noch im Hockey fort

Der EHC Biel ist der Herausforderer dieser wankenden Hockey-Staatsmacht, steht für die neue Zeit und spielt das Hockey von morgen. Der mächtige Hockey-Stadtstaat Bern, vorher noch nieim eigenen Kanton herausgefordert, seit es Playoffs gibt (seit 1986), wird durch neue, revolutionäre Ideen aus der dynamischen Wirtschaftsregion Seeland beunruhigt.

Wie vor 300 Jahren. Als das revolutionäre Frankreich von Westen herkam, das alte Bern stürzte, um eine neue Ordnung zu schaffen, die in den Grundzügen noch heute gilt. Das «Ancien Régime», das alte Bern, lebt nur noch im Hockey fort.

Wenn wir verstehen wollen, wie dieses alte Hockey-Bern tickt und wie das neue Hockey-Biel funktioniert, müssen wir für einmal das Glatteis verlassen und uns dorthin begeben, wo wir wieder sicheren Boden unter den Füssen haben. In die Kabinengänge. Ortstermin Bieler Eisstadion. Am späten Samstagabend nach der 0:1-Niederlage gegen den SCB.

Eine Episode erklärt uns alles

Nach dem Spiel ist noch nicht Feierabend. Eishockey ist ein Schauspiel. Nicht nur das Publikum, das bezahlt, um im grossen Theater der Aufführung beizuwohnen, ist interessiert. Auch draussen im Lande wollen Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern wissen, was passiert ist. Deshalb stehen die Schauspieler und Regisseure, die Trainer und Spieler den Chronistinnen und Chronisten Rede und Antwort.

Eine Episode erklärt uns alles. Ein Reporter des Innerschweizer Lokalradios Radio Central wird im Kabinengang von SCB-Mediengeneral Christian Dick so lautstark und barsch von oben herabzurechtgewiesen, dass die Umstehenden erschrocken innehalten.

Weil er es in der Menschentraube rund um Ramon Untersander nicht geschafft hatte, das Mikrofon hinzuhalten, fragt der Radiomann den SCB-Verteidiger, ob er noch kurz Zeit habe, und stellt ihm ein paar Fragen. Das ist der Grund für den Zusammenschiss im Kasernenhofton.

Beim SCB hat alles sein Ordnung

Trainer Kari Jalonen plaudert für einmal recht locker. Er hat gewonnen. Wenn er nicht gewinnt, plaudert er in der Regel nicht. Am Vortag hatte er die ihm untertänigst ergebenen Lokalhistoriographen zutiefst verärgert, weil er vor dem Spiel nicht zu plaudern geruhte.Das Medienbild dieses grossen Trainers, sein Verständnis von oben und unten, wurzelt in der alten Zeit und mahnt an Wunderläufer Pavo Nurmi, den grössten finnischen Sportler aller Zeiten.

Als ihn das Staatsradio 1967 zum 70. Geburtstag zum Interview bittet, lässt er ausrichten, nur der Staatspräsident sei befugt, ihn zu befragen. Also lässt Urho Kekkonen, 25 Jahre lang Finnlands Staatsoberhaupt, alles stehen und liegen und eilt ins Radio-Studio.

Alles hat beim SCB und Kari Jalonen seine Ordnung. Neben dem Eis. Auf dem Eis. Oben in der Chefetage und unten in den Kabinengängen. Deshalb passt Kari Jalonen so gut zum SCB. So ist es nur folgerichtig, dass der SCB ein defensives Eishockey der alten Schule, der Ordnung, der Disziplin und des Verstandes pflegt.

Im Kabinengang ist zu erkennen, dass in Biel die neue Zeit angekommen ist. Trainer Antti Törmänen, ein Vertreter des modernen Finnland, ein Prophet des Hockeys von morgen («Avanti-Antti») plaudert auch nach einer Niederlage mit einem feinen Sinn für Ironie und Humor.

Modernes Biel

Es passt wunderbar ins Bild, dass er, als er noch ein «Zauberlehrling»war, mit seinem antiautoritären Stil kurzzeitig beim SCB Erfolg hatte (Meister 2013), aber noch als Meistertrainer im Herbst des gleichen Jahres schmählich entlassen wurde. Er ist schliesslich durch Guy Boucher ersetzt worden. Den schlimmsten Vertreter des vorgestrigen Hockeys. Um die alte Ordnung wiederherzustellen.

Biels Medienchef Silvan Andrey, einer Dynastie von Weinbauern entstammend,käme es nie in den Sinn, dreinzufahren wie Christian Dick. Er käme sich lächerlich vor. Auch in Biel haben die Dinge eine Ordnung. Aber alles ist selbst in der Niederlage viel ungezwungener. Es ist die neue Zeit der offenen Kommunikation, der flachen Hierarchien. So ist es nur logisch, dass Biel modernes, offensives Eishockey zelebriert. Mehr ein Eishockey des Herzens und des Gefühls als des Verstandes.

Modernes Eishockey bedeutet nicht automatisch erfolgreiches Eishockey. Schon gar nicht in den Zeiten der Playoffs. Kurzfristig ist mit einem Triumph der alten Ordnung, des «Ancien Régime» zu rechnen. Aber wenn der SCB den Playoff-Final erreichen sollte, so wartet als Gegner der EV Zug. Die neue Macht. Noch dynamischer, moderner und reicher als Biel.