Vom Triumph ins Tal der Tränen: Die Schweizer Nati trifft gegen Spanien auf ein dechiffriertes Team

Die Spanische Nationalmannschaft sucht weiter nach ihrer neuen Identität. Klar ist aber, dass sie sich eine neue Philosophie angeeignet hat.

Céline Feller
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Spaniens Sergio Busquets im Duell mit dem Schweizer Nationalspieler Haris Seferovic.

Spaniens Sergio Busquets im Duell mit dem Schweizer Nationalspieler Haris Seferovic.

Bild: Keystone (Madrid, 10.10.20)

Damit es auch noch für den Letzten zu erkennen ist, wechselt Luis Enrique Adama Traoré ein. Auf den ersten Blick ein Spieler, wie er in den vergangenen, so erfolgreichen Jahren oft zum Einsatz kam in der spanischen Nationalmannschaft: Mit 1,78 Metern kein Riese, ausgebildet in der Jugend des FC Barcelona. Typische Charakteristika in der Furia Roja. Aber Traoré ist eben genau kein typischer Akteur dieses Teams. Denn statt sich durch seine feingliedrige, gar schmächtige Physis auszuzeichnen, mit einem tiefen Körperschwerpunkt, der bestens geeignet ist für eine wendige Spielart, ist Traoré ein Muskelberg. Die Bilder seiner eindrücklichen Physis gingen um die Welt.

Traoré dient als Symbolbild eines neues Spaniens, welches sich nach der erfolgreichsten Epoche seiner Geschichte auf die Suche nach einer neuen Identität machen musste. Nach dem zweifachen Triumph an der Europameisterschaft und dem historischen an der WM 2010 in Südafrika, stürzte das Team vom Triumph ins Tal der Tränen. Plötzlich hiess es: Aus in der Vorrunde, Aus im Achtelfinale, und noch einmal Aus im Achtelfinale. Das einst innovative, nicht lesbare Tiki-Taka? Entzaubert. Oder wie es die Spanier selber nennen: Dechiffriert.

Der Umbruch einer übersättigten und zuweilen überspielten Weltmeistergeneration? Unumgänglich. Manch einen erinnern die Spaniern in ihrem träge fortschreitenden Umbruch an Deutschland. Auch Weltmeistertrainer Vicente del Bosque musste zugeben: «Der Übergang hätte aggressiver sein können». Was er meint: Schneller.

Das Team füllt sich mit Türmen

Denn auch zwei Jahre nach dem kläglichen Scheitern an der WM in Russland sucht Spanien noch immer nach seinem neuen Ich. Sie sind abgewichen vom Tiki-Taka, «das einem Vorspiel gleicht, bevor man mit dem Torschuss endlich zur Sache kommt», wie Trainerlegende Sir Alex Ferguson diesen Spielstil einst umschrieb. Gefunden haben sich die Spanier in einem dynamischeren Pressing, einem direkteren Weg zum Tor. Und sie tun dies mit einem Team, welches den Weltmeistern um Xavi und Iniesta kaum fremder sein könnte.

Nicht, weil es den aktuellen Akteuren an Qualität fehlt. Doch waren es früher die 1,70 Meter grossen Zauberer, welche das Spiel prägten, so beträgt die Durchschnittsgrösse des Kaders im aktuellen Zusammenzug 1,85 Meter. «Die Zeit der Zwerge ist vorbei. Die Nationalmannschaft füll sich mit Türmen», formuliert die Marca bildlich. Vielleicht ist es auch ein kleiner Fingerzeig. Denn auch vom Renommee her sind die Akteure der Auswahl 2020 noch nicht an jenem Punkt angekommen, wo die grossen Figuren der goldenen Generation waren. Viele Unbekannte statt Weltstars prägen neu die Elf.

Die Spanier befinden sich zweifelsohne auf dem richtigen Weg. Sie haben Qualität, aber eine, die noch wachsen kann. Die Verschiebung der EM, scheint es, kam gerade richtig. Bis dann weiss Luis Enrique vielleicht auch, auf welche seiner phasenweise 74 Spieler, welche er zum Kreis der Nationalmannschaft zählt, für den grossen Coup die richtigen sind.