Super League

Viele routinierte Schweizer Fussballer sind arbeitslos – wegen des Jugendwahns und Corona

Die Coronakrise hat den Jugendwahn im Spitzenfussball akzentuiert, Profis im besten Alter bleiben immer zahlreicher auf der Strecke.

Ein Spiel des FC Thun hat sich Stefan Glarner in dieser Saison noch nicht angeschaut. Es würde zu sehr schmerzen, den früheren Teamkollegen von der Tribüne aus zuzuschauen. Am Fernsehen aber zieht er sich Fussball schon rein: Super League, Bundesliga, was halt so läuft. «Es ist nicht so, dass ich mich nicht mehr für diesen Sport interessiere, nur weil ich im Moment nicht mehr spiele», sagt Glarner.

Stolze 308 Pflichtspiele hat er für den FC Thun bestritten. Dass sein Debüt auf das Ende jener Saison 05/06 fiel, in der die Berner Oberländer sensationell die Champions League bestritten und ihre Meisterschaftsspiele noch im Lachenstadion austrugen, zeigt, wie lang Glarner dabei ist. Wobei er zwischenzeitlich beim FC Sion und beim FC Zürich unter Vertrag stand.

Letzte Saison noch Captain des FC Thun, jetzt vertragslos: Stefan Glarner.

Letzte Saison noch Captain des FC Thun, jetzt vertragslos: Stefan Glarner.

Jetzt aber, nach bald 15 Jahren im Profifussball, steht er ohne Vertrag und Verein da. Nach dem Abstieg des FC Thun ist sein nur für die Super League gültiger Vertrag nicht verlängert worden. «Ich habe schon ein gewisses Verständnis für den Klub, dass er in dieser schwierigen Coronazeit mit den fehlenden Zuschauereinnahmen einen Spieler wie mich nicht weiterbeschäftigen kann», sagt Glarner, der vor einer Woche 33 Jahre alt geworden ist. «Aber hart ist es schon, weil der FC Thun für mich als Einheimischen und letztjährigen Captain eine Herzensangelegenheit ist.»

Training mit dem Bruder, dem einstigen Schwingerkönig

Zuerst hatte der Rechtsverteidiger noch ein paar Wochen lang gehofft, es ergebe sich bei einem anderen Klub etwas, aber als das nicht passierte, hat er sich auf dem RAV gemeldet und bezieht nun Arbeitslosengeld. Auf der faulen Haut liegt er allerdings nicht. Von Montag bis Freitag besucht er jeden Morgen ein Fitnesscenter und arbeitet an seiner Physis, manchmal ist sein Bruder Matthias dabei, der Schwingerkönig von 2016. «Das ist cool», sagt Stefan, der überdies vier Mal in der Woche mit der U21 des FC Thun trainiert.

Konkrete Angebote fehlen

Obwohl ihn nach so vielen Jahren im Profifussball in der Schweiz alle kennen, hat er keine konkreten Angebote erhalten. Der Tenor laute immer: Eigentlich sind wir interessiert, aber...Von Existenzängsten und schlaflosen Nächten wird er gleichwohl nicht geplagt. Müsste er eine Familie ernähren, wäre dies anders. «Und ich habe auch etwas auf die Seite gebracht», sagt Glarner. Zudem habe er einen Lehrabschluss als Maurer in der Tasche und die Handelsschule absolviert. Jetzt sei er dabei, Trainerdiplome zu erwerben.

Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es für ihn im Fussball weitergeht: «Ich fühle mich fit und würde gerne noch zwei oder drei Jahre spielen.» Auch dem Ausland würde er sich nicht verschliessen. «Ich muss nun einfach bis im Winter Geduld haben und hoffen, dass sich mithilfe meines Beraters etwas ergibt.» Wenn nicht? «Ich denke, ich würde relativ schnell etwas finden; nicht unbedingt als Maurer, sondern eher in einem Büro.»

Fussballberater Bollendorff: «Vereine setzen vermehrt auf Junge»

Paul Bollendorff kennt sich auf dem Transfermarkt aus.

Paul Bollendorff kennt sich auf dem Transfermarkt aus.

Paul Bollendorff ist Direktor Schweiz der Beratungsagentur Soccer Mondial, deren Portfolio 83 Klienten umfasst, darunter auch Glarner. «Stefan hat den grossen Teil seiner Karriere hinter sich, ist klar im Kopf und kann seine Situation gut analysieren», sagt Bollendorff, der zuvor Chefscout bei GC war. «Die kommende Transferzeit ist für Stefan entscheidend. Entweder gibt es einen Klub, der ihn braucht; oder das Signal bleibt aus, und dann wird es für ihn ganz schwierig.»

Bollendorff sagt: «Es gibt schon seit vielen Jahren den Trend, dass die Vereine vermehrt auf die Jungen setzen, Corona hat diesen noch verstärkt.» Er nennt das Beispiel Parma Calcio, den italienischen Klub, der den 19-jährigen Simon Sohm vom FCZ erworben und 30 Millionen Euro in junge Spieler investiert hat. Logisch, dass dergestalt für erfahrene Akteure die Plätze rar werden. Dass Glarner längst nicht der einzige vereinslose Profi ist, kann für den Spieler kein Trost sein. Im Gegenteil, die lange Liste ist gespickt mit Konkurrenten um einen Arbeitsplatz und Indiz dafür, dass Corona die Situation akzentuiert hat.

Der Sportchef, der noch Routiniers holt

Holt bewusst auch Routiniers: FCL-Sportchef Remo Meyer.

Holt bewusst auch Routiniers: FCL-Sportchef Remo Meyer.

Remo Meyer ist beim FC Luzern Sportchef und bestens mit der Szene vertraut. «Viele Klubs sind extrem vorsichtig unterwegs, weil niemand weiss, wie es weitergeht. Wegen der vielen Fragezeichen verhalten sich die Vereine bei Investitionen defensiv», sagt Meyer. Der 40-Jährige betont aber: «Bei der Kaderplanung muss die Mischung stimmen.»

Beim FC Luzern hat er das zuletzt umgesetzt und mit Dejan Sorgic, 31, und Martin Frydek, 28, zwei Routiniers verpflichtet. Neben diesen hat Meyer Spieler aus dem eigenen Nachwuchs nachgezogen sowie andere Youngsters wie Samuel Alabi 20, Yvan Alounga, 18, und Alex Carbonell, 23, geholt, die eines Tages mit sattem Gewinn verkauft werden sollen.

Wenig attraktive Destinationen oder vereinslos

Das starke Bestreben auf Junge zu setzen hat zusammen mit Corona weitere Konsequenzen. Vereinslose Spieler wie Max Veloso (28, von Xamax zu Sheriff Tiraspol), Sébastien Wüthrich (30, von Servette zu Astria Giurgiu) und Nassim Ben Khalifa (28, von GC zu Esperance Tunis) heuern in wenig attraktiven Destinationen an. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Moreno Costanzo musste seine Karriere beenden.

Moreno Costanzo musste seine Karriere beenden.

Andere, wie Moreno Costanzo (32, zuletzt St. Gallen), Veroljub Salatic (GC, jetzt Assistenztrainer GC-U21) und Igor Nganga (33, Lausanne-Sport) mussten ihre Laufbahn mangels Angebote beenden, obwohl sie gerne weitergekickt hätten. Spieler wie Guillaume Hoarau oder Fabian Lustenberger, die mit 36 und 31 Jahren noch einen Topklub finden, sind heute eher selten. Mit Routiniers ist zwar nicht mehr das grosse Geld zu machen, ihren Wert auf und neben dem Rasen sollten die Klubs jedoch nicht unterschätzen.

Autor

Markus Brütsch

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