Eigentlich sollten die Innerschweizer seit 1895 zehn oder fünfzehn Könige hervorgebracht haben. Aber bis heute hat nur Harry Knüsel den Sägemehlthron bestiegen (1986). Das ist angesichts der Bedeutung Innerschweizer Schwingerkultur geradezu lächerlich. Die Berner haben 23 Könige. Die Berner führen 23:1.

Und auch im Eishockey werden die Zentralschweizer nicht Meister. Zug hat erst einen Titel geholt (1998). Das ist angesichts der Zentralschweizer Hockeykultur und des investierten Geldes geradezu lächerlich. Die Berner (SCB, Biel, Langnau) haben 20 Eishockeytitel gewonnen. Die Berner führen 20:1.

Das Eidgenössische wird am 24. und 25. August in Zug zelebriert und die Hockeyarena ist ins eidgenössische Festgelände integriert. Hockey meets Schwingen. Logisch also, dass sich zwei Sportgrössen aus der Zentralschweiz im Schwingkeller zu Einsiedeln treffen.

Zwei Urchige ihres Sportes

Beide sind zuletzt im Kampf um den höchsten Ruhm an den Bernern gescheitert. Christian Schuler, 31, war 2016 beim letzten Eidgenössischen bester Innerschweizer (4. Rang). Zwei Gestellte gegen Berner (Matthias Sempach, Remo Käser) standen ihm vor der Thronbesteigung. Jesse Zgraggen, 26, hat mit Zug den Playoff-Final gegen den SC Bern verloren.

Zwei Urchige ihres Sportes. Der Amateur und der Profi. Bald einmal sind die beiden ins Gespräch vertieft. Jeder fasziniert von der Sportwelt des anderen. Schuler, mit stämmiger Hockepostur (186 cm/111 kg), kennt Hockey. Er hat als Junior bei Seewen mit Lugano-Stürmer Dario Bürgler gespielt und vielleicht hätte sein Talent sogar für eine Profikarriere gereicht. Zgraggen, mit rassiger Sägemehlfigur (181 cm/95 kg), hat keine Erfahrungen als Schwinger.

Zuerst einmal wird die Situation geklärt. Schuler ist seit Kindsbeinen Ambri-Fan. Er verzeiht Zgraggen den Wechsel zum EV Zug. «Aber ich bin und bleibe Ambri-Fan. Wenn ich einen sportlichen Mann mit Glatze gesehen habe, hoffte ich immer, es sei Peter Jaks. Bei Ambri sind Kindheitserinnerungen im Spiel.»

Ein gemeinsames Ritual verbindet die Sportarten

Mögen Schwingen und Eishockey noch so verschieden sein, so gibt es doch ein gemeinsames Ritual. Ist der Kampf hier, ist das Spiel dort vorbei, gibt es eine Geste der Versöhnung. Die Hockeyspieler reichen sich die Hand. Der siegreiche Schwinger putzt dem Verlierer das Sägemehl von der Schulter.

Schuler sieht aber einen grundsätzlichen Unterschied zum Eishockey. «Wir betreiben unseren Sport wie ein Hobby. Niemand schreibt mir vor, dass ich zum Training kommen muss. Wenn ich im Eishockey nicht zum Training komme, nimmt ein anderer meinen Platz im Team. Als Einzelsportler braucht es eine hohe Selbstdisziplin.»

Ein Thema ist natürlich das Geld. Hätte Schuler auf eine Hockeyprofikarriere gesetzt, dann hätte er viel Geld verdienen können. Zgraggen fragt: «Wurmt Dich das?» Schuler denkt kurz nach, ehe er erwidert: «Ich habe jetzt grad mein Haus fertig gebaut, ich habe zwei gesunde Kinder und ich muss nicht jeden Franken zweimal umdrehen. Ich kann meine Leidenschaft leben, meine Trainingsbedingungen sind optimal und ich habe schon so viel erlebt. Es ist gut so, wie es ist.» Der Marketingfachmann mit eidgenössischem Abschluss geht seinem Beruf nach, hat aber die Möglichkeit, sich optimal auf die grossen Feste vorzubereiten.

Die Zuger Lehren aus der Finalniederlage

Eine Frage brennt Christian Schuler auf der Zunge: «Warum hat es gegen den SCB eigentlich nicht gereicht?» Jesse Zgraggen denkt lange nach, ehe er ein bisschen melancholisch sagt: «Die hatten einfach etwas, was wir nicht hatten. Gleich mehrere Spieler, die wissen, wie man Meisterschaften gewinnt.»

Um dann trotzig nachzuschieben: «Aber wir waren nahe dran. Wer weiss, wie es herausgekommen wäre, wenn wir den zweiten Match gewonnen hätten. Aber wir haben etwas gelernt.» Worauf Schuler, schlagfertig wie er ist, spontan erwidert: «Ja, ihr habt etwas gelernt und den Torhüter von Bern geholt ...»

Neue Chancen

Die Finalniederlage beschäftigt Zgraggen nach wie vor. Er sinniert: «Bern konnte mit der Niederlage im ersten Finalspiel besser umgehen als wir mit der Niederlage im zweiten. Umgekehrt waren wir uns aber bewusst, dass wir Bern im Final nicht mit 4:0-Siegen wegputzen werden.» Worauf Schuler temperamentvoll reagiert: «Aber warum denn? Wieso hättet ihr Bern nicht 4:0 schlagen können? Ich verstehe die Situation ja schon, aber wenn ich in einen Kampf gehe, dann bin ich doch immer felsenfest überzeugt, dass ich ihn gewinnen werde.»

Womit er einen sensiblen Punkt getroffen hat. Das Fehlen des bedingungslosen Selbstvertrauens und der ultimativen Siegesgewissheit dürfte ein Grund für das Scheitern im Final gewesen sein. Und so findet Schuler aufmunternde Worte: «Jetzt kommen ja der Leonardo Genoni und der Gregory Hofmann und es gibt keinen Grund mehr, dass ihr euch wie Underdogs fühlt.»

Zugs Chancen auf einen zweiten Titel im nächsten Frühjahr sind ebenso gross wie die Chancen der Innerschweizer, in Zug den zweiten König feiern zu können.