Grosses Interview
Valon Behrami: «Meine Tochter Sofia hat mich vor dem Rücktritt bewahrt»

Vor dem Qualifikations-Spiel auf den Färöer-Inseln spricht Valon Behrami (32) über seine Familie, seine Vergangenheit und böse Erinnerungen im Schweizer Nationalteam

Etienne Wuillemin
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Valon Behrami: «Wir denken nur an das, was uns in irgendeiner Form betrifft. Weil wir nahe sind. Oder die Betroffenen berühmt sind.» Manuel Lopez/Keystone

Valon Behrami: «Wir denken nur an das, was uns in irgendeiner Form betrifft. Weil wir nahe sind. Oder die Betroffenen berühmt sind.» Manuel Lopez/Keystone

KEYSTONE

Wovon träumen Sie?

Valon Behrami: Mein Leben ist ein Traum! Wenn ich sehe, wie mein Leben jetzt aussieht, was alles passiert ist in meiner Kindheit, dann ist das schöner als jeder Traum, den ich hätte haben können. Manchmal vergesse ich das. Und wenn ich alleine bin und ins Nachdenken komme, dann fällt es mir wieder auf. Es sind überwältigende Gefühle.

Müssen Sie sich manchmal kneifen?

Ja, das ist so. Und gleichzeitig ertappe auch ich mich manchmal im Denken: Immer mehr, immer mehr! Es gibt viele Leute auf der Welt, die sind nie zufrieden und realisieren gar nicht, welch Glück wir haben. Gerade denke ich ab und zu daran, wie toll es ist, wenn das eigene Leben nicht mehr vorbestimmt ist.

Wie meinen Sie das?

Als ich an der Schwelle zum Erwachsenwerden stand, habe ich mir Tausende Gedanken gemacht. Ich fragte mich stets, was andere wohl über mich denken. Egal, was ich gemacht habe. Immer stand diese Frage im Raum: Wie kommt das wohl an? Heute mache ich, worauf ich Lust habe. Bin spontan. Und selbstbestimmt.

Ihre Geschichte ist bewegend. Ihre Familie flüchtete 1990 in die Schweiz. Sie mussten aber auch miterleben, wie Familienmitglieder im Kosovo-Krieg umkamen.

Ja, mein Onkel und mein Cousin wurden auf der Flucht ermordet. Ihre Flucht missriet, an der Grenze wurden sie erwischt. Und danach vor den Augen der Frauen erschossen.

Sie haben diese Geschichte auch in einem Video für Amnesty International erzählt. Wie ist es dazu gekommen?

Sie haben mich angefragt, ob ich über meine Geschichte sprechen würde. Ich sagte: kein Problem. Auch wenn ich etwas Angst hatte vor den Reaktionen. Weil ich nicht zu sehr politisch werden wollte.

Abflug in Bern: Am Freitag bestreiten die Schweizer ein WM-Qualifikationsspiel auf den Färöer-Inseln.
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Von wegen Wind und Regen: Auf den den Färöer-Inseln herrscht prächtiges Wetter.
Assistenztrainer Antonio Manicone beim Training.
Auch die Fans reisen mit auf die Färöer-Inseln.
Bisher haben die Schweizer alle Qualifikationsspiele zur WM 2018 gewonnen.

Abflug in Bern: Am Freitag bestreiten die Schweizer ein WM-Qualifikationsspiel auf den Färöer-Inseln.

Keystone

Und, wie fielen die Reaktionen aus?

Einige lobten mich. Andere kritisierten mich. Sagten: «Du weisst ja gar nicht, wie der Krieg wirklich ist.» Es gab extreme Reaktionen auf beide Seiten – wie immer. Was mich nachdenklich stimmt, sind Aussagen wie: «Du redest ja nur, weil du viel Geld hast!» Das ist heute leider Alltag, vor allem auf Social Media. Selbst wenn ich einen Eintrag mache, in dem ersichtlich wird, dass ich um 6.30 Uhr aufstehe, gibt es Leute, die sagen: «Was willst du überhaupt, ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf!» Der Hass nimmt zu.

Ist das Konzept von Social Media für Sie gescheitert?

Ja, es ist – leider – so. Früher war das super. Dank Social Media kam ich in Kontakt mit Menschen, zu denen ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Heute folgen auf fast jeden Eintrag zehn bis zwanzig böse Kommentare, egal worüber. Wobei ich klarstellen möchte: Ich habe nichts gegen Ratschläge oder Meinungen, solange sie mit Respekt formuliert sind.

Der Terror hat sich mittlerweile schon fast zur Normalität entwickelt. In diesem Frühling wurde auch die Fussballwelt geschockt. Der Bus von Borussia Dortmund wurde bombardiert. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Dortmund war schlimm. Aber was in der Welt generell passiert gerade, ist schlimm. Die Toleranz untereinander nimmt ab. Die Distanz zu. Und genau das ist das Ziel der Terroristen, die Leute auseinanderzutreiben, hier die Katholiken, da die Muslime. Und damit dafür sorgen, dass wir in Angst leben. Uns nicht mehr trauen, auf Konzerte zu gehen oder zum Fussball. Aber zu Dortmund: Mich stört etwas.

Was?

Vorab, noch einmal: Es war ein schrecklicher Angriff. Und zum Glück ist nichts Grösseres passiert, es gab «nur» einen Verletzten. Was wir dabei aber vergessen, ist, was sonst alles auf der Welt geschieht – zum Beispiel in Syrien. Dort gibt es Giftgasanschläge, bei denen 75 Kinder betroffen sind. Aber weil es in Syrien passiert, vergessen wir das ganz schnell. Wenn etwas in der Nähe passiert, dann schreiben alle: Pray for Paris. Pray for London. Pray for Manchester. Pray for dies, Pray for das, Pray for irgendwas! Wenn man schon diese Mentalität hat, dann finde ich, sollte man das überall haben. Und nicht nur dann, wenn es in der Nähe passiert. Nochmals: Ich sage nicht, Dortmund war eine Bagatelle. Aber wenn 75 Kinder mit Giftgas angegriffen werden, ist das eine andere Dimension.

Wenn ein Anschlag eine ziemlich bekannte Fussball-Mannschaft betrifft, gibt das automatisch mehr Resonanz.

Das stimmt schon. Aber die Mentalität, die dahintersteckt, ist gleichwohl egoistisch. Wir denken nur an das, was uns in irgendeiner Form betrifft. Weil wir nahe sind. Oder die Betroffenen berühmt sind. Das zu ändern, ist schwierig.

Sehen Sie eine Möglichkeit?

Es gibt kein allgemeines Rezept. Vielleicht kann jeder etwas Kleines beitragen. Unsere Kinder sind die Zukunft. Und alle Eltern sind gefordert, dass sie ihren Kindern mit auf den Weg geben, dass jede Religion gleichwertig ist. Ich bin überzeugt, dass Kinder keinen Unterschied im Bezug auf die Herkunft machen. Also darf es nie sein, dass Eltern sagen: «Nein, mit denen reden wir nicht, die sind Katholiken.» Oder umgekehrt Muslime.

Sie haben auch zwei Töchter. Die ältere, Sofia, soll dafür verantwortlich sein, dass Sie noch nicht aus dem Nationalteam zurückgetreten sind. Stimmt das?

Ja, das ist tatsächlich so. Wir waren nach der EM zu Hause in Lugano zusammen im Auto unterwegs. Wir sprachen über das Spiel (den verlorenen EM-Achtelfinal gegen Polen, d. Red.) und meine Tochter sagte: «Papi, schade habt ihr im Penaltyschiessen verloren!» Ich antwortete: «Ja, ich weiss.» Dann sagt sie: «Warum bist du so traurig? Ist doch kein Problem. Das nächste Mal klappt es!» Und ich gab zurück: «Ja, aber ich weiss nicht, ob es ein nächstes Mal gibt.» Dann meinte sie, etwas aufgeregt: «Warum denn nicht? Ich will dir nochmals zuschauen können!» Da realisierte ich: Nein, das kann es noch nicht gewesen sein.

Haben Sie es ein Jahr nach der EM
schon geschafft, das Achtelfinal-Aus gegen Polen zu verdauen?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Wir reden noch immer darüber am Mittagstisch, wenn wir im Nationalteam beisammen sind. Es war eine grosse Chance – und wir haben es nicht geschafft. Ich kann diesen Tag nicht vergessen. Aber nicht nur die Niederlage. Auch die Leidenschaft, die Emotionen, die Fans, es war wirklich unglaublich. Diese Gefühle wollen wir noch einmal haben. Ich bin sicher, diese gesamte Erfahrung hilft uns, noch einmal zu wachsen.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Tochter auch Fussballerin wird?

(lacht) Das Wichtigste ist für mich, dass sie überhaupt Sport macht. Der Sport war wichtig für meinen Weg zur Integration, das vergesse ich nie. Wenn es Fussball sein soll für sie – warum nicht? Den einen oder anderen Tipp könnte ich ihr jedenfalls geben.

Schaut sie als Achtjährige bereits jedes Spiel von Ihnen?

In England war das nicht so einfach. Nicht jedes Spiel von Watford lief live im Fernsehen. Aber wenn es Live-Spiele gibt, ist sie immer voller Leidenschaft dabei. Meine Frau hat mir erzählt, dass sie wie ein richtiger Fan kaum stillsitzen kann. Sie hüpft auf und ab. Im letzten Saison-Spiel der Meisterschaft war sie im Stadion.

Sie verloren 0:5 gegen Manchester City...

Danach kam sie zu mir auf den Platz, wir spielten 20 Minuten und dann war schon alles vergessen (lacht). Wobei es ja um nichts mehr ging in diesem Spiel.

Sie mussten Innenverteidiger spielen.

Genau. Zum ersten Mal. Wie mein Partner auch. Alle fünf Innenverteidiger des Vereins waren verletzt. Es war eine interessante Erfahrung. Ich finde, 0:5 ist noch ein gutes Resultat (lacht).

Wissen Sie schon, wie Ihre Zukunft aussieht?

Nein, das ist völlig offen. Wir schauen die Möglichkeiten an und entscheiden dann. Ich möchte die Familie mehr einbeziehen. In London, nun ja, wenn ich das Wetter so betrachte ... Das ist für meine Tochter manchmal unerträglich. Wenn sie rausgehen kann, würde sie am liebsten acht Stunden spielen. Aber so muss sie sich manchmal etwas gar häufig mit dem iPad abgeben (lacht).

Der FC Sion möchte Sie ins Wallis locken.

Ja, es gäbe diese Möglichkeit. Aber ich muss gut nachdenken. Ich übernehme gerne Verantwortung, aber um etwas zu erreichen, braucht es einen guten Plan. Die Art und Weise, wie Vereine organisiert sind in England und in der Schweiz – das ist ein grosser Unterschied. Ich war auch am Cupfinal. Es gibt schon noch einiges zu tun im FC Sion.

Wenn man Ihnen beim Spielen zusieht, sieht man Ihnen manchmal richtiggehend den Schmerz an. Können Sie überhaupt noch ohne Schmerzen spielen?

Es gab vielleicht fünf oder sechs Spiele in diesem Jahr, die ich beschwerdefrei bestritt und auf dem Platz nicht denken musste: Oh, wenn ich diese Bewegung mache, habe ich dann sicher Schmerzen. Aber ja, so ist das, die Schmerzen sind eigentlich immer da. Ich habe mich daran gewöhnt.

Und nun folgt das letzte Spiel der Saison. Die Partie in der WM-Qualifikation auf den Färöer-Inseln. Die Schweiz ist hervorragend in die WM-Qualifikation gestartet. Fünf Spiele, fünf Siege – darunter gegen Europameister Portugal. Wie gross sehen Sie die Chance, dass die Schweiz auch im Oktober zum Ende der Qualifikation vor Portugal steht und sich damit für die WM qualifiziert?

Das ist unser Ziel, klar. Aber daran dürfen wir jetzt nicht denken. Die Färöer sind das Einzige, das zählt. Nicht nur der Gegner ist schwierig. Einige Spieler hatten nach dem Meisterschaftsende eine lange Pause. Und wenn der Kopf mal abgeschaltet ist, dann ist es schwierig, ihn nochmals anzuschalten. Hoffen wir, dass es gelingt!