Turnverband
Béatrice Wertli, die Parteikollegin der Bundesrätin Amherd, soll den Turnverband nach den Magglingen-Skandalen retten

Béatrice Wertli soll den Turnverband aus der Krise nach den Skandalen rund um Magglingen führen.

Raphael Gutzwiller
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Viola Amherd (links) und Béatrice Wertli.

Viola Amherd (links) und Béatrice Wertli.

Keystone (Bern, 5. März 2019)

Die Aufgabe ist riesig. Béatrice Wertli soll den Schweizerischen Turnverband aus der riesigen Krise führen. Zum Start als neue Direktorin gab es für die Aargauerin sogleich eine spezielle Medienkonferenz zu absolvieren, in der sie Besserung des Verbandes versprechen musste. Von ihr wird ein totaler Kulturwandel erwartet. Nach den Skandalen rund um die Kaderathletinnen der Rhythmischen Gymnastik und des Kunstturnens musste ihr Vorgänger Ruedi Hediger als einer der Hauptverantwortlichen zurücktreten.

Die Wahl der CVP-Frau freute bestimmt auch ihre Parteikollegin und Bundesrätin Viola Amherd. «Aber ob das so ist, müssen Sie sie direkt fragen», sagt Wertli lachend am Telefon. Béatrice Wertli, 44, hat alle Voraussetzungen dazu, das nach aussen angekratzte Image des Turnverbands wieder zu polieren. In einer Welt, in der mehrere junge Frauen und Mädchen in den letzten Jahren bewiesenermassen sehr leiden mussten und dafür jeweils ältere Männer zuoberst in der Verantwortung standen, ist die Wahl einer Frau politisch geschickt. So gibt es sogar Gerüchte, wonach sich Viola Amherd dafür eingesetzt habe, dass die offene Stelle durch eine Frau besetzt werde. Amherd hatte sich nach dem Turnskandal eingeschaltet und Veränderungen gefordert. Beim STV, wo rund 60 Bewerbungen für die Stelle eingegangen sind, heisst es, dass Amherd nichts mit dem Auswahlverfahren zu tun habe.

Auch wenn eine CVP-Frau Amherd in einer so wichtigen Funktion bestimmt gefällt: Die Wahl von Wertli auf ihre Parteizugehörigkeit und ihr Geschlecht zu schieben, wäre falsch. Tatsächlich scheint Wertli genau jene Vor­aussetzungen mitzubringen, die für die schwierige Aufgabe nötig sind. Als ehemalige Generalsekretärin der CVP Schweiz und derzeitige Präsidentin der CVP Kanton Bern ist sie in der Politik gut vernetzt. Zudem verfügt sie über Führungserfahrung bei der Schweizerischen Post und beim Bundesamt für Sport, wo sie als Kommunikationsverantwortliche ähnliche Situationen meistern musste.

Der ebenfalls neue STV-Präsident Fabio Corti sagt: «Durch ihre tollen Erfahrungen im Bereich Sport, Politik und Kommunikation ist sie die perfekte Lösung für diese Aufgabe. Darum mussten wir nicht lange diskutieren, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, stand dabei für uns nicht im Fokus. Unser Ziel war es einfach, die ideale Person für den Posten zu finden.»

Ehemalige Triathletin an der Spitze der Turner

Béatrice Wertli ist die Freude über ihre neue Aufgabe anzumerken. Sie spricht davon, dass sie durch die neue Aufgabe ihre Leidenschaft zum Beruf machen könne: «Der Sport ist für mich eine grosse Passion. Ich bin enorm stolz, beim STV zu sein.» Jahrelang war Wertli Mitglied in verschiedenen kleineren Sportvereinen, kennt von daher das Vereinsleben. In den 1990er-Jahren war sie zudem Mitglied der Triathlon-Junioren-Nationalmannschaft, später lief sie regelmässig Marathons.

Béatrice Wertli ist in der Politik gut vernetzt: Hier ist sie zu sehen zusammen mit Konrad Graber (ehemaliger Ständerat CVP Kanton Luzern, links) und Peter Keller (SVP-Nationalrat Nidwalden).

Béatrice Wertli ist in der Politik gut vernetzt: Hier ist sie zu sehen zusammen mit Konrad Graber (ehemaliger Ständerat CVP Kanton Luzern, links) und Peter Keller (SVP-Nationalrat Nidwalden).

Bild: Kurt Liembd (Stans, 28. Januar 2016)

Als Direktorin des STV tritt Wertli als Präsidentin der CVP Kanton Bern zurück, bleibt der CVP aber als Parteimitglied erhalten. Ihre Erfahrungen aus der Politik helfen ihr in dieser Krisensituation, ist Wertli überzeugt. Und sie sagt: «Krisenmanagement ist im Jahr 2021 sowieso für viele Verbände und Firmen durch die Coronasituation ein grosses Thema. Natürlich kommt bei uns mit den schlimmen Vorkommnissen in Magglingen nochmals eine weitere Krise dazu. Aber ich bin überzeugt: Die Krise ist für uns als Verband auch eine Chance.» Die langjährige Kommunikationsexpertin verspricht, dass der Turnverband künftig transparenter kommunizieren möchte.

Privat ist Wertli mit dem Schweizer Preisüberwacher Stefan Meierhans verheiratet. Das Promi-Paar hat zwei gemeinsame Töchter. Wertli freut sich auch im persönlichen Gespräch darüber, dass sie dank ihrer neuen Funktion beim STV, der den Hauptsitz in Aarau hat, häufiger in ihrer Heimat, dem Kanton Aargau, anzutreffen ist.