Spiel, Satz, Betrug
Untersuchung bestätigt massive Spielmanipulationen im Tennis – betrügen wirklich nur die Kleinen?

Hunderte manipulierte Matches, Dutzende beteiligte Spieler: Das Profitennis ist ein Schlaraffenland für Spiel- und Wettbetrüger. Eine Untersuchung hat nun massive Spielmanipulationen bestätigt – allerdings nicht bei den Superstars.

Rainer Sommerhalder
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Der angeblich 28 Millionen Dollar teure Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission hat Licht in die weit verbreitete Welt der Spielmanipulation im Tennis gebracht. Trotzdem bleibt gemäss Insidern vieles weiterhin im Schatten – etwa manipulierte Partien auf der ATP-Tour. So soll die Wettmafia etwa 2015 auch an den US Open (Bild) ins Geschehen eingegriffen haben.Keystone

Der angeblich 28 Millionen Dollar teure Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission hat Licht in die weit verbreitete Welt der Spielmanipulation im Tennis gebracht. Trotzdem bleibt gemäss Insidern vieles weiterhin im Schatten – etwa manipulierte Partien auf der ATP-Tour. So soll die Wettmafia etwa 2015 auch an den US Open (Bild) ins Geschehen eingegriffen haben.Keystone

KEYSTONE

Spiel, Satz und Betrug. In keiner anderen Sportart werden so viele Wettkämpfe manipuliert wie im Tennis. Dass der Tennisplatz ein Schlaraffenland für Wettbetrüger ist, bestätigen verschiedene Statistiken rund um den Milliardenmarkt der Sportwetten.

Die European Sports Security Associaton (ESSA) zum Beispiel, eine von knapp 20 Wettbüros zur Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit gegründete Organisation, listet in ihrem Jahresrapport 2017 insgesamt 266 Verdachtsmomente im Sport auf, 160 davon stammen vom Tennis. Fussball folgt mit 45 verdächtigen Spielen abgeschlagen auf Platz 2.

Die BBC und das Internetportal Buzzfeed behaupteten vor drei Jahren, dass nicht weniger als 16 aktuelle oder ehemalige Top-50-Spieler der Welt Partien manipulierten. Diese Schlagzeile erschütterte die drei grossen Tennisverbände (ATP, WTA und ITF), die Anfang 2016 eine unabhängige Untersuchung veranlassten.

Ein dreiköpfiges Juristen-Gremium aus England und den USA sollte innert neun Monaten Ergebnisse präsentieren und Vorschläge machen, wie man das offensichtlich intern bekannte Problem bekämpft. Nun – nach 27 Monaten – liegt der Report vor. Er soll 28 Millionen Dollar gekostet haben. Unter anderem wurden dafür 3200 der weltweit knapp 15 000 registrierten Profispielerinnen und -spieler befragt.

Betrug nur auf unterer Stufe

Das «Independent Review Panel» (IRP) bezeichnet die Situation der Spielmanipulation als alarmierend, findet aber keine Beweise dafür, dass auch die weltbesten Spieler darin verwickelt sind und dass die Tennisfunktionäre bewusst wegschauen.

Die manipulierten Spiele fänden in erster Linie auf der drittklassigen ITF-Future-Tour statt, teilweise auch auf der ATP-Challenger Tour und praktisch nicht auf der ATP- und der WTA-Tour. Bemerkenswert, dass 83 Prozent aller Manipulationsverdächtigungen Männer betreffen.

Die Manipulationen finden meistens in den tiefen Klassen statt. Die ATP ist selten davon betroffen.

Die Manipulationen finden meistens in den tiefen Klassen statt. Die ATP ist selten davon betroffen.

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Mit der 2008 von den Tennisverbänden gegründeten Anti-Betrugs und -Doping Einheit (TIU) geht der Report hart ins Gericht. Die vornehmlich aus britischen Polizeiermittler bestehende tennisinterne Untersuchungsbehörde sei zu wenig unabhängig und zu wenig transparent sowie mit zu wenig Geld und Personal ausgestattet.

So soll es nach gemeldeten Verdachtsmomenten bis zu einem Jahr dauern, bis die involvierten Spieler befragt werden. Zudem fehlt es ihr an Fachleuten für Sportwetten wie an Tennisspezialisten. Salopp ausgedrückt: Man hat zwar untersucht, aber von der Materie wenig Ahnung.

Verzicht auf Millionen

Ein gutes Dutzend meist drittklassiger Spieler wurden in den letzten zehn Jahren von der TIU gesperrt, 38 Verdachtsmomente wurden ihr alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres neu gemeldet.

Allerdings deckte die britische Zeitung «The Guardian» jüngst auf, dass neben Spielern auch zwei Schiedsrichter aus dem Verkehr gezogen wurden und gegen vier weitere Untersuchungen laufen. Sie sollen Eingaben von Spielständen bewusst verzögert haben.

Der am Mittwoch veröffentlichte Zwischenbericht der IRP macht zwölf Empfehlungen für eine Verbesserung der Situation. Neben mehr Weiterbildung für Spieler und einer Reduktion der Anzahl Profis will sie die Möglichkeit von Echtzeit-Wetten teilweise verbieten.

Die IRP sieht einen entscheidenden Punkt des Problems beim Deal der ITF mit der Datenfirma «Sportradar», welcher dem Verband jährlich 14 Millionen Dollar Einnahmen bringt. Sportradar sammelt – wie Konkurrent IMG für die ATP – seit vier Jahren Echtzeit-Daten von Future-Turnieren und verkauft sie an Wettunternehmen. Der Bericht folgert, dass der Betrug durch dieses neue Angebot rapide zugenommen habe.

Die IRP sieht einen entscheidenden Punkt des Problems beim Deal der ITF mit der Datenfirma «Sportradar»

Die IRP sieht einen entscheidenden Punkt des Problems beim Deal der ITF mit der Datenfirma «Sportradar»

Keystone

Insider bezweifeln den effektiven Nutzen eines solchen Verbots, weil ansonsten ganz einfach der Schwarzmarkt das Zepter übernehmen werde. Und man ist in der Wettszene nach wie vor felsenfest überzeugt, dass das Problem der Spielmanipulation auch an der Spitze vorkommt. Eine Bestandesaufnahme vor einiger Zeit sah bei elf Spielern der Top 50 den Verdacht als erwiesen an. Dabei geht es nicht darum, Partien bewusst zu verlieren.

Wetten auf den ersten Satz

Am beliebtesten sind Wetten darauf, dass ein favorisierter Spieler den ersten Satz abgibt. Dieses Szenario, kombiniert mit verdächtigen Wetteinsätzen, kam selbst an den US Open 2015 vor.

Ein spanischer Spitzenspieler am Ende seiner Karriere, vor Jahren immerhin während zweier Jahre in den Top 10, soll mehrmals involviert gewesen und seither bei vielen Buchmachern für Wetten gesperrt sein.

Vielleicht dachten die unabhängigen Ermittler ja an ihn, als sie im Report festhielten, dass es «einige Beweise gibt für Probleme auf der Ebene von Grand Slams und der ATP-Tour». Welche genau, lassen sie offen.

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