Tennis

Timea Bacsinszky ist «Madame Courage»

Auch im zweiten Anlauf verpasst Timea Bacsinszky den French-Open-Final.keystone

Auch im zweiten Anlauf verpasst Timea Bacsinszky den French-Open-Final.keystone

Zwar verpasst Timea Bacsinszky den Einzug in den Final der French Open. Und doch verlässt sie Paris als Siegerin.

Sie steht mit dem Rücken zum Netz, beim Stand von 6:7, 6:3, 3:5. Mit ihren Händen justiert sie ein letztes Mal die Saiten ihres Rackets, versunken in Gedanken. Klopft den roten Sand, la Terre Battue von Roland Garros, von den Schuhen. Ihr rechter Oberschenkel ist seit dem Startsatz einbandagiert, die Matchuhr zeigt 2:22 Stunden an. Ein letztes Aufbäumen von Timea Bacsinszky, dann ist er vorbei, der grosse Traum vom erstmaligen Einzug in einen Grand-Slam-Final, der auch der erste für eine Schweizerin gewesen wäre, seit Martina Hingis 2002 bei den Australian Open um den Titel spielte. Als sie kurz darauf den Platz verlässt, winkt sie noch einmal kurz ins Publikum und verteilt Luftküsse.

Als die Zuschauer ihrer Gegnerin, der Lettin Jelena Ostapenko (WTA 47), gestern am Tag ihres 20. Geburtstags ein «Joyeux Anniversaire» anstimmen, ist Timea Bacsinszky bereits in der Garderobe verschwunden. Das Ständchen, es hätte auch ihr gelten können, feierte sie gestern doch ihren 28. Geburtstag. Es gibt nicht vieles, das sie sich im ersten Duell mit der unerschrockenen Lettin vorwerfen kann. «Bis zum letzten Punkt habe ich alles probiert, aber sie war einfach besser. Sie ist erst 20 Jahre alt und hat vor nichts Angst. Sie denkt nicht darüber nach, was sie tut», sagt Bacsinszky über Ostapenko.

Bacsinszky, «Königin der Hypnose»

Bei ihrer ersten Teilnahmen in Roland Garros hat die Lettin bereits in der ersten Runde verloren. Nun steht sie als erste Ungesetzte seit der Jugoslawin Mima Jausovec 1983 im Final, wo sie auf die Rumänin Simona Halep (25, WTA 4) trifft. Einen Titel hat sie in ihrer Karriere bisher noch nicht gewonnen. Triumphiert die Junioren-Wimbledon-Siegerin von 2014 am Samstag, ist sie die erste Spielerin seit der Australierin Christine O’Neil 1978 in Melbourne, deren erster Titel überhaupt ein Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier ist.

Bacsinszky, schreibt die französische Sportzeitung «L’Equipe» am Tag des Viertelfinals gegen Kristina Mladenovic, sei eine «Mademoiselle Tout-le-Monde»: Sie sei mit ihren 1,70 Metern weder sehr gross, noch sehr kräftig. Gestern wird aus Frau Jedermann eine «Königin der Hypnose», weil sie es mit ihrem kreativen Spiel, das auf Intuition basiere, verstehe, ihre Gegnerinnen zu verunsichern.

Tatsächlich hebt sich ihr Spiel auf eine erfrischende Art von jenem monotonen Grundlinienspiel der Konkurrenten ab. Es ist, so sagt Bacsinszky, auch ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Taktische Fesseln, die man ihr habe aufzwingen wollen, habe sie immer abgelehnt. Jede Form von Zwang und Einschränkung lehne sie ab, erklärt sie vor einem Monat in Rom dem «Le Matin». Improvisation und Kreativität seien ihre grössten Stärken, die aber auch zu ihrer Schwäche werden könnten. «Bin ich sensibel, habe ich Zweifel, treffe ich falsche Entscheidungen».

Tränen wegen Mutter Suzanne

Dieses Befinden, der «Etat d’Esprit», spiegle sich nicht nur auf dem Tennisplatz wider, sondern auch im Leben. «Wer schlecht organisiert ist, hat auch keinen exakten Spielplan im Kopf. Wer im Leben bequem ist, der rennt auf dem Platz auch nicht nach jedem Ball», sagt Bacsinszky. Wesentlichen Einfluss darauf hätten die Eltern. Bacsinszky, die Kämpferin, steht schon als Kind stundenlang auf dem Platz. Ihr Vater Igor will es so. Nach dem Vorbild von Martina Hingis will er aus ihr die beste Tennisspielerin der Welt machen. Wie Hingis gewinnt sie in Frankreich früh ein renommiertes Junioren-Turnier, obwohl sie den Sport hasst. Aber, und das gibt sie heute zu, dass sie die Arme nie habe senken dürfen, habe eine Kämpferin aus ihr gemacht. Nachdem sie ihre Karriere vor vier Jahren bereits beendet hat, bricht sie mit dem Vater. Ein Befreiungsschlag.

Als sie über ihr Aus spricht, wirkt sie gefasst. Sie spricht davon, nichts zu bereuen. Dass sie sich nichts vorwerfen könne. Als sie erfährt, dass sie nur einen Punkt weniger gewonnen hat als die Gegnerin, kullern erstmals Tränen über die Wangen. Als sie gefragt wird, ob sie ihren Geburtstag doch noch etwas feiern werde, erneut. Viele Freunde seien angereist, die Geschwister, ihr Schwager, die Nichten.

Nicht aber Mutter Suzanne. «Sie ist nicht hier, weil ich vor zwei Jahren im Halbfinal verloren habe, als sie hier war. Sie ist abergläubisch», erklärt die Tochter «Ohne sie», sagt Bacsinszky, «wäre ich nicht hier. Ich wünschte, sie wäre hier gewesen.» Am Tag ihres 28. Geburtstags mag Bacsinszky, die «Mademoiselle Tout-Le-Monde», die «Königin der Hypnose», eine Mademoiselle Tristesse sein. Heute steht sie wieder auf, als Kämpferin, als Timea Bacsinszky, Madame Courage.

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