Im Jahr 2001
Nicht mal von oben kam Hilfe für Roger Federer

An der Pressekonferenz bringt Federer nicht die einfache Erklärung für sein Scheitern, die wir uns alle erhofft haben. Er wirkt sehr niedergeschlagen. Nach dem frühen Aus an den Australian Open muss Roger Federer seine Saisonplanung überdenken.

Von Petra Philippsen, Melbourne
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Das Spiel Federer gegen Seppi
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Federer machte ungewöhnlich viele Fehler.
Es schien schlicht nicht sein Tag zu sein.
Solche Bilder sind wir von King Roger nicht gewohnt. Hoffentlich war es wirklich «nur» ein schlechter Tag.
So hatte er es sich bestimmt nicht vorgestellt, den Court zu verlassen.
Der Italiener Andreas Seppi konnte es kaum fassen. Er hatte bestimmt nicht damit gerechnet Federer zu schlagen.
Federer wirkte an der Pressekonferenz nach dem Spiel niedergeschlagen.

Das Spiel Federer gegen Seppi

Keystone

In der Sekunde, als sich Roger Federer am Netz umdrehte, war es auch schon vorbei. Der Ball segelte Longline an ihm vorbei und tropfte genau hinten an der Grundlinie ins Eck. Es war wohl einer der kuriosesten Matchbälle, den der Schweizer je in seiner Karriere hinnehmen musste, und zudem einer der bittersten. «Ich habe nur gedacht: ‹Dieser Ball kann doch unmöglich reingehen›», sagte Federer später, «aber dann drehte ich mich um, und es war zu spät.» Andreas Seppi wusste hinterher selbst nicht, wie er diesen Sonntagsschlag hinbekommen hatte. Da der Südtiroler dabei direkt in die Sonne geschaut hatte, konnte er den Ball gar nicht genau erkennen. «Das war der Schlag meines Lebens», sagte Seppi staunend und konnte es auch zwei Stunden nach seinem furiosen Viersatztriumph (6:4, 7:6, 4:6, 7:6) noch nicht glauben: «Ich brauche eine Weile, um zu kapieren, dass ich wirklich Roger geschlagen habe. Das war einfach mein Tag.»

Federers war es definitiv nicht. «Ich habe mich irgendwie nicht so wohl gefühlt», sagte der sichtlich ratlose Weltranglistenzweite nach dem Aus in Runde drei der Australian Open, «es war nicht mein Tag, ich konnte nicht mein bestes Tennis spielen – aber ich weiss nicht, warum». Noch nie hatte der 33-jährige Baselbieter gegen den drei Jahre jüngeren Seppi verloren. Federers Bilanz gegen die Nummer 46 der Welt lag bei 10:0- Siegen und einem einzigen Satzverlust. Seppi ist ein solider Spieler ohne grosse Ausreisser nach oben. In seiner derzeitigen Form hatte Federer also gehofft, es würde eine routinierte Angelegenheit für ihn in der Rod-Laver-Arena werden. «So kann man sich täuschen», merkte Federer an.

Zuletzt war der Rekord-Grand-Slam-Sieger in Down Under vor 14 Jahren so früh ausgeschieden. Und Federer wird sich wohl daran gewöhnen müssen, dass er nun öfters mal von Aussenseitern bei den Majors düpiert werden wird – wenn er nicht seine Bestform erreicht.

Und von der war der viermalige Turniersieger gestern weit entfernt. Auf seinen Aufschlag war kein Verlass, besonders die Quote seines zweiten Services lag in drei von vier Sätzen nur zwischen 36 und 44 Prozent. Zudem unterliefen Federer neun Doppelfehler – ein ungewöhnlich hoher Wert, der auch dem Risiko geschuldet war, das er besonders im vierten Satz eingehen musste. Insgesamt wirkte Federers Spiel labil, was die 55 leichten Fehler untermauerten, die seine 57 Winner schon beinahe wieder neutralisierten.

Auch die 15 Asse kamen selten dann, wenn sie wirklich nützlich gewesen wären. «Ich habe heute irgendwie die unwichtigen Punkte gemacht, aber er war in den entscheidenden Momenten da», sagte der Schweizer. Schon von Beginn an lief es nicht rund für ihn, das entscheidende Break gelang Seppi zum 5:4 – die Führung liess sich der Südtiroler nicht mehr nehmen. Der zweite Satz wurde für Federer kaum besser, obwohl er Seppis Breaks zum 2:1 und 5:4 sofort wieder egalisieren konnte – zuletzt sogar mit einem Netzroller. Doch das Glück rettete ihn an diesem Tag auch nicht mehr. Im Tiebreak führte der Schweizer dann mit 4:1 und gar 5:3, doch er gab die folgenden vier Punkte ab und damit auch den zweiten Satz.

Im Tiebreak nicht stabil genug

Kein Timing, kein gutes Gefühl, schlechte Entscheidungen – Federer haderte, schimpfte lautstark mit sich und feuerte sich ständig mit «Come on»-Rufen an, wenn ihm doch mal ein guter Punkt gelang. Wie im dritten Satz, als er die Partie gedreht zu haben schien. Die Fehlerquote sank, und Federer läutete mit dem 1:2-Anschluss in den Sätzen die Aufholjagd ein. Doch erneut war sein Spiel im Tiebreak des vierten Durchgangs nicht stabil genug, um die 5:4-Führung zum Satzausgleich durchzubringen. Der kuriose Matchball passte dann zu diesem verkorksten Auftritt.

«Ich bin enttäuscht», sagte er. Dennoch war Federer überzeugt, dass sein Spielniveau vor und während des Turniers so gut gewesen sei, dass er weit hätte kommen können. Sein Level war sicherlich gut, doch Federer muss künftig klüger planen. Das untermauerte sein frühes Aus. Mit dem Davis-Cup-Triumph zog sich die vergangene Saison für ihn länger hin, danach spielte er im Dezember in Indien bei der neuen ITPL-Serie ein paar Schaukämpfe, einen weiteren vor Weihnachten in Zürich. Er habe in der Off-Season so hart trainiert, wie er konnte, betonte Federer. Doch seine Pause war kurz – vielleicht zu kurz. Denn mit dem Turnier in Brisbane ging die neue Saison zwar mit einem Turniersieg los, doch der kostete ihn auch Kraft. Wie seine beiden Titel in Toronto und Cincinnati vor den vergangenen US Open – Federer war damals zwar in sehr starker Form, aber in New York ging ihm im Halbfinal doch die Puste aus, obwohl der Weg zur Trophäe schon geebnet gewesen wäre.

Es ist die Krux für Federer, in seinem Alter die richtige Balance zwischen Erholung und Matchpraxis zu finden. Vielleicht hatte er in Melbourne wirklich nur einen schlechten Tag. Aber in den nächsten vier Wochen während seiner Turnierpause wird Federer mit seinem Team wichtige Entscheidungen treffen müssen – sie werden wegweisend sein, ob sich der Traum von der 18. Trophäe noch erfüllen kann.