Wer verstehen will, wie gross die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Gross und Klein, im einst stolzen und traditionsreichen Davis Cup geworden ist, der muss an diesem Wochenende zwei Schauplätze im Auge behalten: Biel und Lille. In Biel spielt die Schweiz, das Land von Roger Federer und Stan Wawrinka, gegen Schweden. Das Land, das Grössen wie Björn Borg oder Stefan Edberg hervorgebracht hat und diesen Wettbewerb sieben Mal für sich entscheiden konnte. Doch die grossen Namen fehlen. Roger Federer spielte seit dem Schweizer Sieg in Lille vor vier Jahren nur noch einmal im Davis Cup, Stan Wawrinka konzentriert sich weiter auf sein Comeback.

Angeführt wird das helvetische Aufgebot von Henri Laaksonen (ATP 120). Neben ihm nominierte Captain Severin Lüthi Marc-Andrea Hüsler (ATP 386), Antoine Bellier (ATP 905), Jakub Paul (ATP 703) und Luca Margaroli (ATP Doppel 153).

Eine Halle, selbst wenn sie wie diese in Biel nur Platz für 2600 Zuschauer bietet, lässt sich in der vom Erfolg verwöhnten Schweiz damit nicht füllen. Da hilft es auch nicht, dass die Stadt ein buntes Rahmenprogramm aufzieht, der Samstag als «Family Day» ausgerufen wird und die Spieler am «Kids Day» für ein Doppel zur Verfügung stehen. Das Heimspiel wird in den Kassen von Swiss Tennis wohl wieder ein Loch von mehreren zehntausend Franken hinterlassen. Doch so ist es fast überall. Es ist auch einer der Gründe, wieso sich für die radikale Davis-Cup-Reform ab dem kommenden Jahr eine klare Mehrheit finden liess. Der andere ist, dass die Top-Spieler dem Wettbewerb zuletzt die kalte Schulter zeigten.

Schweden mit Grand-Slam-Sieger

Frankreich, dessen Präsident Bernard Giudicelli zuletzt damit für Aufsehen gesorgt hatte, dass er Serena Williams bei den French Open vorschreiben will, was diese zu tragen hat, stimmte für die Reform. Und das, obschon der Davis Cup dort einen hohen Stellenwert geniesst und auch finanziell lukrativ ist. 50'000 Zuschauer werden dem Halbfinal gegen Spanien in Lille beiwohnen, obschon die ganz grossen Namen fehlen. Nachdem Rafael Nadal abgesagt hat, stellen weder Frankreich noch Spanien einen Top-Ten-Spieler. Wer kommt, der tut das des Davis Cups wegen, nicht wegen der Spieler.

Die Stimmung in Lille – sie wird elektrisierend sein, vielleicht auch ein wenig nostalgisch. Sie wird auf jeden Fall ganz anders sein als in Biel, in dieser neuen Halle, die zwar zweckmässig sein mag, aber den Charme einer Besenkammer versprüht. Aus sportlicher Sicht hat die Partie dennoch ihre Relevanz. Seit dem Aufstieg 2013 gehört die Schweiz der Weltgruppe an. 2016 und 2017 schaffte man ohne Federer und Wawrinka den Ligaerhalt. Trotz der Besetzung hat die Schweiz durchaus Chancen, weil auch Schweden mit der zweiten und dritten Garde antritt. So fehlen die Gebrüder Elias (ATP 132) und Mikael Ymer (ATP 294). Für die Einzel vom Freitag nominierte Captain Johan Hedsberg Markus Eriksson (ATP 455) und Jonathan Mridha (ATP 1094), der selbst für Eingefleischte ein unbeschriebenes Blatt ist.

Immerhin stellt Schweden mit Robert Lindstedt (41) einen Grand-Slam-Sieger im Doppel. Ob der Ligaerhalt geschafft wird oder nicht, ändert an der Situation für die Schweiz wenig. «Ich habe keine Anzeichen von Roger und Stan, dass sie zurückkehren, wenn wir hier gewinnen sollten», gibt sich Davis-Cup-Captain Severin Lüthi keinen Illusionen hin. Er gilt als Anhänger des alten Formats, mahnt aber, man solle den Machern um die Kosmos-Gruppe von Barcelona-Fussballer Gerard Piqué eine Chance geben. 2600 Zuschauer fasst die Swiss Tennis Arena in Biel. Nur die Hälfte der Tickets konnte abgesetzt werden, obschon die Preise gegenüber 2017 halbiert worden sind. In Biel droht ein Trauerspiel zur Derniere. Auch in Lille stirbt der Davis Cup ein bisschen. Immerhin wird es dort eine Prozession.