Überschäumende Freude bei Novak Djokovic, aber leise Enttäuschung bei den Zuschauern. Der Serbe feierte mit einem 6:2, 6:2, 7:6 (7:3)-Sieg seinen vierten Wimbledontitel, doch der müde Kevin Anderson konnte ihn nicht richtig fordern.

Zehn Jahre nach dem epischen Duell zwischen Roger Federer und Rafael Nadal wird der Final 2018 nicht ewig in Erinnerung bleiben. Wie im letzten Jahr (Marin Cilic) war einer der Akteure physisch nicht voll leistungsfähig und wie damals war es der Aussenseiter, der sowieso einen perfekten Tag benötigt hätte, um den Favoriten in Bedrängnis zu bringen.

Kevin Anderson, der auf dem Weg in den Final in den drei Partien der zweiten Woche unglaubliche 14 Stunden und 19 Minuten auf dem Platz gestanden hatte, war in den ersten beiden Sätzen praktisch inexistent.

Im Viertelfinal hatte er gegen Titelverteidiger Roger Federer 13:11 im fünften Satz gewonnen, im längsten Halbfinal der Geschichte gegen John Isner sogar 26:24. Diesmal aber zeigte sein sonst so beeindruckender Service keinerlei Wirkung.

Im den ersten beiden Sätzen verlor der 32-jährige Südafrikaner beide Male gleich sein erstes Aufschlagsspiel. Gerade mal drei Assen standen drei Doppelfehlern gegenüber.

Steigerung im 3. Satz

Anderson liess sich nach dem ersten Satz den rechten Oberarm massieren. Mit etwas Verzögerung zeigte die Massnahme Wirkung. Im dritten Satz wurde deutlich, dass auch Djokovic nach seinem Halbfinal-Marathon gegen Rafael Nadal über fünfeinhalb Stunden, der erst am Samstag zu Ende ging, auch nicht mehr taufrisch war.

Anderson war plötzlich der bessere Spieler und entschädigte die Zuschauer für die bis dahin sehr einseitige Partie. "Ich war natürlich müde", entschuldigte sich der 2,03 m grosse Südafrikaner danach. "Aber ich versuchte mein Bestes, um irgendwie dranzubleiben."

Es war aber zu spät. Anderson verpasste beim Stand von 5:4 zwei und bei 6:5 drei Chancen, um wenigstens einen vierten Satz zu forcieren. Djokovic machte sie meist mit guten Aufschlägen zunichte.

Im Tiebreak hatte der ein Jahr jüngere Serbe dann wieder klar die Oberhand. Nach 2:18 Stunden sicherte er sich seinen vierten Wimbledontitel nach 2011, 2014 und 2015.

Es war gleichzeitig sein 13. Grand-Slam-Titel, der erste seit dem French Open 2016 und zwei mageren Jahren. Er liegt damit nur noch einen Sieg hinter Pete Sampras, vier hinter Nadal und sieben hinter Federer.

Speziell war der Sieg nicht nur deshalb, sondern weil bei der Siegerehrung erstmals sein bald vierjähriger Sohn Stefan von der Tribüne aus zuschaute. Als Nummer 21 der Welt ist Djokovic, der nun in die Top 10 zurückkehrt, der schlechtestklassierte Grand-Slam-Sieger seit der Nummer 44 Gaston Gaudio vor 14 Jahren am French Open.

Das Ranking sagt viel aus über die schwierigen zwei Jahre, die der Serbe hinter sich hat. Nicht jeder glaubte daran, dass er nach Operationen am Ellbogen, Gerüchten um private Schwierigkeiten und offensichtlichen Motivationsproblemen nochmals so stark zurückkommen würde, zweitweise nicht mal er selber. "Ich könnte im Moment nicht glücklicher sein", betonte er nun strahlend.

Anderson wollte seinen schlechten Start nicht nur auf die Müdigkeit abschieben. "Mein Körper fühlte sich natürlich nicht so toll an, aber ich war auch nervös", erklärte er. "Alles in allem fühlte ich mich ok."

Er bekräftigte einmal mehr, dass er sich ein Tiebreak im fünften Satz wünscht, um nicht mehr derart lange Marathons spielen zu müssen.

Anderson strich aber auch den Unterschied zwischen Champions und guten Spielern wie ihm heraus: "Champions wie Novak spielen ihr bestes Tennis dann, wenn es zählt. Das ist mir heute in den ersten beiden Sätzen nicht gelungen." Und deshalb werden die Zuschauer wie er nicht ganz zufrieden nach Hause gegangen sein.