Tennis
Roger Federer sagt nach missglückter Wimbledon-Hauptprobe: «Ich will jetzt keine dumme Entscheidung treffen»

Zehn Mal hat Roger Federer das Rasenturnier in Halle gewonnen. Nun scheiterte er erstmals vor den Viertelfinals. Die Niederlage ist ein harter Schlag auf dem Weg zurück und seine Wimbledon-Ambitionen.

Simon Häring
Merken
Drucken
Teilen
Nachdenklich und geknickt: Roger Federer in Halle.

Nachdenklich und geknickt: Roger Federer in Halle.

Sascha Steinbach / EPA

Manchmal sagen die kleinen Dinge mehr als Worte. Kleine Regelbrüche, ob beabsichtigt oder nicht. Jedenfalls nahm sich Roger Federer nach der Achtelfinal-Niederlage in Halle gegen den knapp halb so alten Kanadier Félix Auger-Aliassime (20) mehr Zeit als üblich. Sehr viel mehr. Federer ging auf Tauchstation. Zweieinhalb Stunden später erklärter er dann doch noch: «Ich hatte das Gefühl, dass ich Zeit benötige, um diese Niederlage zu verarbeiten. Ich wollte nichts Unüberlegtes sagen, und es kurz und einfach halten.» Und für einmal beantwortete er auch nur Fragen auf Englisch.

Roger Federer verlässt in Halle geknickt den Rasen.

Roger Federer verlässt in Halle geknickt den Rasen.

Sascha Steinbach / EPA

Das Protokoll sieht vor, dass sich der Verlierer zunächst den Fragen der Journalisten stellt, dann der Sieger. Doch erst zweieinhalb Stunden nach der Partie tauchte Federer auf. Er ist keiner, der sich den Fragen entzieht, und mögen sie noch so unangenehm sein. Und es gibt nach diesem Tag viele Fragen: Jene nach dem Formstand, nach den Zielen in Wimbledon, wo er noch einmal gerne um den Titel spielen würde, und über die er vor Halle sagte: «Sie sind hoch. Sonst würde ich nicht mehr spielen.»

Federer startete gut in diese Partie, wehrte zwei Breakchancen ab und nutzte seine einzige. Den Startsatz gewann er mit 6:4. Lange hielt er sich mit dem eigenen Aufschlag über Wasser. Bis Mitte des zweiten Satzes, als er diesen zum 2:4 erstmals abgeben musste. Danach gewann er nur noch drei Games, wirkte in sich versunken und nachdenklich. «Ich wurde sehr negativ, was nicht meine Art ist. Meine Einstellung war schlecht, ich bin nicht stolz darauf. Das war enttäuschend.» Auch deshalb habe er sich mehr Zeit genommen, eher er sich den vielen Fragen stellte.

Es sind Fragen, die sich nach Spielen wie diesem immer aufdrängen bei einem, der zwei Knieoperationen hinter sich hat, der diesen Sommer 40 Jahre alt wird, vier Kinder hat, und der sicher nicht zurückgekehrt ist, um vor leeren Rängen zu spielen wie in schon Paris und nun in Halle.

Es ist die Frage, die über allem schwebt: Wie lange noch, Roger Federer?

Federer kritisiert seine eigene Einstellung scharf.

Federer kritisiert seine eigene Einstellung scharf.

Friso Gentsch / dpa

Ein Nebensatz mit Zündstoff

Eine Antwort auf diese Frage gibt es an diesem Abend nicht. Auch andere Fragen bleiben unbeantwortet. Roger Federer ist keiner, der unbesonnen handelt, und nach einer Niederlage alles in Frage stellt. Schon vor den French Open hatte er gesagt, er müsse diese als Teil seines Prozesses akzeptieren und nehme sie bewusst in Kauf. Für ihn beginne das Jahr mit der Rasensaison. Und dann sagte er einen Nebensatz, der aufhorchen lässt. Federer sagte: «Ich will jetzt keine dummen Entscheidungen treffen.»

Wer weiss, mit welchen Gedanken er an diesem Abend in Halle den Rasen verliess, ob er sich insgeheim die Frage aller Fragen gestellt hat. Und ob er sie im kleinen Kreis, vor seiner Familie und seinem Trainer, ausgesprochen haben könnte. Die Frage, ob er bereit ist, diesen Weg, von dem er wusste, dass er lange sein wird, weiter gehen will. Ob er es erträgt, nicht zu wissen, ob er den Anschluss an die Weltspitze noch einmal schafft. Oder ob er gar schon zur Erkenntnis gelangt ist, dass er ihm nicht mehr gelingen wird.

Federer geht nach seiner Niederlage hart mit sich ins Gericht.

Federer geht nach seiner Niederlage hart mit sich ins Gericht.

Friso Gentsch / dpa

Zurück in die Schweiz, statt Training in Halle

Ein körperliches Problem wäre auf diesem Weg mehr als ein Rückschlag. Knapp anderthalb Wochen vor Wimbledon wäre es der Todesstoss für seine Ambitionen, dort um den neunten Titel spielen zu können. Nach allem, was wir in den letzten Wochen gesehen haben, wäre es auch so vermessen, ihn zu den Favoriten zu zählen. Der Frage, ob er ein körperliches Problem habe, wich Federer aus und sagte: «Wir fahren nun in die Schweiz zurück und haben Zeit, zu besprechen, was die nächsten Schritte sind.» Anfang Woche hatte er angekündigt, bei einem Ausscheiden in Halle zu bleiben, um sich dort auf Wimbledon vorzubereiten.

Nach Doha auf Hartbelag, Genf und den French Open auf Sand und nun Halle auf Rasen bestritt Federer erst sein viertes Turnier in den letzten anderthalb Jahren. In Halle ist er mit zehn Erfolgen Rekordsieger. Nur bei seinem Heimturnier in Basel hat er gleich oft triumphiert.

Halle und Basel waren auch die letzten Turniere, die Federer vor den zwei Knieoperationen gewinnen konnte. Vielleicht waren es die letzten.