Statistik-Duell
Tasmania Berlin: Daumendrücken für den FC Schalke 04 und dessen Trainer Christian Gross

Weshalb ein Fussball-Fünftligist in Deutschland in aller Munde ist und heute inständig auf einen Bundesligasieg von Königsblau gegen Hoffenheim hofft.

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Tasmania Berlin - im Bild mit Hans-Günter Becker (rechts) - im Spiel vom 29. Januar 1966 gegen Borussia Dortmund (1:3).

Tasmania Berlin - im Bild mit Hans-Günter Becker (rechts) - im Spiel vom 29. Januar 1966 gegen Borussia Dortmund (1:3).

DPA

Vermutlich ist Hans-Joachim «Jockel» Posinski gerade ziemlich nervös. Er und die fünf anderen, die noch am Leben sind, drohen heute Samstag einen Rekord zu verlieren. Zwar keinen, auf den sie stolz sein können, aber einen, dem sie eine gewisse Bekanntheit verdanken.

Vor 55 Jahren nämlich spielten Torhüter Posinski und seine Kameraden so schlecht, dass ihre Bilanz des Grauens bisher von keiner noch so schwachen Mannschaft unterboten werden konnte. Sie hatten es mit dem SC Tasmania 1900 Berlin in deren einziger Bundesligasaison geschafft, 31 Mal hintereinander sieglos zu bleiben. «Wie gut, dass wir so schlecht waren», erklärte der 88-jährige Posinski nun mit gesunder Selbstironie der «Süddeutschen Zeitung», «sonst würde heute kein Mensch mehr von uns reden.»

Wie wahr! Dass die Tasmanen in diesen Wochen und Monaten derart im Gespräch sind und in fast jeder Sportschau ein Thema, hat indes nichts damit zu tun, dass sie in der Oberliga Berlin Tabellenführer sind. Ihre aktuelle Popularität haben sie einzig dem FC Schalke 04 zu verdanken, der am 17. Januar letzten Jahres eine beeindruckende Jagd auf Tasmanias Rekord gestartet und vor einer Woche gegen Hertha zum 30. Mal in Folge nicht gewonnen hatte.

Dieser Rekord gehört uns allein

Bleibt Königsblau noch einmal ohne Sieg, stellen die Knappen den Rekord der Berliner ein. Vergeblich war deren kleine Kundgebung vor dem Olympiastadion gewesen, wo sie auf Bannern die Schalker zum Siegen aufgefordert hatten: «Dieser Rekord gehört uns allein!» Almir Numic, der Vorstandsvorsitzende des Nachfolgevereins der alten Tasmania (ging 1973 in Konkurs) sagt: «Dieses Alleinstellungsmerkmal sorgt für unsere Klubidentität. Sponsoren sind so leichter zu akquirieren.»

Zwar können sich die Tasmanen darauf berufen, ihre Serie im Gegensatz zu Schalke innerhalb einer Saison gestemmt zu haben, andererseits wissen sie genau, dass ihr «Aufstieg» 1965 ein reines Geschenk gewesen war. Weil der Stadtrivale Hertha BSC in der Saison zuvor zu hohe Löhne bezahlt hatte, war er aus der Bundesliga geschmissen worden. Um in der damals zweigeteilten Stadt (BRD/DDR) präsent zu sein, musste aus politischen Gründen ein anderer Berliner Klub als Ersatz her. Da Spandau ablehnte, sprang Tasmania - völlig unvorbereitet - in die Bresche.

Der Start verlief vor 81524 Zuschauern mit einem 2:0 über Karlsruhe zwar noch verheissungsvoll, mündete dann aber bald in ein Debakel. Lediglich eine Partie, die vorletzte der Saison, sollten die Tasmanen noch gewinnen. Sie schossen insgesamt nur 15 Tore, kassierten aber deren 108 und sind bis heute die einzige Mannschaft, die in einem Spiel (beim 0:0 gegen Mönchengladbach) weniger als 1000 Zuschauer zu Gast hatte.

Nun drohen sie also einen von mehreren Negativrekorden zu verlieren. Falls Schalke gegen Hoffenheim nicht gewinnt, muss Tasmania die Marke «31 Spiele ohne Sieg» mit den Gelsenkirchenern teilen und kann die «Bestleistung» eine Woche später sogar ganz verlieren. Doch die Berliner zählen darauf, dass es der neue Schalke-Trainer, der Schweizer Christian Gross, schon irgendwie richtet.

Moutier ist das Schweizer Pendant zu Tasmania

Apropos Schweiz: Auch deren höchste Liga hat mit dem FC Moutier ihr «Tasmania». Im Jahr des Berliner Waterloos waren die Jurassier in die Nationalliga A aufgestiegen und gewannen danach, wie Tasmania, in der ganzen Saison nur zwei Mal - bei 100 Gegentoren. Ihre Serie von 21 Spielen ohne Sieg wurde am Ende ihrer einzigen Spielzeit im Oberhaus wohl nur dank dem Abstieg gestoppt.