Super-G
Lara Gut-Behrami und das fehlende WM-Gold: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Im WM-Super-G ist Lara Gut-Behrami am Dienstag die Topfavoritin. Sie sagt: «Ich kann nichts verlieren, nur gewinnen.» Ist das so? Klar ist: Die 29-jährige Tessinerin betreibt Selbstschutz auf hohem Niveau.

Martin Probst
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Lara Gut-Behrami: schon fünf WM-Medaillen, aber noch kein Titel.

Lara Gut-Behrami: schon fünf WM-Medaillen, aber noch kein Titel.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus

Ganz oben auf dem Glockenturm der Kirche Filippo e Giacomo befindet sich eine goldene Kugel. Fast 70 Meter über dem Boden ist sie für die meisten nicht zu erreichen.

Einige hundert Meter Luft­linie entfernt geht es am Dienstag ebenfalls um Gold. Nicht in Kugelform – die Medaillen an Ski-Weltmeisterschaften haben die Form einer Schneeflocke – aber ebenso begehrenswert und für die meisten so weit weg wie das Dach des Turms.

Als die Schweizer Super-G-Starterinnen am Samstagabend auf der Piazza Angelo Dibona an die Fassade der Kirche schauen, fehlt Lara Gut-Behrami. Aus­gerechnet sie, der man Gold am meisten zutraut. Vier Super-G in Serie hat sie zuletzt gewonnen. Sie ist in Form und Topfavoritin. Ganz klar. Aber das war sie schon oft. Und doch hat die 29-Jährige Gold an einem Grossanlass bisher immer verpasst.

Ihre Antworten schickt sie per Sprachnachricht

Dreimal war die Tessinerin an einer WM schon Zweite, zweimal Dritte. Hinzu kommt Bronze an den Olympischen Spielen 2014. Gerne hätte man sie live gefragt, wie sich das anfühlt mit Blick auf diese WM. Doch Gut-Behrami entschied sich am Tag vor dem Treffen in Cortina, etwas länger zu Hause zu bleiben.

Keystone-SDA

So sind nur Corinne Suter, Priska Nufer und Michelle Gisin anwesend – und sehen, wie Skirennen aus früheren Jahren auf die Fassade projiziert werden. Es sieht fast so aus, als fahren die Athletinnen um das Gold oben am Turm – ohne es zu erreichen. Das Bild hätte zu Gut-Behrami und ihren bisherigen Auftritten an Titelkämpfen gepasst.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gut-Behrami ein Treffen auslässt. Sie weiss, was sie erwartet hätte, gönnt sich lieber einen Tag mehr Ruhe zu Hause. Swiss-Ski hat längst akzeptiert, dass die 29-Jährige eigene Wege geht. Fragen kann man ihr nur per E-Mail schicken.

Sie wählt dann selbst aus, welche sie beantwortet. Das ist Selbstschutz auf hohem Niveau. Sie behält die Kontrolle und kann den Fragen, die sie nicht beantworten will, ausweichen. Ihre Antworten schickt sie per Sprachnachricht. In drei Sprachen.

Das Aber kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche

«Ich verstehe, dass alle von Gold sprechen», sagt Gut-Behrami mit leicht heiserer Stimme ins Aufnahmegerät. Gerne hätte man nachgehakt, ob das Thema auch bei ihr dauerpräsent sei. Stattdessen sagt sie später: «Ich kann nichts verlieren, nur gewinnen.»

Ist das wirklich so? Sie selbst sagt, sie habe auch ohne Gold schon viel gewonnen. Da hat sie recht. Ihr Leistungsausweis ist beeindruckend: Gesamtweltcupsiegerin, 30 Weltcupsiege, WM- und Olympiamedaillen. Sie sagt: «Man darf auch einmal stolz sein auf das, was man erreicht hat.» Und doch ist da diese Lücke, dieses Gold, das fehlt. Und man denkt sich: Wenn nicht jetzt, wann dann? Gut-Behrami sagt:

«Ich habe dank meinem Umfeld gelernt, mich nicht immer selbst fertigzumachen.»

Als Athletin zweifle sie sowieso, frage sich, was sie hätte besser machen können. Nur: Ein Rennen lässt sich nicht zweimal fahren. Wichtiger sei es darum, die Grundlagen zu be­sitzen, um auch im nächsten Wettkampf schnell zu sein. Nach dem Motto: Klappt es nicht heute dann beim nächsten Mal. Sie sagt: «Ich habe wieder das richtige Gefühl gefunden, wieder den schnellen Schwung. Das ist viel wichtiger, auf dem lässt sich aufbauen.» Nur: WM-Rennen gibt es nicht alle paar Tage.

So werden trotzdem alle auf Lara Gut-Behrami schauen und sich fragen, klappt es dieses Mal? Die Voraussetzungen könnten besser kaum sein. Sie fährt mit einer Qualität, die an ihre besten Tage erinnert. Und selbst die Rückenschmerzen, die sie zuletzt behinderten, sind deutlich besser geworden. Und dann sagt sie es doch noch: «Natürlich komme ich an die WM, um etwas zu gewinnen.» Doch das Aber folgt bei ihr so sicher, wie das Amen in der Kirche Filippo e Giacomo.