Tennis
Stoische Tennislegende mit Stirnband - Björn Borg wird 65

Björn Borg dominierte den Rasen von Wimbledon wie nach ihm nur Roger Federer. So manchen Rekord luchsten Federer und andere dem alten Schweden seitdem ab. Trotzdem bleibt Borg bis heute einer der ganz Grossen der Tenniswelt. Nun wird er 65.

Steffen Trumpf, dpa
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Björn Borg nach seinem ersten Wimbledon-Sieg gegen Ilie Nastase.

Björn Borg nach seinem ersten Wimbledon-Sieg gegen Ilie Nastase.

Bild: Getty (London, 3. Juli 1976)

Elffacher Grand-Slam-Sieger, über 100 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, Fünffach-Champion in Wimbledon, Stilikone der 1970er: Über zu wenig Bewunderung und Ehre konnte sich Björn Borg in seiner aktiven Profi-Laufbahn kaum beklagen. Der Beste sei seiner Meinung nach aber ein anderer, hat der Schwede vor einigen Jahren einmal gesagt. «Bis zu diesem Punkt ist er der grösste Spieler, der das Spiel jemals gespielt hat», sagte er dem US-Sender CNN 2016 in einem seiner seltenen Interviews mit Pat Cash über einen Schweizer namens Roger Federer. Trotzdem – da sind sich die Experten einig – bleibt auch Borg einer der ganz Grossen der Tenniswelt. Nun wird er morgen 65 Jahre alt.

Björn Borg grüsst als Captain des Team Europe beim Laver Cup in Genf die Fans.

Björn Borg grüsst als Captain des Team Europe beim Laver Cup in Genf die Fans.

Bild: Martial Trezzini/ Keystone (Genf, 18. September 2019)

Borg hat mit seinen Erfolgen den Grundstein dafür gelegt, dass Schweden über Jahre zur Grossmacht im Tennis geworden ist. Er löste in seiner Heimat einen Tennisboom aus. Dieser Boom brachte etliche schwedische Top-Ten-Spieler hervor, darunter Mats Wilander, Stefan Edberg, Thomas Enqvist und viele weitere.

Angefangen hat all das angeblich an einem Garagentor, das der junge Björn mit Vor- und Rückhänden bearbeitete, nachdem ihm sein Vater im Alter von neun Jahren einen Tennisschläger geschenkt hatte. Schon mit 16 feierte Borg 1972 sein Davis-Cup-Début – und siegte in fünf Sätzen. Seitdem ging es für das in Södertälje bei Stockholm aufgewachsene Talent steil bergauf, was bereits Mitte der 70er darin mündete, dass Schweden mit Borg zum ersten Mal den Davis-Cup gewann.

Frühes Karriereende, gescheiterte Comebacks

Seine grössten Erfolge feierte Borg in Wimbledon, obwohl er eigentlich als Sandplatzspezialist galt: Von 1976 bis 1980 gewann er das grösste Rasenturnier der Welt fünfmal in Serie, dieses Kunststück gelang nach ihm nur der Amerikanerin Martina Navratilova und besagtem Federer. Seine sechs weiteren Grand-Slam-Siege sammelte der Schwede auf der roten Asche von Paris, wo er 1974, 1975 und von 1978 bis 1981 die French Open gewann. Auch die vier Titel in Serie in Roland-Garros waren ein Rekord in der Open Era, den erst Rafael Nadal knackte.

Mit seiner variablen Griffhaltung – Vorhand im Western-, Rückhand im Easterngriff – und dem kräftigen Topspin beherrschte und revolutionierte Borg die Sportart, seine beidhändige Rückhand treibt noch heute manchem Tennisfan Tränen des Glücks in die Augen. Schon mit 26 hörte er auf, spätere Comebackversuche scheiterten.

«Keine Karriere bei den Herren in der modernen Ära ist so kurz und strahlend gewesen»,

schreibt die ATP über ihn.

John McEnroe, vom grossen Rivalen zum Freund

Nichts bleibt aber so sehr mit Borg verbunden wie die grosse Rivalität zu John McEnroe. Das Tiebreak des vierten Satzes im Wimbledon-Final 1980 gehört zu den grossen Momenten der Tennisgeschichte. Über die beiden ist 2017 sogar ein Film in die Kinos gekommen, «Borg/McEnroe» mit Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf in den Hauptrollen. Dass mit Jimmy Connors und später auch Ivan Lendl noch zwei weitere diese Tennisära prägten, wird heute häufig vergessen.

Borg und McEnroe wurden zu perfekten Gegenpolen stilisiert: McEnroe galt stets als angriffslustiger Hitzkopf, Borg als seine stoische, immer cool bleibende Nemesis. In den Medien brachte ihm das den Spitznamen «Eis-Borg» ein. «Der ruhigste Mann am Platz», sagte der Kommentator in besagtem Tiebreak gegen McEnroe über Borg, als es gerade 16:16 stand und der Schwede bereits mehrere Matchbälle vergeben hatte. Andere hätten in dieser Lage längst einen Eisenarm bekommen – Borg blieb ruhig und siegte mit 8:6 im Fünften.

Jeder Tennisspieler weiss: Die nach aussen hin gezeigte Gelassenheit ist oft nur eine Fassade. Und das war selbst bei dem eiskalten Skandinavier so, wie er in einem Talk mit Federer und Tim Henman im Rahmen der ATP-Finals 2020 offenbarte. «Natürlich ist man als Spieler manchmal so frustriert. Du willst schreien, aber trotzdem musst du das drinnen lassen», sagte Borg. Ihm selbst habe geholfen, im Alter von 13 Jahren nach einem Wutausbruch wegen schlechten Verhaltens eine dreimonatige Sperre erhalten zu haben.

«Als ich davon zurückgekommen bin, habe ich den Mund gehalten, weil ich nicht wieder suspendiert werden wollte. Weil ich Tennis liebe und Tennis spielen wollte.»

Und McEnroe? Wurde letztlich zu einem guten Freund. In der skandinavischen Fernsehsendung «Skavlan» bezeichnete der Amerikaner ihn als «meinen besten Rivalen, meinen grossartigen Freund Björn Borg», ehe er eine kleine Anekdote hinsichtlich der nach Borg benannten Unterwäsche- und Modemarke zum Besten gab. «Er ist ziemlich nett», sagte McEnroe. «Er gibt mir immer kostenlose Unterwäsche, wenn ich nach Stockholm komme.»

Leo Borg hat seine ersten Weltranglistenpunkte

Heute geniesst Björn Borg augenscheinlich das Leben als Tennisrentner an der Seite seiner dritten Ehefrau Patricia. Auf dem Instagram-Kanal der Familie posten die beiden fleissig Urlaubsbilder, auch ein Foto zusammen mit Boris Becker auf Ibiza findet sich dort. Und auch die nächste Tennisgeneration steht schon in den Startlöchern: Leo Borg, der gemeinsame Sohn von Björn und Patricia, ist gerade 18 Jahre alt geworden – und hat vor wenigen Wochen in der Türkei seinen allerersten Weltranglistenpunkt gewonnen.