Frauenfussball-WM

Start der Frauen-WM im Heimatland: «Les Bleues» glauben an ihren Traum

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wünscht seinem Fussball-Star Amandine Henry für die WM viel Glück.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wünscht seinem Fussball-Star Amandine Henry für die WM viel Glück.

Heute beginnt in Paris die WM der Frauen, in ihrem Heimatland wollen die Französinnen und ihr Star, Amandine Henry, den Exploit der Männer nachmachen. Der Kader der «Bleues» ist gespickt mit Talenten, begründet liegt das in der Immigration - aus dem Ghetto an die WM.

Frankreich ist keine Fussballnation wie Deutschland oder England. Die nationale Meisterschaft vermag die Massen selten zu packen und strahlt auch kaum über die Landesgrenzen aus. Doch wehe, wenn die Leidenschaft erwacht.

So war es 1998, als die Zidane-Truppe mit ihrer kunterbunten «black-blanc-beur»-Mannschaft (schwarz-weiss-braun) die Nation in den siebten Himmel spielte. Und so war es im vergangenen Juli, als die Truppe von Didier Deschamps rechtzeitig zum Nationalfeiertag einen zweiten WM-Stern an ihr blaues Heft ansteckte.

Auf diesen Effekt setzt am Freitag auch die französische Frauen-Nationalelf, wenn sie vor ihrem eigenen Publikum die Fussball-WM in Angriff nimmt. Frauenfussball ist in Frankreich weniger verankert als etwa in Nordeuropa und fristet etwa das gleiche Los wie Männer-Eishockey: Die Spiele werden nur von einem kleinen Kreis von Eingeweihten verfolgt.

Aus dem Vollen schöpfen

Dass daraus trotzdem eine starke Nationalmannschaft resultiert, hat vor allem mit der Weite des Landes und der Anzahl der Vereine zu tun. Deshalb können die «Bleues», also die weiblichen Nationalspielerinnen, aus dem Vollen schöpfen: Von der Bretagne bis Nizza, von Montpellier bis in den hohen Norden gibt es zahlreiche Profiklubs.

Die beiden stärksten sind Paris-Saint-Germain (PSG) oder Olympique Lyonnais. OL hat schon mehrfach die Champions-League gewonnen. Dass das Reservoir an Spielerinnen so gross ist, verdankt sich nicht zuletzt – wie bei den Männern – der Immigration.

Die so genannten Banlieue-Viertel stellen gut die Hälfte der 23 Spielerinnen der nationalen Auswahl, die am Freitag das Eröffnungsspiel gegen Südkorea bestreiten wird.

Teamstützen aus dem Ghetto

Kadidiatou Diani ist eine von ihnen. Die 24-jährige Stürmerin ist zum Fussball gekommen, wie man das in ihrem Herkunftsland Mali, aber auch in den französischen Vorstädten tut: Sie spielte mit ihrem Bruder auf der Strasse. Ab neun trat sie in lokale Klub ein – Vitry, Ivry, Juivisy, alles Namen, die für Franzosen nach Banlieue-Ghettos klingen.

Diani ist Torjägerin, machte sich aber auch einen Namen für ihr selbstloses Passspiel. Mit 16 erhielt sie ein Angebot, wovon Hunderttausende Immigrantenkinder im Grossraum Paris träumen: Sie wurde in die erste Mannschaft von PSG berufen.

In der Nationalmannschaft gilt sie als Matchwinnerin: Wenn es der Franko-Malierin läuft, siegen die «Bleues» meist. Wie ihr grosses Vorbild Zidane. «Ich habe die Videos der WM 98 geschaut», meinte die bescheidene Spielerin dieser Tage. «Als unsere Mannschaft die Trophäe hochhob, sagte ich mir: Warum nicht wir?»

Das Schweizer Taschenmesser

Ein anderes Beispiel ist Amel Majri. Die 25-jährige Franko-Tunesierin ist die Stütze der französischen Verteidigung, hat sie doch schon 46-mal in der französischen Nationalequipe gespielt und auch an der letzten WM 2015 in Kanada teilgenommen.

Die französische Sportpresse nennt sie «couteau suisse» (Schweizer Taschenmesser), weil sie sehr vielseitig ist und mit ihren Positionswechseln gegnerische Teams destabilisiert. Majri, in Tunesien auf die Welt und mit einem Jahr in die Lyoner Vorstadt Vénissieux gekommen, begann ebenfalls auf der Strasse Fussball zu spielen; bei Olympique Lyonnais musste sie sich zuerst in einer gemischten Mannschaft behaupten.

Danach durchlief sie den typischen Werdegang vieler französischer Banlieue-Sportler: Sie spielte zuerst in tunesischen Nationalteams, weil sie auch den tunesischen Pass besitzt.
Als sie aber den sportlichen Durchbruch erzielte, musste sie sich auf Drängen des französischen Fussballverbandes (FFF) entscheiden.

Wie die meisten Männer entschied sie sich für Frankreich – sei es wegen ihres nationalen Zugehörigkeitsgefühls oder wegen der sportlichen Perspektiven. Wie auch immer: In der Nationalmannschaft trägt Majri heute die mythische Nummer 10, die bei den Männern schon Platini, Zidane oder Mbappe trugen.

«Garçon manqué»

Der Star der «Bleues» ist Amandine Henry. Die blonde Kapitänin aus Nordfrankreich stammt nicht aus einer Immigrantensiedlung am Rand einer Grossstadt, sondern einem anderen, sozial nicht viel besser gestellten Vorort von Lille.

Die 29-jährige Spielmacherin spielte ebenfalls bis 13 in einer gemischten Mannschaft; noch heute bezeichnet sie sich deshalb als «garçon manqué», das heisst als Mädchen, an dem ein Junge verloren ging. Ihre erste Berufung in die Nationalmannschaft erlebte Henry schon vor zehn Jahren, in einem Freundschaftsspiel gegen die Schweiz.

Mit ihrem Spitzenklub Lyon gewann der unprätentiöse Star schon zehnmal die nationale Meisterschaft und fünfmal die Champions League; ein Jahr lang spielte sie auch als Profi beim US-Klub Portland.

Fussballstar und Buchautorin

Zum WM-Beginn hat Amandine Henry eine Art Tagebuch ihres beruflichen Aufstiegs herausgegeben – von der fünfjährigen Göre, die mit den Jungs um den Ball rang, bis zur gefeierten Leaderin ihrer Nationalelf.

Das Buch richtet sich an Mädchen, die es aus ihren anonymen Vororten oder Banlieue-Vierteln ins Rampenlicht geschafft haben, und heisst «croire en ses rêves» – «an seine Träume glauben». Es könnte die inoffizielle WM-Losung der «Bleues» sein.

Kleines Detail: Wenn sie das Finalspiel gewinnen sollten, winkt den «Bleues» eine Prämie von 40 000 Euro. Das ist fast zehnmal weniger als die Männerkollegen, die bei ihrem WM-Sieg 2018 je 370 000 Euro eingestrichen hatten.

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