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Die Schweizer Leichtathletik erhält rechtzeitig einen Booster

Am internationalen Meeting in Genf begeistern vorab zwei junge Frauen mit persönlichen Bestleistungen.

Rainer Sommerhalder
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Ditaji Kambundji jubelt über das schnellste Rennen ihrer Karriere.

Ditaji Kambundji jubelt über das schnellste Rennen ihrer Karriere.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus / Pascal Muller/

Der Einstieg in die Freiluft-Saison war für die Schweizer Leichtathletik bislang keine Offenbarung. Das ist auch einer Ausnahme-Konstellation geschuldet. Denn im Jahr mit dem doppelten Grossanlass Welt- und Europameisterschaft besteht die Kunst darin, die Topverfassung von Mitte Juli bis Mitte August zu konservieren. Ein zu frühes Formhoch ist nicht gefragt. Ausser, man jagt die Limiten, um sich überhaupt für die beiden Highlights zu qualifizieren.

Am internationalen Meeting in Genf gab es am Wochenende nun den ersten Booster für die Schweizer Leichtathletik. Mehrere Aushängeschilder zeigten Flagge. Allen voran zwei junge Sportlerinnen: Ditaji Kambundji und Audrey Werro. Beide feierten am «Ende der Welt», wie die Sportanlage heisst, neue Bestleistungen.

Die 20-jährige Ditaji Kambundi verbesserte als Dritte ihren persönlichen Rekord über 100 m Hürden gleich um 13 Hundertstelsekunden auf neu 12,81. Damit hat sie auch die Limiten für EM und WM im Sack. Die jüngere Schwester von Mujinga Kambundji sagte nach dem Lauf: «Ich habe vor acht Tagen meine letzte schriftliche Maturaprüfung abgelegt und meine erste Woche ohne Schule so richtig genossen. Erstmals war auch der Start wieder so gut, wie ich es von mir kenne.»

Das Schweizer Supertalent steigert sich gewaltig

Mit dieser Leistung schüttelte die Bernerin auch die letzten schmerzhaften Erinnerungen an ihren Sturz im Final der Hallen-WM Mitte März ab. Ihr Trainer Adrian Rothenbühler denkt sogar, «dass jetzt eine noch schnellere Zeit realistisch ist».

Ein gutes Pflaster ist Genf auch für das 800-m-Supertalent Audrey Werro. Die eben erst 18-jährig gewordene Freiburgerin lief vor einem Jahr ihre bislang schnellste Zeit (2:02,32). Diese Marke pulverisierte sie nun mit einem mutigen Offensivlauf und einem klaren Sieg.

Die neue Marke von 2:00,28 bedeuten nicht nur Schweizer Nachwuchsrekord – den hielt bislang Delia Sclabas – und EM-Limite, sondern machen die gross gewachsene Werro auch zu einer Anwärterin auf eine Medaille bei der Junioren-WM Anfang August in Kolumbien. Den EM-Titel bei den U20 gewann sie bereits vor einem Jahr als damals knapp 17-Jährige.

Nicht umsonst spricht Leistungssportchef Philipp Bandi von «einem der grössten Talente der Schweizer Leichtathletik». Werro bringt eine enorme Grundgeschwindigkeit mit, steht mit Bestzeiten von 12,27 Sekunden über 100 m und 53,74 Sekunden über 400 m zu Buche. Sie selbst sagt, sie wisse noch nicht, ob sie nach der Junioren-WM in Cali auch bei den Europameisterschaften der Elite in München starten wird. «Ich muss nichts forcieren, ich habe ja noch genügend Zeit.»

Gasch fliegt wieder und Del Ponte nimmt grosse Schritte

Ebenfalls Ausrufezeichen gelangen zwei arrivierten Kräften. Hochspringer Loïc Gasch übersprang 2.27 m. Höher flog der Vizeweltmeister in der Halle draussen erst zweimal in seiner Karriere.

Zwar noch nicht bei ihren Bestleistungen, aber immerhin einen zünftigen Schritt weiter ist Sprinterin Ajla Del Ponte. Sie lief in Genf über 100 m mit 11,16 Sekunden die klar schnellste Zeit seit ihrer Verletzungspause. Beflügelt wurde die Olympiafünfte von Tokio durch die Präsenz ihrer Familie, die aus dem Tessin angereist war, um die in Holland trainierende Tochter endlich wieder einmal zu sehen.

Angetan von der Entwicklung seiner Athletin war auch Trainer Laurent Meuwly. «Sie macht riesige Fortschritte. Es bleibt zwar zeitlich bis zur WM sehr knapp, aber für die EM sollte es mit dem Formaufbau perfekt aufgehen.» Noch mehr Freude als die Zeit löste bei Meuwly der Sieg von Ajla Del Ponte aus. «Das gibt Selbstvertrauen. Und dieses benötigt sie, um die immer noch erkennbare leichte Verkrampfung im zweiten Streckenteil zu überwinden».

Der zweite Nuller innerhalb von drei Tagen

Nicht nach Wunsch lief der Auftritt in Genf für ein anderes Trio ab, das sich in der Vergangenheit durchaus seine Meriten verdient hat. Für Stabhochspringerin Angelica Moser sind es gar Tage zum Vergessen. Beim Auftritt in der Diamond League zwei Tage zuvor in Rom scheiterte die Hallen-Europameisterin dreimal auf der Anfangshöhe von 4.40 m. In Genf waren selbst die 4.35 m zu viel und erneut blieb Moser ohne gültigen Versuch.

Nach mehr Wettkampfpraxis riefen im Anschluss an ihre Rennen die Hürdenläufer Kariem Hussein (400 m Hürden) und Jason Joseph (110 m Hürden). Bei Letzterem passte nicht viel zusammen. Der Baselbieter blieb sowohl im Vorlauf (13,60) und erst recht als Letzter im Final (13,76) weit hinter seinem Potenzial zurück.

Ebenfalls noch nicht dort, wo er es sich vorstellt, ist Kariem Hussein nach seiner neunmonatigen Dopingsperre. Die erste Hälfte habe sich gut angefühlt, sagte der Thurgauer. Aber danach konnte er seine Pace nicht durchziehen. Die Zeit von 50,01 ist für ihn ernüchternd und schlechter als das Gefühl unterwegs. «Ich brauche jetzt Rennen, um das Vertrauen aufzubauen», sagte Kariem Hussein und verabschiedete sich in die Dopingkontrolle.