SC Bern

So viel Hollywood war beim SCB noch nie: Sportchefin Florence Schelling und «Operetten-Trainer» Don Nachbaur

Don Nachbaur soll den SC Bern zu Höhenflügen coachen.

Don Nachbaur soll den SC Bern zu Höhenflügen coachen.

Die Viruskrise hat den SC Bern in den Grundfesten erschüttert – der Titelverteidiger wird froh sein, wenn es für die Playoffs reicht.

Kann er das? Noch selten ist ein Trainer so skeptisch beurteilt worden wie Don Nachbaur. Der 61-jährige Kanadier ist sogar schon als «Operetten-Coach» abqualifiziert worden. Es könne unmöglich gut gehen. Er kenne die Besonderheiten unseres Eishockeys nicht. Der Mann habe noch nie ein Profiteam auf diesem Niveau geführt. Und überhaupt: Heute, da Eishockey eine Wissenschaft geworden ist – ein Spiel, das Spezialisten in Einzelteile zerlegen und dann wieder zusammenbauen – wirke ein so einfach gestrickter Kommunikator wie aus der Zeit gefallen.

Schon einmal ist ein Mann bei seinem Amtsantritt in Bern auf ähnliche Weise kritisch beäugt worden. Ja, die vornehme «NZZ» hatte ihm gar die Befähigung zum Amt abgesprochen. Es könne unmöglich gutgehen. Der Mann habe nicht einmal die Sekundarschule besucht. Aber der so kritisch beurteilte sollte einer der beliebtesten und erfolgreichsten Politiker unserer Geschichte werden: Adolf Ogi.

Die neue starke Frau beim SC Bern: Florence Schelling.

Die neue starke Frau beim SC Bern: Florence Schelling.

Don Nachbaur wie Adolf Ogi? Unmöglich? Nun, wir sollten diese Möglichkeit nicht ausschliessen. Auf jeden Fall ist Don Nachbaur erst einmal ein «Krisengewinnler». Der SCB hat als Hockey- und Gastrokonzern dank der höchsten Zuschauerzahlen ausserhalb der NHL in diesem Jahrhundert nie rote Zahlen geschrieben. Mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes von rund 60 Millionen wird in Beizen in und um Bern erzielt. Die Viruskrise hat das Geschäftsmodell SCB in den Grundfesten erschüttert. Hinter den Sorgen um den Fortbestand seines Lebenswerkes muss beim 59-jährigen SCB-Mitbesitzer, Verwaltungsrat und Manager Marc Lüthi der Sport hinter finanziellen Überlegungen zurückstehen. Das ist in einem Sportunternehmen nicht ungefährlich. Don Nachbaur ist nicht SCB-Trainer geworden, weil er die besten Referenzen hat. Sondern ganz einfach, weil er am wenigsten kostet. Sein Vorgänger Kari Jalonen war noch nach rein sportlichen Gesichtspunkten rekrutiert worden und kostete über drei Mal mehr als Don Nachbaur. Auch wenn der Finne schliesslich gefeuert worden ist – er war sein Geld wert: dreieinhalb Jahre, drei Qualifikationssieger, zwei Titel.

Wie sehr der Blick in die Geldspeicher Marc Lüthi paralysiert, zeigt sich auch daran, dass der SCB zum ersten Mal beim Saisonstart nur drei statt der erlaubten vier Ausländer in Lohn und Brot hat und ohnmächtig zugesehen hat, wie mit Joël Vermin und Sven Andrighetto zwei der besten Schweizer Spieler nach Genf beziehungsweise Zürich gezogen sind. Der SCB hat keine Milliardäre als Mäzen wie Zürich und Zug. Marc Lüthi ist während der Viruskrise finanziell hilflos wie die Saurier, die einst den Kometen am Himmel aufleuchten sahen und wussten, dass die Welt bald in Flammen aufgeht. Der SCB ist nur noch Titelverteidiger, weil die Playoffs 2020 abgesagt worden sind. Die Berner hatten bloss noch Rang 9 erreicht und haben jetzt nicht den besseren Trainer und die besseren Ausländer.

SCB-Boss Marc Lüthi ist in der Coronakrise  besonders gefordert.

SCB-Boss Marc Lüthi ist in der Coronakrise besonders gefordert.

Die Marketingmaschine SCB läuft auf Hochtouren

Der SCB ist nach wie vor die beste Marketingmaschine unseres Sportes. Eine solche bedarf als Treibstoff reichlich Medienpräsenz. Deshalb ist der SCB immer auch ein wenig ein Hollywood-Studio. Erfolge zu produzieren ist aufwändig wie die Herstellung eines Monumentalfilms. Das kann sich der SCB nicht mehr leisten. Mit unkonventionellen Ideen ist die mediale Aufmerksamkeit hingegen fast gratis zu haben. Also hat Marc Lüthi einer Frau die Führung der Sportabteilung überlassen. Florence Schelling, die ehemalige Nationaltorhüterin und olympische Bronze-Heldin von 2014 ist die erste Sportchefin in der Geschichte des Eishockeys (seit 1875).

Die Rechnung ist erst einmal aufgegangen. Noch nie hatte der SCB im Frühling und Sommer so viel Medienpräsenz. Kein Wunder: Eine Frau in der wichtigsten sportlichen Führungsposition in einem Sportbusiness mit einer so ausgeprägten Macho-Kultur ist noch ungewöhnlicher als eine Chefredaktorin beim «L’Osservatore Romano», der vom Apostolischen Stuhl herausgegebenen «Vatikan-NZZ». Die 31-jährige Zürcherin wird noch skeptischer beurteilt als Don Nachbaur. Die ganz boshaften Kritiker sagen: Ein Mann mit ihrer Qualifikation hätte diesen Job nie bekommen.

So viel Hollywood war beim SCB noch nie. Aus der Titelfabrik, aus dem erfolgreichsten Hockeyclub der letzten zehn Jahre (Meister 2010, 2013, 2016, 2017, 2019), aus der Titelfabrik ist ein Zirkus geworden. Aber ein grosser Zirkus. Circus Maximus.

TV24 zeigt die Partie SC Bern - Ambri-Piotta im FreeTV:

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