Von bisher neun Rennen gewann Mikaela Shiffrin fünf. Erstmals siegte sie in dieser Saison auch im Super-G. Das war vor einer Woche in Lake Louise. Um den Nachweis zu liefern, dass dem Erfolg nichts Zufälliges anhing, gewann sie auch den Super-G von St. Moritz.

Gestern Sonntag folgte im Engadin der Parallel-Slalom – ein Format, das in der letzten Saison in Courchevel erstmals im Frauen-Weltcup durchgeführt wurde. Der Weltverband will mit Parallel-Events die Attraktivität des Skisports ankurbeln. Man könnte aktuell noch so packende Wettbewerbe erfinden, die Spannung würde sich in Grenzen halten, weil die Siegerin praktisch feststeht.

Holdener hat Final hauchdünn verpasst

Als der Parallel-Slalom im Frauen-Weltcup in der letzten Saison erstmals ausgetragen wurde, gewann Shiffrin im Final gegen Petra Vlhova. Die Finalisten in St. Moritz waren dieselben. Bereits am Vormittag war Shiffrin die Schnellste der Qualifikation. Vor dem Final habe sie in die Augen ihrer Gegnerin geschaut. «Ich habe gemerkt, dass sie mich unbedingt schlagen wollte.» Und was hatte Shiffrin daraufhin gemacht? «Ich musste die Intensität steigern.» So einfach ist das.

Den Final nur hauchdünn verpasst hat Wendy Holdener. Nur zwei Hundertstelsekunden war die Slowakin Vlhova im Halbfinal schneller. Im kleinen Final setzte sich Holdener gegen die Österreicherin Katharina Liensberger souverän durch. Vom ersten Podestplatz der Saison erhofft sie sich einen positiven Effekt. «Jetzt bin ich wieder drin. Ich hoffe, ich kann den Flow nun mitnehmen.»

Bescheiden trotz Überlegenheit

Zurück zu Mikaela Shiffrin. Um die Dominanz aufrechtzuhalten, sieht ihr Team, in dem Mutter Eileen die Zügel in den Händen hält, eine kluge Saisonplanung vor. So will man auf die kommenden Speedrennen in Gröden verzichten, damit ihr im intensiven Januar nicht die Luft ausgeht.

Bei aller Überlegenheit legt Shiffrin eine gewisse Bescheidenheit nicht ab. Angesprochen auf die Leistungen von Michelle Gisin, die in der Gesamtwertung den zweiten Platz belegt, sagte sie: «Es macht grossen Spass, ihr zuzusehen. Sie ist für mich eine Konkurrentin in jeder Disziplin. Sie lacht viel, ist immer glücklich.»

Kaum Schwachpunkte

Als Shiffrin im September Roger Federer bei einem Termin eines gemeinsamen Sponsors traf, schrieb sie auf Instagram: «Ich bin fast gestorben und konnte kaum sprechen.» Und nach dem Parallel-Slalom verkündete sie in St. Moritz, sie würde das Preisgeld der Stiftung «Freude herrscht» von Adolf Ogi spenden. Die Stiftung fördert die Sportbegeisterung bei Kindern.

Es scheint kaum Schwachpunkte zu geben bei Shiffrin. Sie selbst kennt solche aber offenbar. «Es ist nicht immer alles perfekt. Manchmal ist es besser, nur 99 Prozent zu geben und weniger Risiko zu nehmen.» Die Aussage lässt den Schluss zu, dass auch Shiffrin Zweifel kennt, dass sie menschlich ist. Nur sieht man auf der Piste nichts ausser einer Fahrerin, die mit der Zuverlässigkeit eines Roboters arbeitet.