Ach, dieser Teamwettbewerb. Er ist das zugezogene Kind, das Mühe hat, sich in der Gemeinde zu integrieren. Die Eingesessenen trauen dem Neuen nicht. Vorurteile hier, vorgefertigte Meinungen da. Aber der Neue ist eben nicht ganz uninteressant, er lässt uns nicht kalt. Er trägt andere Kleider und andere Schuhe, aber eine gewisse Ausstrahlung sprechen wir ihm nicht ab.

Er hat einen schweren Stand bei Connaisseuren, dieser Teamwettbewerb. Denn er ist anders als die klassischen Disziplinen. Er mäandert irgendwo zwischen Slalom und Riesenslalom, wobei ein Lauf knapp eine halbe Minute dauert. Ausgetragen wird er im K.-o.-System. Für die Zuschauer soll das leicht nachvollziehbar und spannend sein.

Der überragende Ramon Zenhäusern (links) lässt sich nach dem Final von Wendy Holdener und Co. gratulieren.

Der überragende Ramon Zenhäusern (links) lässt sich nach dem Final von Wendy Holdener und Co. gratulieren.

So viele Zuschauer wie noch nie

Man mag von diesem Format halten, was man will. Den grossen Massen scheint es zu gefallen, das zeigt das WM-Rennen. Nie zuvor standen mehr Leute in Åre neben der Piste, als beim Teamwettbewerb. Die Flutlicht-Atmosphäre tat ihr Übriges. Und weil mit Schweden ein Mitfavorit ins Rennen stieg, musste das Publikum ohnehin nicht motiviert werden.

Doch auch die Schweiz stieg mit einem kompetenten Parallel-Team ins Rennen: Wendy Holdener, Ramon Zenhäusern, Daniel Yule und Aline Danioth. Es war fast die gleiche Besetzung wie in Pyeongchang 2018, als die Schweizer Olympiagold holten. Im letzten Februar stand die mittlerweile zurückgetretene Engelbergerin Denise Feierabend am Start. Sie wurde in diesem Jahr durch die Urnerin Danioth ersetzt.

In Åre waren die Schweizer schon einmal erfolgreich in dieser Sparte. Bei der WM 2007 gewann das Team um Marc Berthod und Daniel Albrecht Bronze. Doch seither gab es keine WM-Medaille mehr.

Ein epischer Kampf

Im Achtelfinal war Belgien die erwartet tiefe Hürde. Die Schweiz gewann sämtliche vier Duelle. Es kam zum Viertelfinal gegen Schweden. Eine Knacknuss. «Wir wussten, dass dies ein harter Kampf wird», sagte Wendy Holdener nach dem Rennen. Sie sagte es in Englisch, «tough battle», es klingt nach einem epischen Duell. Und weil sie wussten, dass die Schweden «like crazy», wie verrückt, kämpfen würden, musste man das allerbeste Skifahren zeigen, sagte Holdener.

Das brauchte es tatsächlich gegen diese Schweden. Schnell lagen die Schweizer 2:1 zurück. Das letzte Duell konnte Zenhäusern schliesslich gegen André Myhrer gewinnen. Die Schweiz setzte sich aufgrund der besseren Gesamtzeit durch.

Enge Duelle folgten auch im Halbfinal gegen Deutschland und im Final gegen Österreich. Beide Male musste ein Rückstand ausgebügelt werden, beide Male entschied die bessere Zeit. An der Pressekonferenz wird Daniel Yule später gefragt, warum diese engen Duelle immer auf die Schweizer Seite kippen konnten. Yule antwortete: «Ich glaube, der grosse Grund dafür war Ramon Zenhäusern. Vielleicht ist er nicht der Beste der Welt, aber er gehört sicher zu den Besten der Welt in dieser Disziplin.» Zenhäusern und Holdener. Sie waren bereits in Südkorea die entscheidenden Figuren auf dem Weg zum Titel.

Eine verrückte Geschichte von Ellenberger

Gewöhnungsbedürftig für den Skisport ist nach wie vor, dass Leute Medaillen erhalten, die gar nicht fahren mussten. Die Ersatzfahrer Sandro Simonet und Andrea Ellenberger dürfen sich nun genauso Weltmeister nennen, ohne überhaupt zum Einsatz gekommen zu sein.

Besonders speziell ist die Geschichte bei Ellenberger. Die Nidwaldnerin hatte eine komplizierte Verletzungsgeschichte und verlor bei Swiss Ski ihren Kaderstatus. Im letzten Sommer ging sie auf eigene Faust in Südamerika trainieren. Dort hinterliess sie bei den Verantwortlichen des Skiverbands einen dermassen guten Eindruck, dass sie im Europacup-Team mittrainieren durfte.

Schliesslich wurde sie für den Weltcup-Auftakt in Sölden aufgeboten und bestritt sechs Riesenslaloms in der laufenden Saison. Es folgte die WM-Selektion. Nun die Goldmedaille. Eine Stufe nach der anderen im Eiltempo. Die 25-Jährige stand mit der Medaille um den Hals im Medienzentrum und sagte ungläubig: «Surreal.»

Kickoff der Weltmeisterschaften

Der Wert dieser Goldmedaille wird letztlich für jeden einzelnen dieses sechsköpfigen Teams ein anderer sein. Und wahrscheinlich lässt er sich nicht mit dem Renommee der Disziplin erklären. Daniel Yule sagte: «Wir Techniker sind vor dem Teamevent noch keine Rennen gefahren. Diese Medaille kann das Eis brechen. Es ist für uns der Kickoff der Weltmeisterschaften.»

Aline Danioth sagte: «Diese Medaille hat eine grosse Last weggenommen. Ich habe nun null Druck, ich kann einfach Spass haben und Gas geben.» Es ist die Schubkraft, die diese Medaille wertvoll machen könnte.