Manchmal dauert es seine Zeit, bis die besten Schweizer Curlerinnen und Curler ihr Glück finden. Und manchmal müssen sie umbauen, bis alles passt. Silvana Tirinzoni und Alina Pätz führten jahrelang eigene Teams. Pätz wurde 2015 mit den Bernerinnen Nicole Schwägli, Marisa Winkelhausen und Nadine Lehmann Weltmeisterin, weitere Erfolge blieben aber aus. Tirinzoni glückten an den Turnieren der World Tour viele ausgezeichnete Ergebnisse, aber an internationalen Titelkämpfen reichte es ihr nie zu einer Medaille.

Aber die neue Mischung im Team des CC Aarau ist explosiv. Für die erste Position holte Tirinzoni Melanie Barbezat, die ihrerseits als Skip ein Team geführt hatte. Die Bielerin war an der WM die zweitbeste Nummer 1. Die grösste Baustelle im neuen Team war jedoch das "Back-End", die Positionen 3 und 4. Heute weiss man, dass der Umbau nicht besser hätte gelingen können. EM-Silber und WM-Gold sind für die erste Saison keine schlechte Ausbeute.

Silvana Tirinzoni ist ein Mastermind, eine anerkanntermassen hervorragende Taktikerin. Die prädestinierte Teamchefin. Alina Pätz, heisst es, hat bei den letzten Steinen in den wichtigsten Partien Nerven wie Drahtseile. In Silkeborg hat sie es gezeigt. Dass sie gerade im Final gegen Schweden die Weltklasse-Erfolgsquote von 94 Prozent zustande brachte, war vielleicht kein Zufall.

Für das gemeinsame Team sind Tirinzoni und Pätz Konzessionen eingegangen, beide haben auf ihre Weise zurückgesteckt. Alina Pätz ist nicht mehr Skip, spielt aber nach wie vor auf der vierten Position. Silvana Tirinzoni bestimmt weiterhin die Taktik, ist aber auf die dritte Position zurückgewichen und trägt dadurch nicht mehr die nervliche Last der entscheidenden Steine. Jetzt, so scheint es, können beide ihre Stärken optimal einbringen. Wenn sich beide Alphatiere mit ihren moderateren Rollen über diese Saison hinaus abfinden können, stehen dem Schweizer Frauencurling erfreuliche Zeiten ins Haus.

In der Geschichte des Schweizer Curlings findet man unheilige Allianzen, die nur kurze Zeit hielten, die jedoch ein paar der grössten Erfolge ermöglicht haben.

Ab dem Ende der Neunzigerjahre waren die Bernerin Mirjam Ott und die Zürcherin Luzia Ebnöther rivalisierende Skips. Beide führten Teams des CC Bern, die aber nichts miteinander zu tun hatten, sondern sich vielmehr in den Ausscheidungen für die grossen Meisterschaften bekämpften. Auf die Saison 2001/02 trennte sich Ebnöther von ihrer Nummer 3. Ebnöther klopfte bei Ott an. Diese sagte zu. Ott/Ebnöther harmonierten an den Winterspielen in Salt Lake City so, als hätten sie jahrelang zusammen gespielt. Sie erreichten den Final und kamen mit Olympia-Silber zurück. Schon in der darauffolgenden Saison führte Ott wieder ihr eigenes Team.

Bei den Männern waren Andreas Schwaller und Ralph Stöckli ab 2002 die Gegenspieler. Im Herbst 2006, kurz vor den Europameisterschaften in Basel, musste sich Schwaller wegen Differenzen von seiner Nummer 3 trennen. Er klopfte bei Stöckli an. Der St. Galler sagte zu und verhalf dem Team Baden Regio zum EM-Titel, dem ersten im Schweizer Männercurling seit 20 Jahren. Schwaller und Stöckli harmonierten tadellos, aber nach Stöcklis Gastspiel waren sie wieder Rivalen wie zuvor.

Im aktuellen Schweizer Männercurling haben zwei langjährige Rivalen zusammengefunden, und dies, wie es scheint, wohl mindestens bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking: Sven Michel, früherer Skip des CC Adelboden und Europameister 2013, ist heute als Nummer 3 in die Genfer Formation um Skip Peter De Cruz integriert. Ihre gemeinsame Zeit hat in dieser Saison begonnen. Ab nächstem Samstag bestreiten sie die Männer-WM im kanadischen Lethbridge. Vielleicht werden die ehemaligen Rivalen Michel und De Cruz etwas Ähnliches zustande bringen wie die ehemaligen Rivalinnen Pätz und Tirinzoni.