Über dem Kopf von Lindsey Vonn fliesst heisse Luft durch Plastikrohre. Draussen zeigt das Thermometer minus 20 Grad. Vonn hat schon ganze Hallen gemietet, um sich selbst zu inszenieren, jetzt sitzt sie gewöhnlich im Medienzelt. Es ist ein seltsam trostloser Auftritt. Ein trauriges Ende.

Lindsey Vonn, die Frau, die den ganz grossen Auftritt liebte, ist normal geworden. Sterblich. Auf den Pisten war sie viele Jahre lang die Übernatürliche. Die Frau, die alles dominiert, der die Konkurrenz unter Gleichen langweilig wurde und die darum davon träumte, sich mit den Männern zu messen. Normal. Sie?

Die Show ist vorbei

82 Weltcuprennen hat sie gewonnen. So viele wie keine andere Frau. Und nur Ingemar Stenmark war besser. Seinen 86 Siegen jagte Lindsey Vonn hinterher. Verbissen und alles opfernd. Selbst die Gesundheit. Und genau der Körper war es nun, der die Jagd beendete.

Die Show ist vorbei. Und so sitzt sie nun da, versucht, Sprüche zu machen. Aber es gelingt ihr nicht. Kaum jemand lacht. Zu surreal ist das Bild. Weg ist der Glamour, weg die Magie. Lindsey Vonn polarisierte immer, aber sie war nie langweilig. Nun irgendwie schon. «Zum Comedian reicht es mir wohl nicht», sagt sie.

Wie Superman

Ein paar Minuten zuvor sass Mikaela Shiffrin an gleicher Stelle. Die Frau, die dereinst vielleicht wirklich alle Rekorde bricht. 23 Jahre ist sie erst und hat schon 56 Weltcuprennen gewonnen. Gestern wurde sie Weltmeisterin im Super-G. Mit Startnummer 15. Vonn hatte die 16. Die Startnummern, zufällig so gelost, schienen es der 34-Jährigen beinahe entgegenzuschreien: Du wurdest abgelöst.

Und was tat Vonn? Sie stürzte und landete im Fangnetz. Einmal mehr. Die Realität lässt sich niemals verändern, selbst nicht von einer, die lange wie Superman war. «Wir respektieren uns. Ich hoffe, Mikaela bleibt gesund. Aber ich kenne sie kaum. Es gibt wenige, die ich nicht kenne. Sie gehört dazu», sagt Vonn. Einfach ist es nie, den Platz auf dem Thron zu räumen. Darum passiert es selten friedlich.

Rekord bleibt ungebrochen

Vermutlich auch darum liest Lindsey Vonns Pressebetreuerin zu Beginn des Gesprächs alle Erfolge vor. Fast wie in einem Gebet. Seht her: Lindseys Erfolge sind grösser. Vonn selbst sitzt daneben und schaut traurig. Auch wenn sie sagt: «Ich habe schon lange alle Tränen vergossen, ich fühle mich ausgetrocknet. Traurig bin ich nicht mehr. Es tut gut, dass mich viele Menschen so lieb verabschieden. Das macht mir das Ende leichter.»

Sie hat eingesehen, dass sie den Rekord von Stenmark nicht mehr brechen wird. «Hängt mich nun nicht daran auf», schrieb sie vor Wochen fast flehend auf Facebook. Gestern sagt sie: «Ich bin stolz auf alles, was ich erreicht habe. Mir werden nicht die Siege fehlen, mir wird das schnelle Skifahren fehlen, das Adrenalin.»

Der Kinder-Wunsch

Sie erzählt nüchtern. Nur kurz glänzen ihre Augen. Fast so, wie wenn sie früher von Titeln und Rekorden sprach: «Ja, ich will unbedingt Kinder und ich will mit ihnen Ski fahren, auch darum muss ich aufhören.» Ihr Körper ist zu kaputt, um ihn noch mehr zu quälen. Es fehlt nicht mehr viel, und es ginge gar nichts mehr. Ein letztes Mal will sie aber noch starten. Am Sonntag in der Abfahrt. Und sie sagt: «Schreibt mich noch nicht ab, vielleicht habe ich ja noch ein Ass im Ärmel. Ich kann immer noch gewinnen.»

Irgendwie ist die Vorstellung schräg, dass der gestrige Auftritt im Zelt ihr letzter war. Doch nur mit einer Medaille würde sie noch einmal offiziell als Skifahrerin an einer Medienkonferenz erscheinen. Diesen grossen Abgang hätte sie sich verdient. Doch sie selbst weiss, dass es sehr schwierig werden wird. Alles andere zu behaupten, wäre heisse Luft. Wie im Plastikrohr über ihrem Kopf.