Vor zwei Jahren in St. Moritz hatte Gut-Behrami nach drei Super-G-Siegen zu Beginn der Saison als grosse Favoritin auf den Titel gegolten. Ihr schien es gar, als erwarte die Öffentlichkeit, "dass ich bei der Heim-WM gleich alle Rennen gewinnen müsste", sagte die Tessinerin im Rückblick am Sonntag. Dabei hatte sie sich 2017 einige Tage vor WM-Beginn bei ihrem Sturz in Cortina schmerzhafte Prellungen an Oberarm und Oberschenkel zugezogen. Letztlich wurde es auch im Engadin nichts mit ihrer ersten Goldmedaille an einem Grossanlass. Hinter der österreichischen Überraschungssiegerin Nicole Schmidhofer und der Liechtensteinerin Tina Weirather blieb ihr Bronze.

Damit lancierte sie zwar die Titelkämpfe aus einheimischer Sicht, doch Gut-Behramis Freude über ihre fünfte WM-Medaille, das zeigte ihre Miene bei den Interviews nach dem Rennen, hielt sich sehr in Grenzen. Drei Tage danach zog sie sich beim Einfahren für den Kombinations-Slalom eine schwere Knieverletzung zu: WM- und Saisonende - und für ein paar Monate auch das Ende der riesigen Erwartungshaltung von aussen.

"Ich fahre seit zehn Jahren an der Spitze mit"

Diese Haltung habe sich in den letzten eineinhalb Jahren verändert, sagt Gut-Behrami. "Nun habe ich das Gefühl, dass ich allen beweisen muss, dass ich noch gut Ski fahren kann." Und wenn ihr das gelungen sei, so in dieser Saison geschehen mit den Super-G-Podestplätzen in St. Moritz (2.) und zuletzt in Garmisch (3.), "dann muss ich wieder beweisen, dass ich die grosse Kristallkugel nicht zufällig gewonnen habe. Wir werden immer wieder infrage gestellt." Dabei gehe vergessen, kritisiert Gut-Behrami, dass sie seit zehn Jahren an der Spitze mitfahre.

Tatsächlich war die 27-Jährige aus Comano in der Gesamtwertung immer in den ersten 15 klassiert. Nur in einer Saison blieb sie ohne Weltcup-Podest. "Ich arbeite immer noch täglich dafür, dass mir das auch künftig gelingt. Ich bin noch nicht so weit, dass ich etwas anderes als Ski fahren will."

Von ihrem in St. Moritz erlittenen Kreuzbandriss kam Gut-Behrami zwar sehr schnell zurück. Nur gut acht Monate nach dem Unfall startete sie in Sölden bereits wieder zu einem Rennen. Doch so rasch ihr das Comeback auf den Ski gelang, die Rückkehr an die Weltspitze gestaltete sich für die ehemalige Gesamtweltcupsiegerin nicht in allen Disziplinen gleich gut. In der Abfahrt war sie in diesem Winter nie besser als Achte. Im Riesenslalom ist Gut-Behrami aus den Top 15 der Weltrangliste gerutscht und in der Kombination wird sie auch in Are nicht starten.

Regelmässige Top-Resultate gab es in den letzten eineinhalb Saisons nur noch im Super-G, ihrer Lieblingsdisziplin. "Der Super-G ist purer Instinkt. Das kommt mir entgegen", sagt Gut-Behrami. Gefragt, was denn ihre Erwartungen seien in Are, sagt die 24-fache Weltcupsiegerin: "Ich erwarte nichts. Ich will zeigen, was ich kann. Doch ich wäre nicht hier in Are, wenn ich nicht Lust hätte, noch mehr Rennen zu gewinnen."