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Kulinarisch die richtige Wahl: Die Olympischen Winterspiele 2026 finden in Mailand – Cortina d’Ampezzo statt

Rainer Sommerhalder

Fröhliche Gesichter bei der italienischen Delegation: Das IOC die Olympischen Winterspiele 2026 an Mailand – Cortina d’Ampezzo – vergeben.

20 Jahre nach Turin werden die Olympischen Winterspiele erstmals wieder in Westeuropa stattfinden Die Analyse zur Vergabe der Olympischen Winterspiele 2026 an Mailand – Cortina d’Ampezzo.

Wer macht das Rennen? Die Frage geht wenige Stunden vor der entscheidenden Abstimmung an ein langjähriges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees mit immenser Erfahrung im Wintersport. «Wenn es nach dem Essen geht, ist die Entscheidung klar», lautet die Antwort. Wie viele der 82 Wahlberechtigten, deren sportliche Kompetenzen sich zu einem stattlichen Teil auf sommerliche Aktivitäten fokussieren, die italienische Pasta tatsächlich den schwedischen Köttbullar vorziehen, ist nicht überliefert. Aber Soft-Faktoren spielen bei solchen Abstimmungen bekanntlich oft eine entscheidende Rolle.

47 Stimmen holten die Tifosi, die mit ihrem feurigen Auftritt den kühl und besonnen wirkenden Skandinaviern bereits bei der Präsentation die Show stahlen. Immer wieder spielten die Norditaliener die Karte Begeisterung aus. 83 Prozent Zustimmung für die Kandidatur wies eine vom IOC bezahlte Meinungsumfrage im Land aus, gegenüber lediglich 55 Prozent in Schweden.

Dass selbst die Stadtregierung von Stockholm keine öffentliche Liebesbezeugung zur eigenen Kandidatur abliefern wollte und sich sogar weigerte, den Gastgeber-Vertrag mit dem IOC mitzuunterzeichnen, half den Schweden auch nicht, erstmals Olympische Winterspiele austragen zu dürfen.

In Italien geht alles ein wenig einfacher

Offensichtlich hat da eine populistische Regierung, wie sie gerade in Italien an der Macht ist, weniger Skrupel, innerhalb eines Jahres von olympischer Antipathie auf glühende Verehrung umzustellen und die lange verweigerten finanziellen Garantien zu leisten. Politische Instabilität im Gastgeberland, rüder Umgangston mit Flüchtlingen, die dem IOC doch so am Herzen liegen, und Probleme mit dem Staatshaushalt scheinen bei der Wahl kein Faktor gewesen zu sein.

Unabhängig vom Ergebnis darf das IOC diese Wahl als grossen Erfolg für sich verbuchen. Nach 20 Jahren und drei höchst umstrittenen Austragungsorten – 2014 staatlich befohlener Gigantismus, gemixt mit Doping-Cocktails, in Sotschi, 2018 Ausflug in die strukturschwachen Wintersport-Pampas von Pyeongchang, 2022 Winterstimmung dank Schnee aus der Maschine in Peking – kehren die fünf Ringe endlich in ein traditionelles westeuropäisches Wintersport-Land zurück. In Italien finden Jahr für Jahr mehr als doppelt so viele internationale Wettkämpfe auf Schnee statt wie in den drei vorherigen Olympia-Destinationen zusammen.

IOC-Präsident Thomas Bach mit dem Entscheid.

IOC-Präsident Thomas Bach mit dem Entscheid.

Ganz besonders aber sollen die Sommerspiele 2024 und 2028 sowie die Winterspiele 2026 für das IOC die dringend benötigte Umkehr zur Vernunft sein: Nachhaltige, finanzierbare und von der Bevölkerung getragene Beispiele des grössten Sportanlasses der Welt.

Gebeutelt von fragwürdigen Vergaben, extravaganten Durchführungen und unheilvollen Vermächtnissen ist die finanzielle Wollmilchsau des olympischen Ringe-Ordens längst zu einer politischen Image-Hypothek geworden.

Nachhaltigkeit nicht ohne Kompromisse

Seit Jahren nimmt das Interesse an Kandidaturen ab. Für die Winterspiele 2026 musste man trotz anfänglich sieben Interessenten wegen verlorener Volksabstimmungen und fehlender Staatsgarantien für kurze Zeit sogar zittern, gar keinen Organisator vorzuweisen.

Nun aber herrscht Partystimmung in der Olympia-Metropole Lausanne – der Einzug in den supermodernen, neuen Hauptsitz, chinesische Verstärkung an der Sponsoring-Front und eine Flut von Werbebotschaften zur Agenda 2020. Mailand – Cortina greift auf 13 bestehende oder temporäre Wettkampfstätten zurück.

Nur ein Eishockey-Stadion soll neu gebaut werden. Die budgetierten Betriebskosten der Spiele liegen um 20 Prozent tiefer als bei den Vorgängern. Den Bauten winkt eine sinnvolle Nutzung nach dem Erlöschen des olympischen Feuers. Und eine Kandidatur kostet jetzt 75 Prozent weniger als beim letzten Mal.

Selbstverständlich funktionieren Vernunft und Nachhaltigkeit nicht ohne Kompromisse. So teilen sich erstmals zwei offizielle Austragungsorte die Winterspiele. Die Distanz dazwischen beträgt stolze 411 Kilometer und ist mit einer fünfeinhalbstündigen Zugfahrt verbunden.

Auch das bedeutet Rekord. Ein skeptisches IOC-Mitglied sagte gestern, dass sich gewisse Kosten deutlich erhöhen werden. So braucht es mehr Akkreditierungen für das Umfeld der Sportler. Auch Ausgaben für Transport und Sicherheit werden höher. Im bescheiden anmutenden Budget von rund 1,5 Milliarden Dollar sind die vom Staat getragenen Sicherheitskosten nicht inbegriffen. Mailand – Cortina kalkuliert dafür 475 Millionen Dollar.

Ziemlich genau vor einem Jahr, am 10. Juni 2018, nahm sich die Schweizer Kandidatur durch eine verlorene Abstimmung im Wallis zur kantonalen Kostenbeteiligung selbst aus dem Rennen. 54 Prozent der Walliser sagten Nein zu 100 Millionen Steuergeldern für Sion 2026. Ein Schweizer Bewerber hätte gestern gute Chancen gehabt, auch wenn in Erinnerung an Sion 2006 und Turin auch ein abermaliges böses Erwachen möglich gewesen wäre. Bis zu einem neuen Anlauf wird es dauern. «Viele, viele Jahre», wie ein Schweizer IOC-Mitglied prognostiziert.

Die Reformflut im IOC geht munter weiter

Verlorene Volksabstimmungen sind Motivationskiller für organisatorische Ambitionen in demokratischen Ländern – in Italien gab es übrigens nie eine Abstimmung zu Olympia –, sie sind auch pures Gift für das IOC. Dieses will zwar nach Niederlagen an der Urne selten etwas von einer Mitschuld wissen. Die andauernde Reformflut rund um die Olympischen Spiele kann durchaus als Schuldeingeständnis interpretiert werden.

Auf die vor fünf Jahren beschlossene Agenda 2020 mit 40 Punkten folgte im letzten Jahr die New Norm mit 118 Massnahmen, um das Budget der Olympischen Spiele nachhaltig zu senken. Und bereits heute wird der IOC-Kongress den nächsten Schritt vollziehen und fünf Prinzipien verabschieden. Damit werden sogar Bewerbungen von Städten aus verschiedenen Ländern möglich. Das IOC lässt sich die Korrektur des eigenen Rufs einiges kosten. Die Betriebskosten von Mailand – Cortina werden mit Leistungen in der
Höhe von mindestens 925 Millionen Dollar mitgetragen – das ist für Winterspiele ein deutlicher Rekord.

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