Es ist fast auf den Tag genau neun Jahre her, als sich Corinne Suter zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Abfahrt wagte. Sie war damals 15 Jahre alt und die jüngste Fahrerin im Teilnehmerfeld. Sie trug Startnummer 76, nach ihr kam nur noch Nummer 77, dann war dieses Europacup-Rennen fertig. Drei Sekunden büsste Suter damals auf die Siegerin ein, aber das war zweitrangig. Sie lernte an diesem Januartag in St. Moritz ihre künftige Lieblingsdisziplin kennen. Der Grundspeed, die Sprünge, alles gefiel ihr. Der Spassfaktor muss enorm gewesen sein.

Neun Jahre später sitzt Corinne Suter im Restaurant eines Hotels in GarmischPartenkirchen. Es ist Freitagnachmittag, sie kommt direkt vom Mittagessen. Das zweite Training für die Weltcup-Abfahrt liegt hinter ihr, sie wurde Zweite. Im ersten Training fuhr sie am Donnerstag Bestzeit. «Es ist nur Training», betont sie. Ihr Hinweis ist nicht als Besserwisserei zu verstehen. Vielmehr dreht sie ein wenig die Herdplatte runter. Die Euphorie muss nicht schon vor dem Wettkampf hochkochen.

Die Favoritenrolle ist der 24-jährigen Schwyzerin nicht ganz geheuer. Und das ist nachvollziehbar. Noch nie stand sie bisher auf einem Weltcup-Podest. Bestimmt hat sie recht: Trainingszeiten sind mit Vorsicht zu werten. Doch sie bestätigen eben den Eindruck, dass Suter aktuell sehr viel Freude bei ihrer Tätigkeit hat. Sie sagt: «Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. Der Ski fährt genau dorthin, wo ich will. Ich bin Pilot, nicht Passagier. Das macht nun mal Spass.»

Der schreckliche Fuss

Zwischen ihrer ersten Abfahrt und der laufenden Saison gab es immer wieder Momente, in denen die Leichtigkeit bei sanften Windstössen verweht wurde. Suter konnte sich auch in kleinen Problemen verlieren, bis es zur Blockade kam. Sie umschreibt diesen Vorgang mit «verkopfen» – ein Wort, das sie in Interviews vielfach einsetzt. Es ist ein Thema, das sie durch die Karriere begleitet. Sie sagt: «Ich habe diesbezüglich einen Schritt gemacht und gelernt, nicht gleich zu verkopfen, wenn es nicht läuft. Es bringt auch nichts, mit der Brechstange zu fahren. Das wirkt sich extrem schlecht auf die Zeit aus.»

Diese Einstellung reifte, als Suter eine wüste Zäsur erlebte. Im vergangenen Sommer hatte sie eine sonderbare Verletzung. Es begann mit einem Bluterguss am Zeh, weil der Skischuh zu eng war. Danach kam es zur Infektion, die immer weiter zum Unterschenkel wanderte. Sie unterschätzte die Entzündung. Anfang Juni wollte sie den Strongmanrun absolvieren, einen 18 Kilometer langen HindernisParcours in Engelberg. Am Tag vor dem Lauf sendete sie ihrem Trainer Dominique Pittet ein Bild des Fusses. Dessen Freundin, eine Ärztin, schaute sich das Bild an und gab die Anweisung, Suter müsse sofort auf den Notfall gehen. Sie hatte eine Blutvergiftung, im schlimmsten Fall hätte man den Fuss amputieren müssen. Sie sagt: «Mir war nicht bewusst, wie schlimm die Folgen hätten sein können.»

Aus der Distanz betrachten

Die zweimonatige Verletzungspause gab Suter Zeit für eine Auslegeordnung ihres Spitzensportlerlebens. Man bewege sich sonst andauernd in denselben Schemen, sagt sie. Nun hatte sie die Gelegenheit, alles aus der Distanz zu betrachten. «Mir wurde klar, was ich wirklich will.» Mit ihrem Servicemann hat sie schliesslich am Set-up geschraubt. Der Skischuh ist nun grösser, die Bindung weniger aggressiv eingestellt. Die Unterschiede seien enorm, aber es fühle sich besser an. Suter musste durchaus über ihren Schatten springen, denn von Natur aus ist sie nicht die Tüftlerin. «Ich bin nicht wirklich offen für Neues. Ich war immer diejenige, die abwartete. Aber das ist gefährlich. Auf diesem Niveau können alle Ski fahren, da kommt es auf Kleinigkeiten an.»

Zehn Tage vor der WM fährt Suter so gut wie schon lange nicht mehr. In der Abfahrt hat sie die Selektion für Are geschafft, im Super-G dürfte es schwierig werden. Fünf andere Athletinnen haben die Kriterien bereits erfüllt: Lara Gut-Behrami, Jasmine Flury, Joana Hählen, Michelle Gisin und Wendy Holdener. Das Team hat jedoch nur vier Startplätze. Für Suter dürfte es ohnehin eng werden.

In der Abfahrt hat sie ihre Karriere-Bestleistung egalisiert, als sie vor einer Woche Vierte in Cortina wurde. Noch nie war sie so nahe an einem Podestplatz, es fehlte nur eine Hundertstelsekunde. Sie sagt, Verwandte und Bekannte habe dieser eine Hundertstel mehr beschäftigt als sie selbst. «Ich habe oft gehört, wenn ich diesen oder jenen Fehler nicht gemacht hätte, hätte es gereicht.» Doch sie müsse sich von solchen Gedanken abgrenzen. Die jüngere Corinne Suter hätte sich länger damit beschäftigt.