Es ist der 14. November 2018. Michelle Gisin meldet sich mittels Whatsapp-Sprachnachricht. Sie befindet sich in Schweden. Drei Tage später wird sie den ersten Slalom des Winters im finnischen Levi bestreiten. Wir haben vereinbart, dass Gisin uns in dieser Saison tagebuchartig mitnimmt auf ihren Weg Richtung Ski-WM in Are.

Am letzten Wochenende endete dieser Weg abrupt. Gisin verletzte sich im Super-G von Garmisch-Partenkirchen, sie wird an der WM nicht dabei sein. Es ist der Schlusspunkt eines wilden Winters, in dem ein Sturz ihres Bruders die ganze Familie durchschüttelte.

Michelle Gisin mit Krücken, unterwegs in ihrer Heimat Engelberg.

Michelle Gisin mit Krücken, unterwegs in ihrer Heimat Engelberg.

Der Slalom von Levi verläuft unspektakulär. Gisin wird Zehnte, spricht von einzelnen guten Abschnitten, eine solide Leistung, mehr nicht. Es folgen die Rennen in Killington und Lake Louise. Und die Reise nach Nordamerika lohnt sich, Gisin liefert starke Resultate ab.

Sie kehrt zurück mit einem fünften Platz im Slalom (Karriere-Bestergebnis in dieser Disziplin) und zwei Podestplätzen in der Abfahrt. Am 5. Dezember meldet sie sich wieder aus Engelberg, an ihrem 25. Geburtstag. Drei Tage später beginnt der Heimweltcup in St. Moritz. Die Welt ist nicht nur ein bisschen in Ordnung.

Eine Woche nach den Rennen von St. Moritz stürzt ihr Bruder Marc Gisin in der Abfahrt von Gröden schwer. Der 30-Jährige bleibt bewusstlos liegen und muss mit dem Helikopter von der Saslong-Piste geflogen werden.

Auf derselben Piste tragen die Frauen wenige Tage später Abfahrt und Super-G aus. Michelle Gisin fährt beides, doch sie merkt, dass die Batterien leer sind. Sie legt eine Wettkampfpause ein, sie will bei ihrer Familie sein. Anfang Januar kehrt sie zurück, Marc geht es inzwischen besser.

Knapp zwei Wochen nach dieser Meldung verletzt sich Michelle Gisin in Garmisch. Am letzten Montag teilt Swiss Ski mit, Gisin müsse die Saison beenden. Einen Tag später erklärt sie in einem Hotel in Engelberg, es wäre möglich gewesen, schmerzfrei an der WM am Start zu stehen, konkurrenzfähig wäre sie aber nicht gewesen.

Sie sagt auch, der Sturz von Marc habe vieles erschüttert. «Das alles mitzuerleben, diese Angst auch, das braucht enorm viel Kraft.» Mit spärlichen Energiereserven konnten ihr am Ende einige Schläge eine Knorpelschädigung und eine Kreuzbandzerrung im Knie zufügen.