Skispringen
Deschwanden tritt aus dem Schatten des Überfliegers

Der Schweizer Teamleader Simon Ammann kämpft nach wie vor mit Problemen bei der Landung. Dafür kommt Gregor Deschwanden rechtzeitig vor dem Heimweltcup in Engelberg in Fahrt.

Simon Steiner, Engelberg
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Gregor Deschwanden fliegt in Nischni Tagil auf den 7. Rang - sein Karriere-Bestresultat

Gregor Deschwanden fliegt in Nischni Tagil auf den 7. Rang - sein Karriere-Bestresultat

KEYSTONE/EPA/SERGEI ILNITSKY

Gregor Deschwanden hat sie, die Mentalität des Spitzensportlers. Mit einem 7. Rang erreichte er am letzten Sonntag im russischen Nischni Tagil sein bisher bestes Resultat im Weltcup. Und jetzt bereitet er sich in Engelberg auf die beiden Heimspringen vom Wochenende vor und sagt: «Es geht noch besser. Schliesslich waren in Russland noch sechs Athleten vor mir klassiert.»

Das könnte überheblich wirken, tut es bei Deschwanden aber nicht. Vielmehr hinterlässt der 24-Jährige den Eindruck eines Athleten, der weiss, was er will und dessen Selbstvertrauen intakt ist. Denn natürlich hat er sich über sein bisher wertvollstes Resultat gefreut. «Es ist mir endlich einmal gelungen, zu zeigen, was ich kann.»

Nachdem er in den drei Einzelspringen der Saison die Punkteränge verpasst hatte, scheint ihm in Russland die Wende gelungen zu sein. Eingeleitet hatte er diese in der Vorwoche, als er nach den Weltcupspringen in Lillehammer spontan noch zwei Tage länger in Norwegen blieb und mit Assistenztrainer Ronny Hornschuh an der Technik feilte.

Damit macht sich Deschwanden nun daran, aus dem langen Schatten von Teamleader Simon Ammann zu treten. Neben dem vierfachen Olympiasieger, der die Umstellung der Telemarklandung vom linken auf das rechte Bein noch nicht zufriedenstellend hinter sich gebracht hat, hat sich Deschwanden in den letzten Jahren an die Weltspitze herangetastet. Es war ein langsamer Aufstieg, der nicht ohne Rückschläge blieb. Immer wieder liess Deschwanden sein Talent aufblitzen, an der nötigen Konstanz für den endgültigen Durchbruch zum Topathleten fehlte es bislang noch.

Nun stimmt die Geschwindigkeit

Hoffnung, dass sich das nun ändern könnte, schöpft Deschwanden nicht nur aus den jüngsten Weltcupresultaten, sondern auch aus der Geschwindigkeit, die bei ihm vor dem Absprung gemessen wird. Lange hatte er in der Anlaufspur zu den Langsamsten gehört und war damit bereits mit einem Handicap in den Flug gestartet.

Im Sommer arbeitete er deshalb erneut gezielt an seiner Anfahrtsposition, in der das Problem gründete. Über Jahre hat sich bei ihm die Gewohnheit eingeschliffen, die rechte Hand in der Anlaufspur leicht ausgestreckt zu halten. «Ganz korrigieren konnte ich das noch nicht, aber ich bin einen entscheidenden Schritt weitergekommen», sagt er.

Im luzernischen Horw aufgewachsen, wohnt Deschwanden seit gut einem Jahr in Einsiedeln – am Trainingsstützpunkt der Schweizer Skispringer. Leisten kann sich der KV-Absolvent mit abgeschlossener Berufsmaturität dies dank eines Kopfsponsors und einer 50-Prozent-Anstellung beim Bund als Zeitsoldat – noch reicht das Preisgeld nicht für den Lebensunterhalt.

Gregor Deschwanden liegt die Schanze von Engelberg nicht besonders.

Gregor Deschwanden liegt die Schanze von Engelberg nicht besonders.

Keystone

Obwohl Deschwanden einen anderen Sprungstil pflegt als Simon Ammann, konnte er von dessen Erfahrung schon oft profitieren. «Vor allem habe ich von ihm gelernt, wie wichtig Details in Materialfragen sein können», sagt er. In guter Erinnerung ist ihm Ammanns Coup bei den Olympischen Spielen in Vancouver – mit einer revolutionären Bindung. «Obwohl ich zuvor regelmässig mit ihm trainiert hatte, ahnte ich damals nichts davon.»

In Engelberg will Deschwanden nun den Schwung vom letzten Wochenende nutzen, obwohl ihm die Titlis-Schanze mit ihrem Profil eigentlich nicht besonders liegt. «Es ist eine Charakterschanze», sagt er diplomatisch. «Es ist eine Herausforderung, den optimalen Moment für den Absprung zu erwischen. Aber wenn man in Form ist, geht auch das viel leichter.»