Langlauf
Der norwegische Asthma-Express: Der extensive Gebrauch eines Medikamentes sorgt bei den Skandinaviern für grosse Diskussionen

In Norwegen geht es um nichts weniger als den Ruf der Volkssportart Nummer 1. Die norwegische Teamleitung empfahl den Weltcupathleten den Gebrauch von Asthma-Medikamenten. Das kommt im Fairplay-bewussten Land gar nicht gut an.

Rainer Sommerhalder
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Die Überlegenheit der norwegischen Langläufer nahm im letzten Winter teilweise beeindruckende Formen an. Hier führen gleich sechs Norweger das Weltcupfeld in Lahti an. Nordicfocus

Die Überlegenheit der norwegischen Langläufer nahm im letzten Winter teilweise beeindruckende Formen an. Hier führen gleich sechs Norweger das Weltcupfeld in Lahti an. Nordicfocus

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Ganz Norwegen ist in Aufruhr. Sogar der Staat mischt sich in die Angelegenheiten des nationalen Skiverbandes ein und diktiert die Zusammensetzung einer Aufklärungskommission. Es geht um den Ruf der Volkssportart Nummer 1 – den Skilanglauf. Und da verstehen die Norweger nun mal keinen Spass. Schliesslich sind sie im Langlauf die Besten der Welt. Mit Abstand.

Was ist geschehen? Im Nachgang zur Verurteilung von Superstar Martin Johnsrud Sundby durch den internationalen Sportgerichtshof in Lausanne (CAS) wegen der Überschreitung der Höchstmenge des an sich zugelassenen Asthmamittels Salbutamol, enthüllte die Fernsehstation TV 2 Ungeheuerliches. Die Teamleitung empfahl den Weltcupathleten den Gebrauch dieses Mittels flächendeckend. Auch kerngesunde Sportler sollten Salbutamol prophylaktisch inhalieren.

Norwegens Langlauf-Teamchef Vidar Loefshus bestätigte den explosiven Fall mit einer ziemlich eigenwilligen Erklärung: «Das Atemsystem ist das wichtigste Werkzeug des Skilangläufers und wir müssen sicherstellen, dass es in Ordnung ist. Wir nutzen so auch einen präventiven Effekt. Die Läufer sollen ja auch ein Leben nach der Sportkarriere haben und deshalb ist es wichtig, dass wir uns um ihre Gesundheit kümmern.»

Hohe Moralansprüche

Diese Argumentation kam im Fairplay-bewussten Land, in welchem die Nordischen selbst die Wettkampfvorbereitung in Sauerstoffzelten und Druckkammern aus ethischen Gründen ablehnen, gar nicht gut an. Doping ist in der norwegischen Gesellschaft geächtet wie kaum in einem anderen Land. Das norwegische Antidoping-Programm war auch für Matthias Kamber, den Leiter von Antidoping-Schweiz, Inspirationsquelle. «Die Norweger waren uns zehn Jahre voraus», sagt Kamber.

Inzwischen prüft eine Sonderkommission, ob das norwegische Team mit seinem Verhalten gegen Ethik und Moral verstossen hat. Politisch korrekt sitzen im fünfköpfigen Gremium neben zwei Norwegern Mediziner, Ethiker und Leistungsdiagnostiker aus Schweden, Finnland und Dänemark. «Sie werden jeden Stein umdrehen und jeden Aspekt durchleuchten, um zu einer Beurteilung zu kommen», sagt Inge Andersen, der Generalsekretär des nationalen olympischen Verbandes. Andersen war von 1994 bis 1996 Schweizer Langlauf-Nationaltrainer. Er glaubt, dass die Asthma-Thematik im Langlauf kein rein norwegisches Problem ist. Viele Athleten litten unter Leistungs- oder Kälteasthma. Anders tönt es beim französischen Weltklasse-Langläufer Maurice Manificat. Er sagt: «Die Schwelle in Norwegen, um als krank zu gelten, ist sehr tief; viel tiefer als bei den Mitteleuropäern.»

Kein Dopingfall

Einig sind sich Inge Andersen und Matthias Kamber darüber, dass es sich bei der unschönen Angelegenheit nicht um ein Doping-Problem handelt. «Seit 2015 ist der Gebrauch einer definierten Dosis von Salbutamol ohne Ausnahmebewilligung möglich. Eine wissenschaftliche Studie hat auch klar aufgezeigt, dass gesunde Athleten durch die Verwendung des Asthmamittels keine Leistungssteigerung erwirken», sagt Kamber. Aber auch Andersen gibt zu, «dass wir uns in einer ethischen und medizinischen Grauzone» befinden. In die gleiche Richtung zielen Swiss-Ski-Chefarzt Patrick Noack und Disziplinenchef Hippolyt Kempf. Letzterer sagt, dass seine Athleten die norwegische Praxis zweifellos «nicht gut finden». Und Noack ergänzt: «Unsere Athleten haben eher die Tendenz, wenn immer möglich auf diese Medikamente zu verzichten.»

Was ist mit Sundby?

Bleibt also der Fall von Überflieger Sundby. Das CAS sperrte ihn im Juli für zwei Monate und entzog ihm zwei Weltcup-Podestplätze. Man legte seine zu hohe Dosis Salbutamol aber als nicht eingeholte Ausnahmebewilligung und nicht als Dopingvergehen aus. Doch es bleiben einige unschöne Fakten: der Freispruch des Stars in erster Instanz durch den Skiverband Fis und die Nichtkommunikation des Falls. Schweizer Langlauf-Experten monieren zudem die viel zu hohe Dosis bei der Probe Sundbys und das Schuldeingeständnis von Teamarzt Knut Gabrielsen, die Dosis falsch berechnet zu haben. Eines Teamarztes notabene, der als beinahe schon penetrant gewissenhaft gilt. «Das wirkt unschön», sagt Kempf. Und Kamber findet: «Die Begründung erscheint mir an den Haaren herbeigezogen.»

So oder so bleibt der norwegische Asthma-Express ein Nebenschauplatz im Langlauf. Der tatsächliche Dopingskandal fand, so sagt uns der McLaren-Bericht, in Russland statt. Für die dortigen Langläufer sind Diskussionen wie derzeit in Norwegen wohl nur ein verlegenes Husten wert.