Unter ohrenbetäubendem Lärm aus dem Publikum läuft Selina Gasparin ins Ruhpoldinger Biathlon-Stadion ein und stellt sich neben ihre Konkurrentinnen an den Schiessstand. Dann zieht sie ab. Der erste Schuss geht ins Schwarze, die nächsten auch, bis nur noch einer aussteht. Nochmals volle Konzentration. Ausatmen. Abdrücken. Die letzte Scheibe fällt. Null Fehler! Gasparin läuft weiter, kommt mit der Spitzengruppe ins Ziel – und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur überraschenden Olympiaqualifikation der Schweizer Frauenstaffel (siehe nebenstehenden Text).

Nur allzu oft hat das Stehendschiessen bei Selina Gasparin in der Vergangenheit einen anderen Verlauf genommen. Mehr als einmal lag die Engadinerin vor dem letzten Schiessen auf Podestkurs – und scheiterte. Manchmal erst an der allerletzten Scheibe. In diesem Winter nun läuft plötzlich alles besser. Die 29-Jährige trifft auch stehend scheinbar spielend und kann im Dezember in den beiden Sprintrennen in Hochfilzen (Ö) und Le Grand-Bornand (Fr) die beiden ersten Weltcupsiege einer Schweizer Biathletin feiern.

Gasparins Wandlung zur Siegläuferin hat ihren Ursprung im vergangenen Frühling. Um ihre Angst vor dem letzten Schiessen zu überwinden, wandte sie sich an einen Psychologen. «Ich wollte die negativen Erinnerungen, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatten, hinter mir lassen.» Dies gelang mittels einer Hypnosetherapie, die über den Sommer hinweg in rund zehn Sitzungen stattfand. Dabei gelang es ihr, die mentale Blockade zu lösen und zu mehr Selbstsicherheit zu finden.

«Jetzt komme ich an den Schiessstand und bin zuversichtlich», sagt Gasparin. Entgegen der landläufigen Vorstellung liess sie sich bei der Hypnose nicht in einen schlafähnlichen Zustand versetzen. «Man ist mit geschlossenen Augen in sich gekehrt», erklärt die Schweizer Biathlon-Pionierin, «aber bleibt während des Gesprächs bei vollem Bewusstsein.»

Unterbewertete Rolle der Psyche

Die Zusammenarbeit mit einer psychologischen Fachperson kann Gasparin nur empfehlen. «Meiner Ansicht nach muss jeder Sportler jemanden haben, der ihm im mentalen Bereich hilft», sagt sie mit Bedauern darüber, dass die Psyche im Sport häufig vernachlässigt wird. «Jeder will im Fernsehen den sehen, der die Nerven behält und in schwierigen Situationen reüssiert, aber es scheint ein Tabu zu sein, zu einem Psychologen zu gehen. Das verstehe ich nicht. Sich bei einer Fachperson Hilfe zu holen, ist für mich nichts als Professionalität.»

Dabei spielt die Psyche gerade in einer Sportart wie Biathlon eine wichtige Rolle. «Weil es sich um eine Präzisionssportart mit vielen Übergängen handelt, ist das Selbstvertrauen sehr zentral», sagt der Sportpsychologe Jörg Wetzel, der seitens Swiss Olympic erste Anlaufstelle für die Verbände und Athleten für Fragen aus seinem Fachbereich ist. «Während des Rennens ist man zudem ständig mit dem Resultat konfrontiert. Das löst Gedanken aus, und diese sind nicht immer positiv.»

Dennoch dauerte es lange, bis Selina Gasparin den Zugang zu psychologischer Hilfe gefunden hat. Im Nationalteam gibt es dafür kein Fachpersonal. «Das hat in erster Linie finanzielle Gründe», erklärt Coach Markus Segessenmann. «Da es sich um eine sehr persönliche Thematik handelt, bieten sich individuelle Lösungen an, die wir sehr begrüssen.» Für Selina Gasparin steht dem Verband in dieser Hinsicht aber noch ein weiter Weg bevor. «Wenn die Ski nicht gewachst sind, dann sieht man das und stellt jemanden ein, der das macht», sagt die Biathletin und fügt an: «Im mentalen Bereich sieht man das halt weniger.»