Biathlon

Selina Gasparin: «Als Mutter bin ich sozial, als Sportlerin egoistisch»

Ein seltenes Bild: Selina Gasparin unterwegs ohne Tochter und ohne Sportgerät.

Ein seltenes Bild: Selina Gasparin unterwegs ohne Tochter und ohne Sportgerät.

Bei den Olympischen Spielen in Sotschi schrieb Selina Gasparin Sportgeschichte, als sie als erste Schweizer Biathletin an einem Grossanlass eine Medaille gewann. Nach der Geburt ihrer Tochter Ende Februar kehrt die 31-jährige in diesem Winter zurück.

Selina Gasparin, Sie sind vor achteinhalb Monaten Mutter geworden. Wann haben Sie zum letzten Mal durchgeschlafen?

Selina Gasparin: Vor achteinhalb Monaten . . .

Nun stehen Sie kurz vor der Rückkehr in den Biathlon-Weltcup. Können Sie es sich als Spitzensportlerin leisten, müde zu sein?

Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Wenn ich müde bin, wirkt sich das unmittelbar auf meine Leistung aus. Ich achte deshalb sehr darauf, im Tagesablauf genügend Zeit für die Erholung einzuplanen. Ich schlafe bis zu zehn Stunden am Tag – eine bis zwei Stunden am Nachmittag, den Rest in der Nacht. Das heisst: Ich gehe früh ins Bett. Das ist die effektivste Art, Energie zu tanken.

Wie hat sich Ihr Leben mit der Geburt Ihrer Tochter Leila verändert?

Ein Kind zu kriegen, stellt das ganze Leben auf den Kopf – das wissen wohl alle Eltern. Es ist faszinierend zu sehen, wie meine Tochter wächst und Fortschritte macht. Für mich ist es spannend, zwei völlig gegensätzliche Rollen spielen zu dürfen: Als Mutter ist man in einer sozialen Rolle, macht alles für Kind und Familie. Als Sportlerin hingegen bin ich egoistisch, da dreht sich alles nur um mich. Dieser Wechsel hat seinen Reiz: Ich bin zwar immer beschäftigt, habe aber auch Abwechslung. In beiden Rollen lade ich gegenseitig die Batterien für die jeweils andere auf: Wenn ich vom Training zurückkomme, freue ich mich darauf, wieder Mami zu sein. Dann habe ich aber auch wieder Lust zu trainieren.

Man spricht häufig von einer Doppelbelastung. Muss man dieses Wort relativieren?

Nach einer schlechten Nacht denke ich manchmal schon: Wie meistere ich jetzt diesen Tag? Aber ich nehme eine Sache nach der andern. Wenn ich im ersten Training am Morgen schon daran denken würde, was am Nachmittag oder Abend noch alles ist, wäre ich wohl überfordert. Und natürlich habe ich keine Zeit, um mal einen Film zu schauen. Oder zum «Käfele» oder etwas für mich zu unternehmen. Aber das ist momentan auch nicht mein Bedürfnis. Ich bin mir auch bewusst, dass andere Frauen auch arbeiten. Das Besondere in meinem Fall ist nur die Kombination mit dem Sport. Im Büro kann man die Müdigkeit vielleicht noch eher kompensieren, indem man etwas mehr Kaffee trinkt. Wenn ich langsamer laufe, lande ich in der Rangliste weiter hinten.

War für Sie immer klar, dass Sie nach der Geburt mit dem Sport weitermachen werden?

Nach den Olympischen Spielen in Sotschi, die seit langem mein grosses Ziel waren, habe ich gemerkt, dass ich noch nicht bereit bin aufzuhören. Die Leidenschaft für den Sport war nicht verschwunden, nur weil ich mir mit der Medaille in Sotschi einen Traum erfüllt hatte. Gleichzeitig spürte ich, dass es Zeit war für eine Veränderung. Im Sportlerleben dreht sich halt praktisch alles um Training und Erholung. Und es war immer mein Wunsch, eine Familie zu haben.

Sie haben letzte Saison keine Rennen bestritten sowie vor und nach der Geburt je sechs Wochen Trainingspause gemacht. Ist Ihnen die Rückkehr leichtgefallen?

Vom Kopf her war ich sehr motiviert. Ich hatte alle Rennen im Fernsehen mitverfolgt. Es war spannend, das Ganze mal mit etwas Abstand von aussen zu sehen, nachdem ich fast zehn Jahre im Weltcup war. Wenn du drin bist, kannst du gar nicht richtig schätzen, was du hast. Das ist so eine spezielle Welt. Ich habe das genossen, aber es hat in mir auch den Wunsch ausgelöst, wieder reinzukommen. Ich wusste aber, dass es möglicherweise nicht gehen würde, falls das Kind oder ich gesundheitliche Probleme hätte. Ich hätte damit leben können, wenn es nicht gegangen wäre: Schliesslich habe ich das Ziel erreicht, das ich jahrelang angestrebt hatte, nämlich an die Weltspitze zu kommen.

Wie hat Ihr Körper beim Comeback mitgemacht?

Ich musste wieder bei null beginnen. Am Anfang hat mich schon ein Spaziergang fast überfordert. Ich kann jetzt verstehen, dass es für gewisse Leute mühsam ist, Sport zu treiben. Wenn es sich so anfühlt, ist es wirklich nicht lustig. Es war dann aber faszinierend zu sehen, wie schnell ich wieder ein gewisses Niveau erreicht habe. Ich habe von Tag zu Tag Fortschritte bemerkt. Es war ein schöner Moment, als ich erstmals wieder mit den Rollski den ganzen Albulapass hochlaufen konnte.

Im Herbst haben Sie nun bei den standardisierten Leistungstests in Magglingen neue persönliche Bestwerte erreicht. Wie erklären Sie sich das?

Keine Ahnung. Die Tests bedeuten zwar noch nicht, dass ich im Winter im Biathlon Erfolg haben werde. Aber es ist schon mal beruhigend zu wissen, dass der Körper wieder funktioniert. Man sagt ja, dass eine Schwangerschaft eher positiv ist für Ausdauertraining. Gleichzeitig muss man das ganze Bild betrachten mit wenig Schlaf, mehr Stress. Mir ist es wirklich ein Anliegen, dass ich mein Kind selber grossziehe. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meiner Tochter. Ich möchte sie nicht einfach weggeben und dann wieder abholen, wenn sie erzogen ist. Ich habe mich schliesslich bewusst für eine Familie entschieden.

Wenn Sie im Training sind, kümmert sich eine Nanny um Ihre Tochter . . .

Für uns war von Anfang an klar, dass wir jemanden brauchen, der immer mit dabei ist. Ich bin mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs. Wir haben Glück gehabt und eine Frau gefunden, deren eigene Kinder schon ausgeflogen sind und die es spannend findet, mit uns herumzureisen. Langweilig wird es ihr sicher nicht werden . . .

Wie haben Sie die Rückkehr ins Team erlebt?

Es ist schon eine spezielle Situation, dass wir nun als kleine Familie mit dem Team unterwegs sind. Ich bin sehr froh, dass ich auf das Verständnis meiner Teamkolleginnen und vom Staff zählen kann. Oft sind wir so organisiert, dass wir eine Ferienwohnung haben, aber im Winter werden wir auch häufig im Teamhotel wohnen. Ich versuche, meine beiden Rollen klar zu trennen.

Inwiefern?

Im Training verhalte ich mich wie die anderen Athletinnen. Oder ich versuche es zumindest: Manchmal ist es für mich schwierig, pünktlich zu sein, je nachdem, was kurz vorher noch passiert. Manchmal kann ich auch körperlich ein Training nicht ganz gleich machen wie die andern. In der übrigen Zeit habe ich ein komplett anderes Leben. Ich will mit meiner Tochter sein, darum gehe ich nicht mit der Mannschaft an den Tisch. Das geht nicht zusammen, das sind zwei Paar Schuhe.

Haben Sie sich Tipps geholt bei anderen Spitzensport-Mamis?

Mit der Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig habe ich mal gesprochen. Ich denke, es gibt kein Rezept, das für alle funktioniert. Jede Schwangerschaft und jedes Familienleben ist anders. Auch was das Training betrifft, kann dir niemand genau sagen, wie man es machen soll.

Ihr Mann, der Langläufer Ilja Tschernoussow, ist ebenfalls Spitzenathlet. Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass Sie einen grossen Teil des Jahres getrennt unterwegs sind?

Das ist schon so, seit wir uns kennen gelernt haben. Es würde nicht viel ändern, wenn ich einen Mann hätte, der zu Hause auf mich wartet. Ich wäre ja trotzdem weg. Vielleicht ist es fast besser, wenn beide unterwegs und beschäftigt sind. Wir wissen auch, dass Sportlerkarrieren begrenzt sind. Es handelt sich noch um ein paar Jahre, dann ist die Karriere fertig. Wir schätzen die gemeinsame Zeit sehr und wissen genau, was im andern abgeht, weil wir das Gleiche machen. Darum haben wir viel, was uns verbindet. Und wenn wir mal eine Woche zusammen trainieren, sind wir dafür während 24 Stunden zusammen.

Vom sportlichen Hintergrund her verbindet Sie viel, vom kulturellen . . .

. . . nichts! (lacht)

Ihr Mann ist in Russland aufgewachsen. Wie macht sich der kulturelle Unterschied bemerkbar?

Wenn ich zum Beispiel vom Schellenursli spreche, hat er keine Ahnung, wer das ist. Und umgekehrt ist es gleich. Es braucht Zeit, die andere Kultur kennen zu lernen. Aber wir passen menschlich gut zusammen, darum ist das nicht so wichtig. Ich finde es spannend, dass er meine Heimat nicht kennt und umgekehrt – und wir sie einander zeigen können.

Im nächsten Herbst soll eine Biografie über Sie erscheinen. Warum lassen Sie ein Buch über sich schreiben?

Vor meiner Olympiamedaille von Sotschi hätte ich mich nie getraut, eine Biografie herauszugeben. Ich hatte das Gefühl, dass ich viel zu erzählen habe. Gerade auch, weil meine Karriere etwas anders verlaufen ist als bei anderen Sportlern, bei denen der Weg quasi vorgegeben war. Es ist mir auch ein Anliegen, zu erklären, was Biathlon ist. Vor allem wissen viele Leute nicht, was es heisst, ein Sportlerleben zu führen. Was da alles dazugehört.

Müssen Sie Ihre Sportart oft erklären?

Ja, ständig. Es gibt Leute, die mich und die Sportart kennen und die alles über mich wissen. Dann kommt es manchmal zu lustigen Szenen, wenn ich zu erklären beginne. Aber dann gibt es viele Leute, die keine Ahnung haben, was Biathlon ist. Wenn ich unterwegs bin, gehe ich nie davon aus, dass man mich kennt. Ich spüre aber schon, dass die mediale Berichterstattung über meine Olympiamedaille etwas bewirkt hat.

Ihnen wurde der Biathlon-Sport auch nicht in die Wiege gelegt.

Nein, überhaupt nicht. Als Juniorin war ich im Langlauf-Nationalteam. Als ich mein Studium in Norwegen begann, wollte mich der Verband aber nicht mehr im Kader haben. In einem Trainingslager in Andermatt, wo gleichzeitig Biathleten unterwegs waren, durfte ich dann einmal einen Schiessversuch unternehmen. Bei der Rückreise nach Norwegen hatte ich dann ein Gewehr im Gepäck. Die Sportart hat mich nicht mehr losgelassen.

Und Sie haben gleich ins Schwarze getroffen?

Am Anfang habe ich gar nichts getroffen! Bei meinem ersten Wettkampf vergass ich, die Schutzklappe am Visier zu öffnen – und sah nur schwarz. Und in den nächsten Rennen musste ich froh sein, wenn ich einen oder zwei Treffer landen konnte . . . Es dauert Jahre, bis man das Schiessen beherrscht. Ich habe immer noch nicht ausgelernt.

Als erste Schweizer Biathletin mussten Sie sich erst ein professionelles Umfeld aufbauen. Braucht das einen speziellen Charakter?

Ich bin ein sehr geduldiger Mensch, das ist wohl mein grösstes Talent. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, an die Weltspitze zu kommen, und habe das gar nie infrage gestellt. Wenn ich mir die Sinnfrage gestellt hätte, hätte ich sofort aufhören müssen. Die Aussicht auf Erfolg war äusserst gering.

Zum Umfeld gehört auch Ihre Anstellung bei der Grenzwacht. Wie oft sind Sie an der Grenze anzutreffen?

Ich bin zu 100 Prozent angestellt. In der Sportequipe der Grenzwacht habe ich das Glück, dass das Training als Arbeit gilt. Für die Trainingsblöcke bin ich deshalb freigestellt, dazwischen arbeite ich über den Sommer immer wieder ein paar Tage als Grenzwächterin.

Worin bestehen Ihre Aufgaben?

Das sind die gleichen Aufgaben wie bei anderen Grenzwächtern auch: Wir stehen auf der Strasse oder sitzen im Auto und machen Kontrollen. Wir kontrollieren Handelswaren und schauen, ob sich die Leute zolltechnisch an die Regeln halten oder ob jemand eine Aufenthaltsbewilligung hat oder zur Fahndung ausgeschrieben ist.

Kommt es oft vor, dass Sie jemanden festnehmen müssen?

Eher selten, da ich im Engadin arbeite. An Orten wie Genf, Chiasso oder Basel gibt es sicher mehr Action. Wie breit der Aufgabenbereich ist, habe ich auch erst während der Ausbildung realisiert. Es kommt durchaus mal vor, dass wir die Polizei unterstützen, wenn irgendwo ein Einbruch passiert ist.

Haben Sie schon brenzlige Situationen erlebt?

Richtig gefährlich wurde es noch nie. Aber wenn man beispielsweise nach einem Einbrecher sucht, kriegt man schon ein mulmiges Gefühl. Man will ihm ja begegnen – aber eigentlich doch lieber nicht. Es ist schon ein taffer Beruf. Man muss auf alle Szenarien vorbereitet sein.

Bekommen Sie etwas mit von der aktuellen Flüchtlingssituation?

Kaum. Der Weg über das Engadin ist nicht der einfachste, um in die Schweiz zu kommen.

Zurück zum Sport: Mit welchen Ambitionen gehen Sie in die Comeback-Saison hinein?

Ich bin extrem motiviert und versuche, mit viel Lockerheit in die Saison zu gehen. Mein Ziel ist es zwar, leistungsmässig dort anzuknüpfen, wo ich vor anderthalb Jahren aufgehört habe. Ich kann aber nicht erwarten, dass das gleich im ersten Rennen klappt.

Die französische Biathletin Marie Dorin-Habert gewann letzten Winter zweimal WM-Gold – nicht einmal ein halbes Jahr, nachdem sie Mutter geworden war. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Das war unglaublich, absolut bewundernswert. Ich kann nachvollziehen, dass das möglich ist, aber es muss alles perfekt aufgehen. Die Geburt muss problemlos sein und es braucht genügend Hilfe im Umfeld mit dem Kind. Je mehr man sich vom Kind trennt, desto schneller kann man zurückkommen. Da muss jede Mutter ihren eigenen Weg finden. Ich habe viele Kolleginnen im Weltcup, die Kinder haben, vor allem aus Osteuropa. Die lassen die Kinder bei der Grossmutter. Ihre Verbände erlauben gar nicht, sie mitzunehmen. Ich habe das Glück, dass bei mir alle mitspielen.

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