Schweizer Sportärzte kritisieren Turnverband, Swiss Olympic und Bundesamt für Sport mit offenem Brief

Die Missbrauchs-Vorkommnisse in Magglingen seien über Jahre und ganz offensichtlich wiederholt aufgetreten. Deshalb hat der Vorstand der Schweizer Sportärzte-Gesellschaft SEMS (Sport & Exercise Medicine Schweiz) entschieden, zu reagieren.

Rainer Sommerhalder
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Mit Schmerz betäuben und weitermachen ist es nicht getan, sagen die Schweizer Sportärzte zum Umgang mit jungen Athletinnen und Athleten.

Mit Schmerz betäuben und weitermachen ist es nicht getan, sagen die Schweizer Sportärzte zum Umgang mit jungen Athletinnen und Athleten.

Hansruedi Aeschbacher

Der Vereinigung der Sportärzte war es wichtig, Stellung zu beziehen. Insbesondere auch deshalb, weil man intern den fehlenden Zugang von Medizinern zu Sportlerinnen und Sportlern bereits mehrfach angemahnt hat. SEMS-Präsident German Clénin sagt: «Wir wollen uns damit klar positionieren und uns gegen jede Form von psychischem oder physischem Missbrauch im Sport aussprechen.» Der Titel des Schreibens lautet: Missbrauch im Schweizer Sport.

Der offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Herren Grossenbacher und Hediger,Sehr geehrte Herren Stahl und Schnegg,Sehr geehrter Herr Remund,

Aufgrund der Stellungnahme und Berichterstattung von acht jungen Frauen, ehemalige Rhythmische Gymnastinnen und Kunstturnerinnen im Nationalkader, welche im «Das Magazin» am 1. November 2020 erschien, zeigt sich die SEMS, Sport & Exercise Medicine Schweiz, sehr besorgt über den Missbrauch und das Nichtbeachten von Schutzprinzipien bei jungen Sportlerinnen.

Die acht Turnerinnen zeigen das Bild eines repetitiven, massiven und systematischen psychischen Druckes, welche ein unglaubliches und nicht-akzeptierbares Leiden während der sportlichen Karriere, und leider oftmals darüber hinaus, zur Folge hatte. Dieser Missbrauch und das Fehlen jeglichen Respektes zeigen leider, dass zwischen den in der Charta des Schweizer Sports ausgedrückten guten Absichten und der gelebten Realität riesige Lücken bestehen.

So stellen wir die folgenden Fragen:

  1. Welches sind die Schutzmassnahmen, welche vom Schweizerischen Turnverband (STV), einem der grössten Sportverbände der Schweiz, für das Wohlergehen und die Wahrung der körperlichen und psychischen Integrität von Athletinnen und Athleten eingesetzt werden?
  2. Wer ist verantwortlich, dass die in der Ethikcharta von Swiss Olympic und dem Code of Conduct für Trainerinnen und Trainer festgehaltenen Prinzipien eingehalten werden? Und wer würde im Fall von Verletzungen der Charta bzw. des Code of Conduct Sanktionen vornehmen?
  3. Wie können am Bundesamt für Sport (BASPO) in Magglingen über Jahre derart mit den Werten des Sports und dem Medizinischen Code des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sich widersprechende Praktiken wiederholt vorkommen?

Athleten von Nationalkadern setzen voll auf die Karte Sport und investieren die besten Jahre ihres jungen Lebens für ihre sportliche Karriere. Sie sagen ja zu einem Leben im Leistungssport, grösstenteils abseits von Gleichaltrigen und tätigen einen enormen zeitlichen und persönlichen Aufwand. Sie sind aus diesem Grund auch besonders vulnerabel und können im leistungssportlichen Machtgefüge in problematische Abhängigkeiten geraten.

Die Verantwortungsträger des Schweizer Sports müssen deshalb alles tun, damit die Gesundheit und das physische und psychische Wohlergehen von Athleten geschützt werden. Dies impliziert eine fachgerechte und qualitativ hochstehende Aus- und Weiterbildung von Trainerinnen und Trainern und Funktionären, das Installieren von unabhängigen Kontrollen und den Einsatz von kompetenten Fachpersonen in allen Bereichen.

Die SEMS, Ärztegesellschaft der Sport- und Bewegungsmediziner der Schweiz und medizinischer Partner des Schweizer Sports, distanziert sich klar von diesem im STV vorgefallenen schweren Verfehlungen und verurteilt diese. Sie zeigen einen leider manifesten Mangel der nachhaltigen Integration von Gesundheitsfachpersonen in den Leistungssport auf. Viele Schweizer Sportverbände nehmen diesbezüglich ihre Verpflichtung bei der Betreuung und Begleitung ihrer Sportler ernst und machen ihre Sache gut. Wir stellen aber in unserer täglichen Arbeit fest, dass das Trainingsumfeld auch in diversen anderen Sportarten mit der Ethikcharta des Schweizer Sports inkompatibel ist. Dass es sich bei den Betroffenen oft um Sportler im Kindes- und Jugendalter handelt, macht die Situation noch problematischer.

Aber auch die Verantwortungsträger des Schweizer Sports, Baspo und Swiss Olympic, müssen diesbezüglich ihre Führungsrolle besser wahrnehmen. Der Schweizer Sport und alle darin aktiven (jungen) Menschen haben ein Anrecht, dass der physischen und psychischen Gesundheit auf allen Alters- und Leistungsstufen mehr Wichtigkeit gegeben wird.

Die SEMS und ihre Mitglieder orientieren sich seit Jahren neben dem patientenorientierten, verantwortungsvollen ärztlichen Handeln an ethischen Grundprinzipien, welche die SEMS letztes Jahr in ihrer Ethikcharta festgehalten hat. Diese gewichtet die Gesunderhaltung der Athleten und Wahrung der individuellen Bedürfnisse unter Sicherstellung der physischen und psychischen Integrität der Sportler sehr hoch. Insofern sind wir gerne bereit, zusammen mit weiteren Gesundheitsfachpersonen die Sportverbände und ihre Mitglieder in diesen wichtigen Aufgaben zu unterstützen und begleiten.

So erwarten wir gespannt Ihre Stellungnahme zu den gestellten Fragen.

Sportliche Grüsse

Für den Vorstand der SEMS


German Clénin, Dr. med. et MME Boris Gojanovic, Dr. med.

Präsident Vorstandsmitglied