Roger Federers Märchen

Diagnose: Meniskusriss im linken Knie, Probleme mit dem Rücken. Es ist Sommer 2016, als Roger Federer beschliesst, seine Saison vorzeitig zu beenden und aus dem Hamsterrad, in dem er sich in den letzten zwei Jahrzehnten bewegt hat, auszusteigen. Es fällt ihm leicht, wie so vieles im Leben. Sein Weg zurück beginnt in den Bergen.

Er wandert in den Appenzeller Alpen, besucht mit seinen Kindern den Zirkus, verbringt viel Zeit mit Familie und Freunden. Er tut all das, was in den letzten Jahren zu kurz gekommen war. Ja, Roger Federer findet in diesem Sommer, als er schon 35 Jahre alt ist, Gefallen am Leben neben dem Tennisplatz. Später bekennt der Baselbieter, den Tennis-Zirkus weniger vermisst zu haben, als er erwartet habe. Und dass er kurz mit dem Gedanken an den Rücktritt gespielt habe, den er schnell wieder verwarf.

Roger Federer war schon immer einer, der den Blick nach vorne richtete. «Ich brauche die Pause, weil ich noch viele Jahre Tennis spielen will. Weil ich das Spiel liebe, den Wettkampf, die Turniere und die Fans», schreibt er im Sommer 2016. Federer war auch schon immer einer, der den Dingen auch ihr Positives abgewinnt. Er empfindet die Pause nicht nur als Schicksal, sondern auch als Chance. «Diese Erfahrung zeigt mir, wie viel Glück ich in meinem Leben bisher hatte.»

Roger Federer gewann nach seinem Comeback seinen 18. Grand-Slam-Titel.

Roger Federer gewann nach seinem Comeback seinen 18. Grand-Slam-Titel.

Er verwende seine ganze Energie darauf, stark, gesund und in guter Form zurückzukommen, «um im nächsten Jahr offensives Tennis zu spielen». Sein Umfeld bleibt intakt und Federer nimmt sich für die Regeneration viel Zeit. Drei Wochen lässt er sich von seinem Physiotherapeuten Daniel Troxler behandeln. Danach baut er mit seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini am Fundament für die Zukunft. Es vergehen Monate, bis Federer erstmals wieder mit dem Racket trainiert.

«Er ist niemandem etwas schuldig, arbeitet aber jeden Tag, als ob er allen etwas schuldig wäre: So seriös, so intensiv und trotzdem locker. Rogers Leidenschaft für das Training und das Tennis war zuletzt vielleicht noch grösser, als ich je gedacht hatte», schwärmt Paganini im November 2016, bevor er Federer in die Hände der Tennis-Trainer übergibt. In jene von Severin Lüthi und Ivan Ljubicic.

Sie hegen nie Zweifel daran, dass Federer bald wieder zu den Weltbesten gehört. Im Dezember, so erzählt es Lüthi später, habe er zu ihm gesagt: «Roger, du spielst so gut, du kannst in Melbourne gewinnen.» Als Federer im Januar 2017, 192 Tage nach seinem letzten Spiel, zurückkehrt, ist er nur noch die Nummer 17 der Welt. Gleichwohl steht er sofort wieder dort, wo er immer stand: im Mittelpunkt. Zwei Wochen später gewinnt er im Final des ersten Turniers seines zweiten Lebens gegen Rafael Nadal seinen 18. Grand-Slam-Titel. Das Märchen von Australien ist einer der schönsten Geschichten in Federers Karriere.

Stan Wawrinkas Albtraum

Diagnose: Knorpelschaden im linken Knie. Es ist Sommer 2017, als Stan Wawrinka beschliesst, seine Saison vorzeitig zu beenden und aus dem Hamsterrad, in dem er sich in den letzten beiden Jahrzehnten bewegt hat, auszusteigen. Es fällt ihm schwer. Er hatte trotz Knorpelschaden weitergespielt, bis es nicht mehr ging. Das war nicht vernünftig, aber typisch für einen Mann, der es darum an die Spitze geschafft hatte, weil er härter zu sich ist als die meisten anderen.

Erst als es nicht mehr ging, zog Wawrinka die Reissleine und liess sich zwei Mal operieren. Sein Weg zurück beginnt mit dem Rückzug in sein Inneres. Acht Wochen geht Wawrinka an Krücken, er verkriecht sich in den eigenen vier Wänden. Die Einsamkeit lähmt ihn. Er leidet an depressiven Episoden. Stan Wawrinka war schon immer einer, der sich seiner Schwächen und seiner Verletzlichkeit nicht schämt. Der keine schönen Worte für das sucht, was er nicht als schön empfindet. Und so spielt er auch nicht vor, seiner Pause Gutes abgewinnen zu können.

«Es war die einzige Lösung», schreibt er im Sommer 2017. Doch auch für ihn ist klar, dass es nicht das Ende seiner Karriere bedeuten soll, «denn ich liebe diesen Sport und möchte ihn noch viele Jahre ausüben». Er nimmt sich nicht die Zeit, die sein Körper gebraucht hätte, und kehrt im Januar 2018 zurück. Weil ihm das Leben mit Routinen, Training, Spielen und Reisen fehlt, der Stress und das Adrenalin des Wettkampfs.

Wawrinka hatte die Welt vermisst, die ihn zuvor tief verletzt hatte. «Für mich war es erschreckend und enttäuschend, wie schnell man in Vergessenheit gerät», sagt der Romand über die Zeit, in der er nicht Teil der Tennis-Karawane war. Als er mit Fitnesstrainer Pierre Paganini das Fundament für die Zukunft legt, verkündet sein Trainer Magnus Norman die Trennung. «Für mich ein Schock. Er hat sich in der schlimmsten Zeit meiner Karriere so entschieden», sagt Wawrinka. Die Pause ist für ihn ein Albtraum. Immerhin: Sechs Monate später kommt es zur Versöhnung mit Norman, der seit einem Jahr wieder sein Trainer ist.

Nur langsam nähert sich Stan Wawrinka wieder der Weltspitze an.

Nur langsam nähert sich Stan Wawrinka wieder der Weltspitze an.

Stan Wawrinka, 34, hat viel durchgemacht in den letzten Jahren. Jüngst folgte die Trennung von Freundin Donna Vekic. Anfang Februar 2018 hat er beim Turnier in Marseille Schmerzen im operierten Knie, erlebt einen Zusammenbruch, gibt sein Startspiel nach zwölf Games auf und verlässt den Platz unter Tränen.

«Ich fragte mich ernsthaft, ob die Zeit gekommen sei, um zurückzutreten.» Niemand hatte auf seine Rückkehr gewartet. Während Federer gleich sein erstes Turnier gewinnt, wartet Wawrinka seit zwei Jahren auf einen Titel. Nur langsam nähert er sich der Weltspitze wieder an. Doch auch für ihn ist aus dem Albtraum ein Märchen geworden. Auch er hat ein zweites Leben geschenkt bekommen.