Tour de Suisse

Zwischen Konfibrot und Drogenbaron: Silvan Dilliers Tag auf dem Weg in den Kanton Aargau

Eine nasse Angelegenheit: Silvan Dillier (Mitte) während der dritten Tour-de-Suisse-Etappe.

Eine nasse Angelegenheit: Silvan Dillier (Mitte) während der dritten Tour-de-Suisse-Etappe.

Vom lauschigen Bodensee ins ländliche Fricktal: Silvan Dillier hatte am Montag einen bewegten Tag hinter sich. Wir haben den Schweizer Meister auf der Etappe nach Gansingen begleitet.

Silvan Dillier ist spätestens seit seinem zweiten Rang bei Paris–Roubaix im April in den Mittelpunkt des nationalen Radsport-Interesses gerückt. Wir haben den Schneisinger im Trikot des Schweizer Meisters auf der dritten Etappe der Tour de Suisse von Oberstammheim nach Gansingen, in seine Heimatregion, begleitet.

08.30 Uhr:

So lässt es sich aufstehen. Der Blick geht hinaus auf den Bodensee. Rundherum viel grün. Am Himmel kämpft die Sonne gegen die vielen Wolken an. Silvan Dillier steht im malerisch gelegenen Ausbildungszentrum Salenstein, wo sein AG2R-Team die letzten drei Nächte verbracht hat, auf und startet langsam in den Tag, an dessen Ende die Tour-de-Suisse in seinem Heimatkanton Aargau Halt machen wird.

09.30 Uhr:

Ein Fahrer nach dem anderen trudelt ein in der Kantine des Ausbildungszentrums. So schön die Unterkunft gelegen ist, so unprätentiös ist die Einrichtung. Die Veloprofis verlieren sich im riesigen Esssaal der Schule. Auf dem Tisch stehen Müslipackungen, Brot, Aufstriche. Wer will, der kann zum «Zmorge» Teigwaren zu sich nehmen.

Kantinenfeeling in Salenstein: Silvan Dillier beim Morgenessen.

Kantinenfeeling in Salenstein: Silvan Dillier beim Morgenessen.

Dillier, der als einer der letzten zum Morgenessen erscheint, bevorzugt die klassische Frühstückskost mit Ovo und Konfischnitte. In der Schweiz, wo die Qualität der Hotels und des Essens in der Regel gut ist, kein Problem. Nur, wenn kein vernünftiges Brot verfügbar ist, dann weicht Silvan Dillier auf andere Kost aus.

10.40 Uhr:

Nach dem Frühstück wird das Zimmer, welches Silvan Dillier mit seinem Teamkollegen Cyril Gautier geteilt hat, geräumt. Während einer Rundfahrt hat man einen fixen Zimmerpartner. Dillier schätzt es, dass die Zimmerbesetzung von Rennen zu Rennen aber immer wieder wechselt. «So lerne ich meine Teamkollegen besser kennen.»

Was besonders einem Fahrer wie ihm hilft, der auf diese Saison neu zum AG2R-Team gestossen ist. Die Hauptsprache der Equipe ist Französisch. Dillier ist froh, hat er die Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Am Tisch wird viel gelacht. Humor ist international. «Tiefgründige Gespräche sind da schon schwieriger», sagt Silvan Dillier.

11.30 Uhr:

Der Teambus hat den gut halbstündigen Transfer von Salenstein zum Startort der dritten Etappe in Oberstammheim hinter sich gebracht. Die Wege an der Tour de Suisse sind in der Regel kurz. Während der Fahrt studiert Silvan Dillier den Streckenplan, für mehr reicht die Zeit nicht. Unmittelbar nach der Ankunft ist Teammeeting angesagt.

Etappen-Spickzettel.

Etappen-Spickzettel.

Die sportlichen Leiter informieren die Fahrer über die Etappe, das Wetter und verteilen die Aufgaben. Silvan Dillier darf, wie eigentlich immer, für sich fahren und geniesst gewisse Freiheiten. Trotz Heimvorteil ist es aber nicht so, dass die ganze Renntaktik auf ihn ausgerichtet wird.

«Auch wenn die Etappe in meine Heimat führt, so gehe ich nicht mit einem speziellen Gefühl ins Rennen. Es ist letztlich eine Etappe wie jede andere», gibt sich Dillier betont gelassen. Auf seiner Lenkstange hat er die wichtigsten Punkte des Teilstücks auf einem Spickzettel notiert.

12.45 Uhr:

Vor dem Start muss sich Silvan Dillier wie alle anderen Profis einschreiben. Der Speaker fordert die Zuschauer im schmucken Dörfchen Oberstammheim auf, den Schweizer Meister besonders lautstark zu begrüssen. Dillier winkt ins Publikum, gibt auf dem Weg an den Start noch ein paar Autogramme und fädelt die herausgesprungene Kette ein. Das Rennen kann losgehen.

Autogramme für die Fans.

Autogramme für die Fans.

17.40 Uhr:

Knapp fünf Stunden später trifft Silvan Dillier in Gansingen ein. Nach einer Etappe mit sehr ungünstigen meteorologischen Bedingungen ist er durchnässt. Die Sonne zeigt sich gemeinerweise erst wieder, als die Schlacht längst geschlagen ist. Im Bus wartet eine wärmende Dusche.

Dillier fährt als 36. über den Zielstrich, zeitgleich mit Etappensieger Sonny Colbrelli. In den Kampf um den Sieg kann der Schweizer Meister nicht eingreifen. Die passende Konstellation ergibt sich nicht. Nach einer Viertelstunde kommt er aus dem Bus, in der Hand eine Schüssel mit Reis, Schokolade und Früchten.

Zieleinfahrt Tour de Suisse 2018

Zieleinfahrt Tour de Suisse 2018

Der Italiener Sonny Colbrelli setzte sich nach 183 km in einem spektakulären Sprint hauchdünn vor Fernando Gaviria und Peter Sagan durch.

Seine Ehefrau Cornelia, Mutter Verena und Vater Karl warten. Die Begrüssung ist kurz, aber herzlich. Dillier muss noch zum Fernsehen. Der Teambus fährt währenddessen ohne ihn nach Dietikon ins neue Nachtlager. Er wird mit dem Auto hinterherreisen.

20.30 Uhr:

Trotz seines Schnelldusch-Efforts kommt Silvan Dillier zu spät zum TV-Termin. Die Sendung ist bereits vorbei, als er eintrifft. Immerhin kommt er dadurch doch noch beizeiten zurück ins Teamhotel, wo er sein neues Zimmer bezieht, sich einrichtet und das verdiente Nachtessen zu sich nimmt.

Es gilt, die Energietanks so gut wie möglich aufzufüllen. Proteinreiche Nahrung ist angesagt. Fisch, Geflügel, Teigwaren, Reis. Das Team hat keinen eigenen Koch dabei und verlässt sich auf die jeweilige Hotelküche. In der Schweiz ist das in der Regel kein Problem.

23.00 Uhr:

Die Erholungszeit am Abend nutzt Silvan Dillier, um sich via Netflix auf seinem Handy Dokumentarfilme anzuschauen. «El Chapo» steht auf dem Programm. Eine Serie über einen mexikanischen Drogenbaron. «Solche Dinge interessieren mich», verrät der 27-Jährige. Gegen 23 Uhr ist Nachtruhe angesagt. Erholung ist für die Radprofis ein wertvolles Gut. Am Dienstag stehen 190 Kilometer auf dem Menüplan. Ziel ist Gstaad. Schöne Aussicht inklusive.

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