Teamkollegen, Trainer, Mechaniker, Velos oder Equipment - alles ist neu in dieser Saison bei Stefan Küng. Geblieben sind die hohen Ziele. Der 25-jährige Thurgauer träumt nach wie vor davon, eines Tages bei Paris - Roubaix zu triumphieren. "Dieses Rennen fasziniert mich am meisten. Da will ich mich beweisen", sagt er über den Klassiker mit den gefürchteten Kopfsteinpflaster-Passagen.

Um seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, hat Küng nach der vergangenen Saison eine Luftveränderung vorgenommen. Er verliess das in den USA lizenzierte Team BMC, eine Equipe mit einem der höchsten Budgets in der World Tour, um anderswo mehr Freiheiten zu erhalten. Zehn Teams wollten Küng verpflichten. Am Ende fiel die Wahl auf die französische Equipe Groupama-FDJ. Küng unterschrieb für zwei Jahre.

Eine ausgezeichnete Wahl, wie sich schnell herausstellte. "Es passt alles perfekt, so wie ich es mir vorgestellte habe." Grosse Vergleiche zwischen BMC und Groupama-FDJ will Küng keine anstellen. Die Philosophie bei seinem neuen Team sei aber eine andere, betont er. "Es ist familiärer. Und der Respekt unter den Fahrern ist enorm."

Die gute Stimmung im Team erleichtert Küng die vielen Umstellungen, die ihm nach sechs Jahren (zwei davon im Nachwuchsteam) bei BMC nicht ganz leicht gefallen sind. Als es darum ging, den richtigen Sattel zu finden, nahm er sich viel Zeit, bis ihm eines der sechs Modelle zusagte.

Vom Lehrling zum Leader

Kostproben seines immensen Talents hat Küng zuletzt immer wieder abgegeben. Vorab im Kampf gegen die Uhr konnte der Schweizer Zeitfahr-Meister seine Qualitäten ausspielen und einige Siege für BMC einfahren. Meistens war er aber in der Rolle des Helfers gefangen. In den Eintagesklassikern stand er in Diensten von Olympiasieger Greg van Avermaet, in den grossen Rundfahrten von Richie Porte.

Mit seinem Teamwechsel beginnt für Küng eine neue Ära. Zusammen mit dem Rundfahrten-Spezialisten Thibaut Pinot und dem Sprinter Arnaud Démare bildet der Schweizer fortan das Leadertrio bei Groupama-FDJ. Mehr Verantwortung bedeutet auch mehr Druck. Küng ist sich der gestiegenen Erwartungshaltung bewusst. "Ich will zeigen, dass ich in den grossen Rennen ganz vorne mitfahren kann. Nur weil ich jetzt mehr Freiheiten habe, heisst das aber nicht, das ich automatisch ganz vorne dabei bin."

In seinem ersten Rennmonat mit seiner neuen Mannschaft erlebte Küng bereits die ganze Bandbreite der Gefühlspalette. Da wäre am dritten Renntag in der Algarve-Rundfahrt in Portugal sein überzeugender Sieg im Einzelzeitfahren. Oder die ausgekugelte Schulter während des Halbklassikers Strade Bianche - ein Schockmoment, der den schon oft verletzten Ostschweizer (Kiefer-, Schlüsselbein, Becken-, Lendenwirbel-Bruch) aber nicht so leicht aus dem Konzept brachte. Er renkte sich die Schulter selber wieder ein und fuhr als Fünfzehnter über die Ziellinie. Am Dienstag dieser Woche setzte es für Küng im abschliessenden Zeitfahren der Fernfahrt Tirreno - Adriatico eine leise Enttäuschung ab, als es ihm nur zu Platz 16 reichte.

Im ersten Frühjahrsklassiker Mailand - Sanremo muss sich Küng am Samstag ein erstes Mal auf der grossen Bühne beweisen. Danach geht es für den ehrgeizigen Ostschweizer Schlag auf Schlag weiter. Es warten die flämischen Halbklassiker E3 Harelbeke, Gent - Wevelgem und Quer durch Flandern. Dann folgen die Flandern-Rundfahrt und Paris - Roubaix, wo er sich letztes Jahr bei einem Sturz den Kiefer gebrochen hat.

Marc Madiot, Küngs neuer Teamchef, weiss übrigens, wie man in der Hölle des Nordens gewinnt. Der 59-jährige Franzose liess sich 1985 und 1991 in die Siegerliste von Paris - Roubaix eintragen. Auf Madiot angesprochen, meint Küng: "Er ist absolut passioniert für den Radsport. Er liebt den Sport und gibt alles dafür, dass wir das Beste geben können auf dem Rad." Nun liegt es an Küng, die optimalen Voraussetzungen in Resultate umzumünzen und den nächsten Karriereschritt zu machen. Die Voraussetzungen dafür sind besser denn je.