Seit dem Rücktritt von Fabian Cancellara Ende 2016 sucht der Schweizer Strassenradsport seine grosse Identifikationsfigur. Einen Sportler, der die Massen zu bewegen und beispielsweise während der Tour de Suisse an den Strassenrand zu locken vermag. Nur noch sieben Profis helvetischer Provenienz fahren heuer im Feld der Schweizer Rundfahrt mit. So wenige wie seit 47 Jahren nicht mehr.

Aktive Fahrt wurde belohnt

Umso dankbarer sind die Organisatoren der Tour de Suisse, wenn sich die wenigen einheimischen Fahrer von der aktiven Seite zeigen. Allen voran Stefan Küng. Der Thurgauer schaffte beim Eröffnungswochenende der Tour in Frauenfeld das, was sich alle Beteiligten hierzulande erhofften: Er gewann mit dem BMC-Team am Samstag das Mannschaftszeitfahren und holte sich das gelbe Leadertrikot, welches er am Sonntag während der sehr animierten und am Ende hochklassigen zweiten Etappe erfolgreich verteidigte.

Stefan Küng winkt in seiner engeren Heimatregion vom Siegerpodest.

  

Stefan Küng gilt nicht umsonst als der Mann, der dereinst vielleicht einmal in die grossen Fussstapfen von Fabian Cancellara treten könnte. Der 24-Jährige ist fahrtechnisch zwar nicht so stark wie Cancellara, der die Differenz in den Rennen bisweilen auch dank seiner exzellenten Fahrkünste zu schaffen vermochte. Aber im Kampf gegen die Uhr gehört der Wiler bereits jetzt zur Weltspitze. Experten loben seinen Motor und seine körperlichen Voraussetzungen, bewundern seinen runden Tritt, der für eine optimale Kraftübertragung sorgt. Das alles sind beste Voraussetzungen für eine grosse Karriere.

Eine lange Krankenakte

Wenn er nun auch mal noch von Stürzen, Verletzungen und Krankheiten verschont bleibt, dann könnte Stefan Küng schon bald den nächsten Schritt nach vorne machen. Seine Krankenakte hat es nach lediglich dreieinhalb Profisaisons jedenfalls in sich: Kieferbruch, Schulter ausgekugelt, Beckenbruch, Schlüsselbeinbruch, Mittelhandknochenbruch, Pfeiffersches Drüsenfieber, Brustwirbelbruch, Lungenentzündung. Oft war bei den Verletzungen Pech im Spiel, manchmal aber auch Selbstverschulden. Weil er bisweilen mit dem Kopf durch die Wand wollte, zu ungeduldig war.

Stefan Küng hat schon jenste Verletzungen erlitten.

Stefan Küng hat schon jenste Verletzungen erlitten.

Auch wenn Stefan Küng im BMC-Team seit Jahren behutsam an die Weltspitze herangeführt wurde, so könnte für ihn ein Wechsel zu einer anderen Profi-Equipe der richtige Weg sein. Zumal der Fortbestand seines aktuellen Arbeitgebers nach dem angekündigten Rückzug von BMC alles andere als gewiss ist. Es erstaunt nicht, dass Küngs Manager, Tour-de-Suisse-Direktor Olivier Senn, bereits einige Angebote von anderen World-Tour-Teams erhalten hat.

Man kennt im Peloton die Qualitäten des 1,93-Meter-Manns. Und bei BMC ist er trotz allem immer noch ein wenig der Lehrling. Was sich übrigens auch in der gestrigen Etappe eindrücklich zeigte, als Küng in der Schlussphase die Verfolgung einer Fluchtgruppe bisweilen selber organisieren musste.

Auch in Gansingen in Gelb?

Das alles ist für Stefan Küng aber vorderhand noch Zukunftsmusik. Er geniesst seine Zeit im Leadertrikot, welches er auch heute in Gansingen behalten will. Und vielleicht sogar noch länger: «Ich bin gelassener geworden. Ich fühle mich gut. Wieso soll ich mein Trikot nicht auch noch am Dienstag in Gstaad verteidigen können?» Die Zuschauer im Ziel und am Strassenrand hätten sicher ihre helle Freude daran.

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