Bei der Zieldurchfahrt hatte Nino Schurter sogar die Zeit, um alles so richtig zu geniessen. Arme hoch, Faust hoch, Finger hoch, Zieldurchfahrt, Fahrrad hoch – dann war nichts mehr da, um in die Luft zu strecken.

Was dürfte dem Bündner da alles durch den Kopf gegangen sein, während er sich dem feiernden Publikum und der Fotografenschar präsentierte? Die bitteren Tränen von London, als ihn Jaroslav Kulhavy niedergerungen hatte und er sich erst am Tag danach über Silber freuen konnte? All die Schweissperlen, die in den letzten vier Jahren geflossen waren? Nein, einfacher: «Ich dachte daran, dass dies das perfekte Rennen war.» Es ist geschafft: Gold nach Silber 2012 und Bronze 2008. Was für eine Story. Welch schönes Ende der Olympischen Spiele!

Am Ende konnte Schurter wirklich von Perfektion sprechen. Er kam beim Start gut weg, war sofort an der Spitze, konnte das Rennen gut kontrollieren und hatte in Jaroslav Kulhavy nicht nur einen Konkurrenten, sondern auch einen Verbündeten.

Von den Gefühlen getragen

Die beiden setzten sich nach drei von sieben Runden vom Rest ab und teilten sich fortan die Führungsarbeit. Schon da bemerkte Schurter: Er war an diesem Sonntagabend stärker als der Tscheche. Kein Vergleich mit London 2012, als die beiden sich einen epischen, mehrere Runden langen Zweikampf lieferten, in dem vor allem Schurter die Initiative übernahm und dafür in den letzten Sekunden teuer bezahlte. Auf eine gemeinsame Zieleinfahrt wollte sich Nino Schurter deshalb nicht einlassen: «In der zweitletzten Runde griff ich darum schon an und kam weg. Perfekt!»

Was dann folgte, wurde zu Schurters Triumphfahrt: «Es trugen mich die Glücksgefühle.» Knapp einen halben Kilometer vor dem Ziel wusste er: «Jetzt kann nichts mehr passieren.»

Der Bündner besiegte am Ende nicht nur Kulhavy klar mit 50 Sekunden Vorsprung, er trotzte auch den unerwarteten Umständen auf der Strecke. Ein Gewitter hatte die Gegebenheiten der künstlichen, wurzellosen, dafür mit massenweise an Steinen gepflasterten Strecke grundlegend verändert. Nicht nur bei Schurter sorgte dies für einen Moment der Unsicherheit. «Plötzlich kamen vor dem Start Zweifel auf», gestand Schurter.

Doch die Sorgen waren unbegründet, Nino Schurters technische Fähigkeiten brachten ihn sicher durch den Parcours. Nicht allen gelang dies in einem Rennen, das teilweise zu einem Festival der üblen Stürze auszuarten drohte. Lars Forster, den Olympiarookie aus Jona, erwischte es: Der 23-Jährige verletzte sich am Knie, sein Debüt endete im Spital, das er nach dem Nähen der Wunde aber bereits gestern wieder verlassen konnte.

Wegen Schurters Goldsegen ging eine weitere Schweizer Story fast unter, jene Mathias Flückigers. Der Berner schwebte zwischen zwei Gefühlswelten. Einerseits der Freude, unter den gegebenen Umständen mit Rang 6 ein Diplom herausgefahren zu haben. Andererseits dem Ärger, nicht das wirklich Erhoffte errungen zu haben. Denn die «gegebenen Umstände» waren besonders, für Flückiger «fast zu peinlich» zu erklären: «Ich zog mir am Samstag eine Art Muskelkater zu, weil ich nach einem verpassten Shuttlebus zum Training ins Village zurücklief und zu schnell die Treppe hoch und runterrannte …» Der Ärger war gross: «Ich nervte mich die ganze Nacht. Diese Saison lief perfekt und jetzt das …»

Muskelkater, Treppensteigen, verpasster Bus – das waren Sorgen, die in Schurters Welt nicht vorhanden waren. Seine Welt war perfekt.