Das gab es noch nie! Sowohl der Final der Champions League als auch der Final der Europa League besteht aus Vertretern aus dem gleichen Land. Die Engländer dominieren 2018/19 die europäischen Klubfussball-Wettbewerbe.

Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass sich drei Klubs aus London und damit aus einer einzigen Stadt für die beiden europäischen Finals qualifiziert haben.

Warum hat der englische Klubfussball, in den seit Jahren viel Geld investiert wird, plötzlich Erfolg? Wir haben uns auf die Suche nach Ursachen gemacht...

#1 Die Engländer sind die neuen Deutschen

«Fussball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler hinter einem Ball herjagen und am Ende gewinnt immer Deutschland.» Das Zitat von England-Legende Gary Lineker nach der Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland an der WM 1990 ging um die Welt.

Das Zitat muss nach dieser Woche etwas angepasst werden: «Fussball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler hinter einem Ball herjagen und am Ende gewinnt immer England.»

Es ist schon unglaublich, wie viel Moral die englischen Teams gezeigt haben. Liverpool hat ein 0:3 gedreht, Tottenham in der 2. Halbzeit ebenfalls drei Tore aufgeholt und Chelsea hat sich gestern ins Penaltyschiessen gekämpft – und davor in der Verlängerung zweimal den Ball knapp vor der Linie geklärt.

Die bekannten deutschen Tugenden wie Kampfgeist, Laufbereitschaft und der unbändige Siegeswille war plötzlich bei sämtlichen englischen Teams zu sehen. Ja, die Teams der Premier League haben nicht primär gewonnen, weil sie besser waren, sondern weil sie auch bis zuletzt an den Erfolg geglaubt haben.

#2 Kontinuität und gezielte Transfers

Jahrelang wurde bei den PL-Klubs ziemlich planlos eingekauft. Das Geld war im Überschuss da und erwies sich als Fluch statt Segen. Mittlerweile haben die Engländer realisiert, dass sie sich zwar punktuell verstärken können, die Mannschaft aber nicht jedes Jahr auf den Kopf gestellt werden sollte.

Als Paradebeispiel geht hier Tottenham voran, welches die Mannschaft seit Jahren kaum verändert hat und die Leistungsträger halten konnte. Auf diese Saison hin hat Tottenham keinen einzigen Cent für neue Spieler ausgegeben.

Alle vier Klubs haben ihren Stamm gehalten und nur vereinzelte Positionen verstärkt oder ausgetauscht. Die Mannschaften sind deshalb gut eingespielt – und funktionieren.

#3 Die Intensität der Premier League zahlt sich aus

Weil in der Premier League mittlerweile auch die kleineren Klubs genügend Budget haben, sich starke Teams zusammenzustellen, ist die Liga auf ein konstantes, gutes Niveau gekommen. Einfache Spiele gibt es selbst für die Topklubs kaum.

Lange haben die Engländer diese Tatsache als Ausrede für ihre internationale Erfolgslosigkeit missbraucht – die Liga sei einfach zu streng, um auch im Europacup noch mithalten zu können.

Mittlerweile scheinen sich die Vereine aber daran gewöhnt zu haben und profitieren davon, dass sie Wochenende für Wochenende mit höchster Intensität spielen. Während Barcelona, Bayern, Juventus oder PSG in der Liga auch mal mit angezogener Handbremse spielen und gewinnen, ist das in England kaum möglich.

Da erstaunt es nicht, dass Tottenham und Liverpool noch die Kraft hatten, in der zweiten Halbzeit je drei Tore nachzulegen.

#4 Vertrauen in ausländische Trainer

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet das Mutterland des Fussball taktisch grosse Defizite hat – gute Trainer bringt England eigentlich kaum raus, selbst der talentierte Eddie Howe wurde bisher von keinem Topklub verpflichtet.

Seit der Einführung der Premier League 1992 hat kein einziger englischer Trainer die Liga gewonnen – Sir Alex Ferguson ist Schotte. Schon seit längerem setzten die grossen Vereine aus England deshalb auf ausländisches Personal an der Seitenlinie.

Während bei Tottenham Mauricio Pochettino (Argentinien) bereits seit fünf Jahren im Amt ist, erhält Jürgen Klopp (Deutschland) seit 2015 das Vertrauen in Liverpool. Beide haben bisher keinen Titel geholt. Und durften dennoch bleiben, mit ihren Mannschaften arbeiten und stehen jetzt im Finale der Königsklasse. Gerade in der Premier League ist dieses Vertrauen trotz Erfolglosigkeit bei vielen Klubs ungewöhnlich – umso schöner zahlt es sich jetzt aus.

Ob Maurizio Sarri (Italien) bei Chelsea und Unai Emery (Spanien) bei Arsenal ebenfalls bleiben dürfen? Beide hatten eine durchwachsene Saison, die eigentlich nur mit dem Titel in der Europa League gerettet werden kann.

Beide haben ihre ganz eigenen Spielideen und brauchen überdurchschnittlich viel Zeit, um die Mannschaft darauf einzustellen. Mit Liverpool und Tottenham haben aber zwei Klubs gezeigt, dass es der richtige Weg ist, nicht nur auf kurzfristige Erfolge zu achten, sondern die Weiterentwicklung der Mannschaft zu priorisieren.

#5 Eine gut gefüllte Portokasse schadet nie

Natürlich kommt man nicht drum rum, auch das Geld für die Erfolge verantwortlich zu machen. Spitzenspieler ziehen nach England, wo die generelle Attraktivität der Liga noch durch Spitzenlöhne ergänzt wird. Die immens hohen Erträge durch TV-Einnahmen machen es möglich – dazu steht hinter den meisten Topklubs ein schwerreicher Investor.

Mit Geld kann man sich zwar keinen Erfolg kaufen (PSG lässt grüssen), doch es hilft halt doch enorm, beim Aufbau der Mannschaft und vor allem auch als Argument für Vertragsverlängerungen von Leistungsträgern.

Auch wenn Spanien die letzten fünf Jahre in den europäischen Wettbewerben dominiert hat, hat sich das Fussball-Epizentrum in dieser Saison nach England verlagert.

Und dies, obwohl die beiden Teams aus Manchester, notabene mit den höchsten Ambitionen, europäisch gescheitert sind. England hat 6 Mannschaften, die international um Titel spielen können. Dieses Jahr streiten 4 davon um die zwei Titel.

Warum die UEFA trotzdem für Unmut unter den englischen Fans sorgt (LGA):