Quersicht
Gästesektoren in den Fussballstadien nicht schliessen, sondern abschaffen

Die Diskussion über die personalisierten Tickets entbrennt bei jedem Vorfall in den Fussballstadien und wird nicht aufhören, bis es eine Lösung gibt. Bei den Heimspielen im Fansektor, bei den Auswärtsspielen verteilt im Stadion – wäre dies nicht ein Ansatz?

René Bühler
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Kolumnist René Bühler

Kolumnist René Bühler

Benjamin Manser

Kurzfristig konnte man die Massnahmen gegen das Coronavirus als Vorwand für die Schliessung der Gästesektoren nehmen, das Problem darf aber nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Für eine mutige Lösung ohne personalisierte Tickets wäre noch Zeit. Obwohl die Mehrheit der Sicherheitsdirektoren der Kantone und Städte sowie der Bundesrat die personalisierten Tickets fordern, gäbe es eine Chance auf eine andere Lösung.

Sie werden nicht mehr inkognito auftreten können

Während vieler Länderspiele sitzen die Fans der unterschiedlichen Nationen nicht in starr von einander getrennten Sektoren auf den Tribünen. Man sollte dieser Friedfertigkeit, die hier offensichtlich möglich ist, eine Chance geben.

Jene Fans, die sowieso nicht ins Stadion kommen sollten, weil sie dort wegen ihres Verhaltens auch nicht hingehören, werden den Auswärtsspielen fernbleiben, da sie verteilt im Stadion nicht mehr inkognito auftreten können.

Es ist bekannt, dass Krawalle vor allem dann entstehen, wenn die Fans in grossen Gruppen auftreten. Wer nichts zu verbergen hat, eben ein richtiger Fan ist und seinen Verein unterstützen möchte, kann auch mit einem Kollegen zusammen irgendwo im Stadion sitzen.

Da es den Fanszenen ja wirklich nicht an innovativen Ideen fehlt, werden sie auch so Mittel und Wege finden, ihr Team in fremden Stadien synchron anzufeuern. Bei den Heimspielen im Fansektor, bei den Auswärtsspielen verteilt im Stadion – wäre dies nicht ein Ansatz?

Natürlich gibt es auch hier Probleme zu lösen, beispielsweise in den halb leeren Stadien in Genf, Zürich und Lugano, wo sich die Fans dann doch reunieren könnten. Durch bauliche Massnahmen wäre aber auch dieses Problem zu lösen.

Man muss es den unrühmlichen Fans «verleidelig» machen

Selbstverständlich würde diese Idee Proteste auslösen. Sie könnte aber eine Chance für friedliche Fussballspiele sein und entspricht somit dem Wunsch der Mehrheit des Publikums. Man muss es den unrühmlichen Fans «verleidelig» machen, dafür kehren Familien zurück ins Stadion.

Auch eine gemeinsame Reise im Extrazug oder im Car bleibt möglich, man sitzt im Stadion aber in kleinen Gruppen von maximal zwei bis drei Leuten zusammen und lernt ein ganz anderes, normaleres Empfinden für seinen Verein, den Gegner und dessen Fans.

Eine Alternative zu den verhassten personalisierten Tickets

Bei dieser Anzahl Zuschauer in den Schweizer Stadien sollte es auch möglich sein, die auf dem Markt erhältlichen Tickets so zu organisieren, dass diese nur noch über den Gastverein an die Gästefans gehen. Natürlich ist es verständlich, dass die Fangruppen gerne zusammenstehen, aber sie sollten aufgrund der bestehenden Problematik offen sein für eine solche Lösung als vernünftige Alternative zu den bei ihnen so verhassten personalisierten Tickets.

Der Start und der zu erwartende Aufstand müssten durchgestanden werden. Repression und Prävention alleine reichen nicht, das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Man sollte aufhören, nach jedem neuen Vorfall wieder aufzuschreien und Massnahmen zu fordern.

Die gewaltbereiten Fans werden bei einer solchen Sitzordnung nicht mehr an die Auswärtsspiele gehen. Für einen mutigen Weg, auch wenn er etwas Durchstehvermögen benötigt, wäre die Schweiz mit den überschaubaren Zuschauerzahlen geradezu prädestiniert und könnte sogar über die Grenzen hinaus ein Zeichen setzen. Vielleicht wäre es eine letzte Chance vor der totalen Überwachung wegen einer Minderheit von Chaoten.

Unser Kolumnist

René Bühler wirft in regelmässigen Abständen einen Blick auf das Sportgeschehen. Er ist Ehrenpräsident des FC Fortuna St.Gallen und Herausgeber des Buches «Fussballjahre». (red)