Olympische Spiele
Keine Kinder, Freundinnen und eine tolle Atmosphäre: Deshalb ist die Schweiz bei den Olympischen Spielen so erfolgreich

Ralph Stöckli, Chef de Mission der Schweizer Delegation bei den Olympischen Spielen in Tokio, zieht eine erste Zwischenbilanz und beantwortet die Frage, weshalb es so viele Medaillen regnet.

Simon Häring, Tokio
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Die zwölf Schweizer Medaillen bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Die zwölf Schweizer Medaillen bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Key/CH Media

Die Zitrone ist ausgepresst, sagte Ralph Stöckli nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, bei denen die Schweizer Delegation 7 Medaillen bejubeln konnte. Mehr sei nicht möglich. Er sollte sich gewaltig täuschen.

Bei den Olympischen Spielen in Tokio hat die Schweiz bei Halbzeit schon zwölf Medaillen auf sicher: Drei Mal Gold durch Schützin Nina Christen, die Tennisspielerin Belinda Bencic und Jolanda Neff im Mountainbike, vier Mal Silber durch Viktorija Golubic und Bencic im Doppel, Marlen Reusser im Zeitfahren, Mathias Flückiger und Sina Frei im Mountainbike und vier Mal Bronze durch Christen, Linda Indergand beim Schweizer Dreifach-Erfolg im Mountainbike und die beiden Schwimmer Jérémy Desplanches und Noè Ponti.

Für die Schweiz ist es bereits bei Halbzeit die beste Bilanz bei Olympischen Sommerspielen in diesem Jahrtausend. 2000 in Sydney gab es 9 Medaillen (1 x Gold, 6 x Silber, 2 x Bronze), 2004 in Athen waren es 5 Medaillen (1/1/3), 2008 in Peking (2/1/4) und 2016 in Rio de Janeiro (3/2/2) gab es 7 Mal Edelmetall. Weniger erfolgreich waren die Wettkämpfe 2012 in London mit vier Medaillen (2/2/0). Letztmals hatte die Schweiz 1952 in Helsinki die Marke von 10 Medaillen geknackt, damals gab es 14 Medaillen (2/6/6).

Ralph Stöckli zieht, natürlich, eine positive Zwischenbilanz.

Ralph Stöckli zieht, natürlich, eine positive Zwischenbilanz.

Urs Lindt / freshfocus

Chef de Mission Ralph Stöckli hebt den Mahnfinger

Wie kann das sein, Ralph Stöckli? Der Ostschweizer sagt: «Wir kommen kaum nach mit dem Zählen der Medaillen. Mir fehlen ein wenig die Worte. Ich bin extrem stolz, und ich hoffe, die ganze Schweiz ist stolz auf diese Leistungen.» Doch der ehemalige Curler, der 2010 selber Olympia-Bronze gewonnen hatte, hebt auch den Mahnfinger: «Das ist alles andere als selbstverständlich. Wir müssen demütig bleiben.» Sie würden immer davon ausgehen, dass es für eine Medaille drei Anwärter brauche. «Da sind wir nach meiner Einschätzung derzeit klar drüber», sagt Stöckli.

Er sagt, Swiss Olympic und den jeweiligen Teamchefs sei es gelungen, den Athletinnen mit den Vorbereitungen Gelassenheit zu schenken. Sie hätten gewusst, was in den Pandemie-Spielen auf sie zukomme. Zum Beispiel lange Wartezeiten bei der Einreise nach Japan, was alles andere als eine optimale Vorbereitung auf Wettkämpfe darstelle. «Diese Gelassenheit ist die Basis für gute Leistungen», sagt Stöckli. Dazu hätten sie es geschafft, alle Athletinnen und Athleten sicher nach Japan zu bringen. Am Freitag erreichten die letzten Tokio. Positive Covid-Fälle oder enge Kontakte hat es keine gegeben. Das ist zwar auch Glück, aber nicht nur.

Bisher konnten die Schweizer den Lagerkoller im Olympic Village verhindern. Am Nationalfeiertag gab es ein virtuelles Konzert.

Bisher konnten die Schweizer den Lagerkoller im Olympic Village verhindern. Am Nationalfeiertag gab es ein virtuelles Konzert.

Laurent Gillieron / Keystone

Massen-SMS und Konzert gegen Lagerkoller

Entscheidend für Erfolge sei die gute Atmosphäre im Schweizer Team, für die Stöckli gleich selber sorgt. Nach jedem Medaillengewinn – und davon gab es nun schon einige – schickt er an alle Athletinnen ein SMS. Am Nationalfeiertag gab es zudem ein virtuelles Konzert des Rapperswiler Künstlers Aaron. Das mögen Details sein, hilft aber gegen Lagerkoller. «Und das ist die Basis für Erfolge», sagt Stöckli. Er lässt nicht unerwähnt, dass die Schweizer Sportler während der Pandemie vergleichsweise wenig Einschränkungen erfahren hätten. «Wir hatten das Glück, dass unsere Athletinnen und Athleten sich relativ gut vorbereiten konnten.»

Dass die meisten Wettkämpfe wegen der Pandemie leider ohne Zuschauer stattfinden, bedauert Stöckli zwar, ebenso den Fakt, dass die Sportlerinnen ohne Familie, Freundinnen oder Kinder anreisen mussten. Das sei zwar schade, aber sicher kein Nachteil. Das Gegenteil sei der Fall. «Es geht hier nur um den Sport, um nichts anderes. Dass die Familien nicht hier sind, ist schade, aber das sind oft auch zusätzliche Faktoren, denen man gerecht werden muss.» Viele hätten ihm gesagt, dass es ein Vorteil für sie sei, dass sie sich nur auf die sportliche Leistung konzentrieren müssten.

Schlechte Nachrichten wie jene des Dopingfalls von Alex Wilson oder zuvor bei Kariem Hussein gehen in den Erfolgsmeldungen unter.

Schlechte Nachrichten wie jene des Dopingfalls von Alex Wilson oder zuvor bei Kariem Hussein gehen in den Erfolgsmeldungen unter.

Georgios Kefalas / Keystone

Dopingfälle Wilson und Hussein gehen unter

Das zuvor formulierte und längst übertroffene Ziel von mindestens sieben Medaillen möchte Stöckli nicht nach oben korrigieren, auch wenn er sagt: «Ich bin überzeugt, dass wir noch viele schöne Momente erleben werden.» Zum Beispiel im Reiten, wo Steve Guerdat und Martin Fuchs im Einzel und die Equipe zu den Favoriten zählen. Oder im Ringen, wo Stefan Reichmuth eine Medaille gewinnen könnte. Die Erfolge haben übrigens auch einen schönen Nebeneffekt: die Nachrichten zu den Dopingfällen von Kariem Hussein und Alex Wilson gehen bei den vielen Erfolgsmeldungen unter.

Wohl für immer unerreicht bleibt die Rekordmarke von sagenhaften 25 Medaillen (7/8/10), über die sich die Schweiz 1924 in Paris freute. Damals nahmen allerdings «nur» 2954 Athleten und 135 Athletinnen aus 44 Ländern teil. Aber das war ja auch im letzten Jahrtausend.

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