Olympiazentrum
Ein neues Projekt will die besten Köpfe im Schweizer Sport zusammenbringen

Der Schweizer Spitzensport will sich fit für die Zukunft und für internationale Grossanlässe machen und plant ein Olympiazentrum. Dabei schaut man auch auf Länder wie Norwegen oder Österreich.

Rainer Sommerhalder
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Der Austausch über die Sportarten-Grenzen hinweg - wie hier zwischen Roger Federer und Nicola Spirig - ist ein Kernelement des neuen Schweizer Olympiazentrums.

Der Austausch über die Sportarten-Grenzen hinweg - wie hier zwischen Roger Federer und Nicola Spirig - ist ein Kernelement des neuen Schweizer Olympiazentrums.

Keystone

Es ist das Testament einer gescheiterten Liebe. Bei der Projektierung einer Olympiakandidatur macht man sich auch Gedanken über das Vermächtnis solcher Spiele. Wenn die Durchführung des grössten Sportanlasses schon gigantisch viel kostet, dann soll er auch entsprechend nachwirken und Werte generieren.

Ein solcher Wert der letztlich missglückten Olympiakandidatur «Sion 2026» ist das Konzept eines Olympiazentrums. Eine Idee, die örtlich und gedanklich über das hinausgeht, was das nationale Sportzentrum Magglingen als in Stein gemeisselter Rütlischwur des Schweizer Sports seit nunmehr 75 Jahren verkörpert.

Für die Projektleitung hat der Dachverband Swiss Olympic Ralph Stöckli, den Olympiaverantwortlichen im Verband, bestimmt. Er erhält bei der Ausarbeitung der Strategie Unterstützung durch das Ressort Sportökonomie der EHSM und von Hippolyt Kempf, dem Dauerbrenner unter den Ideenzündern auf der heimischen Sportlandkarte.

Ralph Stöckli sagt, dass man ein solches Olympiazentrum nicht von Grund auf bauen muss. Es ist vielmehr die Idee, die gedeihen soll. Die Vernetzung der sportlichen Kompetenz. Der permanente Austausch der hellsten Köpfe und der besten Athletinnen und Athleten des Landes. Ein Mehrwert durch Synergien.

«In Sachen Infrastruktur entsteht gerade unglaublich viel Spannendes – der Ausbau in Magglingen und Tenero, das OYM in Cham, die Initiative Sportcampus Ost oder der Campus an der Eidgenössische Technische Hochschule und Uni Lausanne», sagt Stöckli. Doch wie können sich die einzelnen Projekte gegenseitig befruchten?

Ein Austausch über die Sportarten hinaus

Das Ziel des Olympiazentrums ist klar. Der Schweizer Sport will international langfristig konkurrenzfähig sein. Dafür vergleicht man sich auch bei der Ausarbeitung des Konzepts international. In einer ersten Phase ging der Blick nach Frankreich, nach Deutschland oder nach Österreich, wo Netzwerke von Olympiazentren existieren. Spannend auch die private Initiative eines sportartenübergreifenden Leistungszentrums mit Unterstützung von Red Bull in Österreich.

Und natürlich schielt man nach Norwegen. Immerhin hat sich das Land im Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele seit 2010 in Vancouver von Rang 4 (23 Medaillen) über Rang 2 in Sotschi 2014 (26) bis an die Spitze 2018 in Pyeongchang (39) gehievt.

Der «Olympiatoppen» in Oslo als Gral des norwegischen Sporterfolgs hat bereits Legendenstatus. Ralph Stöckli sagt, es sei die unglaublich entspannte Atmosphäre rund um diese Einrichtung, die fasziniere. Und die Einfachheit. Das Zentrum gleicht einem Holzchalet, der Austausch geschieht ebenso unkompliziert und ist vielleicht gerade deshalb sportartenübergreifend so effizient wie nirgendwo sonst.

So bewundernd der Schweizer Blick nach Skandinavien auch sein mag, man will nicht einfach einen anderen Weg kopieren, sondern ein Schweizer Modell entwickeln. «Reinschauen und lernen», lautete die Devise für die Besuche von Stöckli und Kempf in ausländischen Einrichtungen. Zentral ist für den Schweizer Olympiachef auch die Perspektive über den Tellerrand hinaus. Man nehme auch Netzwerke ausserhalb des Sports ins Visier, um Mehrwert und Innovation zu erkennen und zu generieren.

Bessere Trainings vor der Haustüre

Derzeit ist das Schweizer Olympiazentrum in der Initialisierungsphase. Dazu gehören die Ausarbeitung von Varianten und eine Machbarkeitsstudie. Im September 2021 soll der Exekutivrat von Swiss Olympic über den besten Weg entscheiden. Danach folgt im Rahmen der Konzeptphase die Detailplanung.

Ralph Stöckli sagt, es sei auf jeden Fall elementar, «die Standorte des Schweizer Olympiazentrums genauso aufzubauen, dass sich dort die Besten ihres Fachs treffen und austauschen können». Die Zeit sei reif für ein solches Projekt, von dem er sich grosse Motivation und Wirkung – einen wahren Boost – verspricht.

Aus Sicht des Schweizer Olympiachefs verlangen die Konsequenzen von Corona auch vom Sport, sich fit für die Zukunft zu machen. Der Trend zeige klar in Richtung weniger reisen. Auch deshalb müsse in bessere Trainingsmöglichkeiten in der nahen Umgebung investiert werden. Ralph Stöckli ist felsenfest überzeugt von der Idee: «Der Schweizer Spitzensport braucht ein Zuhause».